Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1902)
- Date
- 1902-01-23
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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184 lassen, und es ist nicht zu leugnen, daß auch die Schule hier manches aus dem Gewissen Hai. Daß das deutsche Lesen weit besser geht, als das hebräische, ist eine bekannte Thatsache. Es hat dies aber seinen Grund nickt nur in der größeren Vorliebe zum'Deutschen, in der häufigeren Gelegenheit, deutsche Stücke zu lesen, in der größeren Abneigung gegen das Hebräische, durch den Jndifferentismus gegen unsere Religion überhaupt; in gar vielen Fällen trägt ein gut Theil der V e r a n t w o r t u n g auch die Unterrichtsmethode. Es ist keine Zeit oerschwendüng, das m e ch a n i s ch e L e s e n bis in die obersten Schulklassen zu üben und s o r t z u - setze n. Jeder Lehrer weiß, daß das mechanische Lesen viel, ja sehr viel bei den breiten Massen zu wünschen übrig läßt. Das verständige Lesen endlich hängt mit dem sog. ästhetischen Lesen enge zusammen. „Das ist die hoch st e Stufe der Lesefertigkeit, das Ziel alles Leseunterrichts." Es ist das sinngemäße Lesen, verbunden mit dem nöthigen Ausdruck und Nachdruck, welcher das „Verständniß des Inhalts widerspiegeln soll." Die Beachtung der Regeln über mil'el und mil'ra, die Abtheilung der Sätze nach Sinn und Inhalt, die schon oben berührte Unterscheidung zwischen weichen und harten Lauten, kurzen und langen Vokalen, das alles ist hier einschlägig. Leider kann der Unterricht im Gebetübersetzen die.Grundlage für ein verständiges Lesen nickt soweit abgeben, als es im Interesse der guten Sache wünschenswerth erscheinen inuß. Die sattsam bekannten unerfreulichen Verhältnisse im jüdischen Religionsunterricht überhaupt lassen auch dem pflichteifrigen Lehrer das schmerzliche Be- . wußtsein, daß beim Beten so Vieles nur äußeres Lippcnwerk bleiben wird, bleiben muß. Es fehlt der Schlüssel des Verständnisses. Das sinnlose Auseinanderreißen von Satztheilen, die zusammengehören, die Zusammenziehung von anderen, die zu trennen sind, verlegt bei sachkundigen Zuhörern gar oft Ohr und Gefühl. Nicht nur beim erwähnten Kaddischsagen zeigt sich dies, man kann die Beobachtung auch beim Kiddnsch des Am-Haarez, wenn er im häuslichen Kreise noch darauf hält, recht häufig machen, ebenso beim „Mesuman-Venschen." ja nicht selten bei den kurzen Segenssprüchen beim Vorlesen aus der Thora. Ueberall zeigt sich, daß von „einem ästhetischen und verständigen Lesen fast jede Spur fehlt." Zu wundern braucht man sich darob nicht sonderlich, wenn sogar das lautreine und mechanische Lesen so viel zu wünschen übrig lassen. Wundern muß man sich vielmehr über die A n m a ß u n g. welche dem Lehrer gegenüber immer noch die Behauptung wagt, daß er zu langsam betet! Wundern muß man sich über die D r e i st igle i t, welche fest glaubt, in der Hälfte Zeit genau dasselbe Gebet und in ebenso tadelloser Form verrichten zu können, wie der Vorbeter! Die Stadt A. liegt von der Stadt B.. drei Stunden entfernt. Ein strammer Fußgänger beflügelt seine Schritte und erreicht das Ziel in kaum zweiundeinhalb Stunde. Ein Hinkender, der sich aus seinen Krücken nur mühsam fortbewegt, geht eine Stunde oder sogar .anderthalb Stunden später weg, als ersterer und will doch noch eher zur Stelle sein'!? Wer glaubt's? Das Bild und seine Deutung mögen iich nun diejenigen einprägen, welche notorisch „zu spät kommen" und regelmäßig zu frühe das Gotteshaus verlassen. Da man aber in der Gegenwart so gewaltigen Respekt vor der Statistik hat, da man die zahlengemäße Ausstellung achtet, ehrt, fürchtet und begehrt, so sei auch hier zum Schluß ein lehrreiches Exempel statuirt. Ich weiß aus jahrelanger Erfahrung, daß der' Vorbeter in zahlreichen Gemeinden am Sabbat eine halbe Stunde braucht bis zu dem Gebete Emes w'jaziv. Das sind nun mehr als 5600 Worte, in Worten sechundsünfzighundert! Nach Adam Riese kommen somit auf die Minute rund 185 Worte. Welche Lungen- und Lippenleistung dies bedeutet, mag billig jeder Professor der Rhetorik oder ein Meister der deklamatorischen Kunst beurtheilen. „Dabei handelt es sich um Gebete," um eine A n d a ch i, um Sammlung unseres Innern, um Veredelung unserer selbst. Wer nun auch nur fünfzehn. Minuten zu spät zum Gottesdienste geht, der mag selbst berechnen, wie viele Worte schon gebetet sind, wie viel er also „nachzuholen" hat. Wir gestatten ihm, die Uhr mit dem Sekundenzeiger zur Hand zu nehmen und daheim im . stillen Kämmerlein die Probe zu machen unter „zwei Augen." aber gewissenhaft! Und sollte das Lesen der ungeläufigen Sabbatvsalmen im Morgengebeie etwas schwierig erscheinen, so sei als Probestein die alltägliche Schmono Esre. zu welcher man 2—3 Minuten braucht, zuvorkommender Weise zugestanden. Sollte die Probe gegen Erwarten dem Verfasser dieses polemischen Plauderstückchens Unrecht geben, so will er reumüthig an die Brust schlagen und gerne öffentlich bekennen, daß er sich gerirrt, indem er bisher einen Unterschied gemacht zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Wahrheit und Dichtung, „zwischen Beten und Nichtbeten. Für heute und bis jetzt bekennt er sich allerdings zu der Meinung, daß der Lehrer — nicht zu langsam betet. Füv. Allerlei. Tüs; ist der Scklas des Arbeiters (Spruche). Arbeite am Tage, damit Du des Nachts der süßen Ruhe pflegen kannst, arbeite während der Woche, damit Du die hehre Sabbatruhe voll genießest, arbeite während des Jahres, damit Du die Feiertage froh begehest, arbeite in der Vollkraft Deines Lebens, damit Du im 'Alter einer würdevollen Rast Dich erfreuest, arbeite in dieser Welt, aus daß Du der ewigen i Ruhe, der Zeit, da immer Sabbat, theilhaftig werdest. PeranIworUiän: Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des .Israelit". Schottstraiie Nr. L Mainz. Druck und Verlag der Loh. Wirths'chen Hosbuchdruckerei Actien-Gesellschaft iir Mainz.