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Der Israelit · 1902-01-23 · Heft 7 (23.1.1902) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 7 (23.1.1902)
Date
1902-01-23
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Ceiltral-Organ für das orthodoxe Judenthum. ->«.» -» ■ ■' Alaiier für die israet. Schule. 23. Ja«. 1902.1 fSil&§$§lfß§® WmlLM M Wr. % .[«*•;*• Der Herr Lehrer betet zu langsam! Ernste Plauderei aus der Praxis von $f. 8k. in N. Gewiß ein zeitgemäßes Thema! Nicht wahr, liebe .Kollegen? Ihr habt alle das Wort schon gehört, ob Ihr das Glück habt, in fester, staatlicher Stellung Eures Amtes zu walten, oder als simpler Religionslehrer in wenig beneidenswerther Lage Euer Dasein fristet; ob Ihr die Großstadtluft athmet, oder im Halbdämmerlichte der Kleinstadt dahinlebt, oder gar im kleinen Dorfe „versauert." — „Der Herr Lehrer betet zu langsam, zu langsam!" Das ist so recht bezeichnend, so recht charakteristisch für eine Zeit, die alles, nur keine Zeit hat. Wir stehen im Zeichen des Verkehrs, des schnellen Verkehrs^ der jede Spanne Zeit so viel als möglich ausnützen möchte. „Zeit ist Geld." so lautet die Redensart, welche der Materialismus unserer Tage geprägt hat, gleichsam als empfehlende Lebensregel im Kampfe um's Dasein. Und wie intensiv sucht man diese Lehre in die Praxis umzusetzen. Auf allen nur fahrbaren Wegen schnurrt das Zweirad dahin, den mühsamen Fußgänger weit hinter sich zurücklassend. Schon läßt auch das „Auto" sein „Pföt — Pföt" ertönen als Warnruf für die Paffanten der Landstraße. Die Diligence der alten Zeit ist längst verschwunden. Das Dampfroß durchfliegt in rasender Eile die Staaten der Kulturvölker. Immer mehr hat man die Geschwindigkeit gesteigert, bis sie im D-Zuge, in der direkten Wagenverbindung, im Orienterpreß, den höchsten Grad der Vervollkommnung erreichte. Selbst das kleinste Dorf, sonst ein Bild idrillischer Ruhe und Friedensstille, petitionirt heute an die Kammern und Kämmerchen, ihm den Eisenbahnhunger zu stillen. Das dichte Eisenbahnnetz wird gewissermaßen als Wahrzeichen des Kulturfortschrities angesehen. Jede halbwegs aufstrebende Stadt besitzt ihre „Elektrische," den Personenverkehr im Innern auf rasche und bequeme Weise zu bewältigen. Der Telegraph meldet aus fernen Zonen und Welttheilen, was vor kaum wenigen Stunden sich dort zugetragen, und die Rotationsmaschine sorgt in wenigen Minuten für die tausend- und abertausendfache Vervielfältigung bezw. Verbreitung der interessanten Nachrichten. Man hält den Schallbecher an's Ohr und unterhält sich in seinem Wohnzimmer bequem mit dem Freunde, ' der . Hunderte von Meilen von uns weg wohnt, und schon stellt der kühne und geniale Italiener Marconi seine Apparate an den Meeresküsten auf, um auch „ohne Draht" über den Ozean zu sprechen, um frei „im Reiche der Lüfte zu herrschen, wie der König Weih." „Man weiß nicht, was noch werden mag," würde Ludwig Hölty angesichts alles dessen mit Recht auch heute noch ausrufen. So läßt der mächtig dahinflutheude Zeitstrom seinen Wellenschlag auch im kleinen Dorfe verspüren, selbst dort ist die Hast und Unruhe an Stelle der Gemüthlichkeit und des GleichmutheS getreten. . Kein Wunder, daß man auch dort keine Zeit mehr hat, keine Zeit mehr für das Ewige. Himmlische, keine Zeit mehr für seinen Gott und dessen Gesetz. Diesem „zeitlosen Zeitgeist" fällt der Sabbat und die Festtage zum Opfer, der zeitlose Zeitgeist schafft die leeren Synagogen an ernsten wie freudigen. Gedenktagen, gar nicht zu reden ' von den gewöhnlichen Wochentagen. Er entzieht die Kinder dem „nutzlosen" Religionsunterricht, um sie dem Moloch Materialismus in die Arme zu legen. Kein Wunder auch, daß da — und davon soll hier eigentlich die Rede sein — wo man noch in angestammter Glaubenstreue oder selbst aus äußerer Gewöhnung an das Altüberlieferte, aus Rücksichten der Pietät daS GotteL- <». ,ij. > ipyrr. .■ «MS!»>J.1 IW4. tyjiiu

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