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Der Israelit · 1902-01-23 · Heft 7 (23.1.1902) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 7 (23.1.1902)
Date
1902-01-23
Page
– (sequence 28)
Language
German
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seine Geistesgegenwart wieder gewann und mit einem mitleidsvollen Lächeln den Blick auf seine Frau lenkte, warf diese sich weinend der Mutter in die Arme. „Noch heute nrerden Sie Alles erfahren," sagte Berlinger zu Günther und ging. Wie zündende Blitze, wüthender Sturm herrliche Landschaften in ein Chaos verwandeln, so schnell war hier die Stätte sonst friedvoller Menschen zu einem Jammerbild verwandelt worden. Während Günther, um sich zu zerstreuen, in seinem Komptoir saß, vielleicht fand er selbst den Schlüffe! des Räthsels, war Arthur mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt; er schrieb und kouvertirte und dann griff er nach jenem Buche, — zum ersten Male wieder nach Jahren und weinte. „Vater und Mutter haben mich werlaffen, mein Weib an mir gezweifelt — ich Abtrünniger — Jude." Wie das Wort jetzt klingt, jetzt, wo er es selbst sagt. Das eine Wort bringt ihm die Erkenntniß, daß er Höhen erklommen, die ihn dem Absturz nahe gebracht, daß er zu hoch gestiegen war als Mensch, um Jude zu bleiben — und doch war er Jude, geblieben — wenn auch nur in dem Sinne, daß er seinen Nächsten schützte und ihn vor Schaden bewahrte. . In der dritten Nachmittagsstunde saß die Familie zusammen, und noch ganz unter dem Eindruck der voraufgegangenen Katastrophe stehend, wollte Niemand das Schweigen brechen. Alle hingen den eigenen Gedanken nach — und. besonders schwer schien die junge Frau'ihr Unglück zu tragen. Erst jetzt war sie sich klar geworden, welchen Treubruch sie begangen, daß sie ruhig blieb und nicht an der Seite ihres Mannes war, als-ihr Vater jenes Wort ihm in's Gesicht warf. Sie hätte ihren Gatten schützen müssen, sie hätte stehen oder fallen muffen mit ihm, und was that sie? — nichts! Sie war im entscheidenden Augenblicke von seiner Seite gewichen, von ihrem Manne zur Mutier gefluchtet, als wollte sie jede Gemeinschaft mit ihm, der dieses Schimpfwort „Jude" verdiente, von sich abweisen, das^ war nicht recht, sagte sie jetzt zu sich selbst, aber Arthur hätte ihrem Vater die Wahrheit sagen können und Alles wäre gut gewesen, er hätte es können, wenn er sich rein weiß.-Da sitzt sie fest, — sie zweifelt an seiner Rechtlichkeit, sie zweifelt an dem, den sie sich selbst errungen, den sie liebte, wie Niemanden auf der ganzen Welt, sie zweifelt an dem, worauf sie ihr ganzes Sein ausgebaut hat. Und warum? — Ihr Vater hat es ja ausgesprochen, nie, nie hat sie das Wort in diesem Laut gehört, aber jetzt tönt es immerfort u. die Akkorde vermengen sich mit den häßlichen Bildern, die vor ihrer Seele aufsteigen. Sie hat nicht den Muth, Alles auszudenken. wie es enden wird und bricht den Gedankengang plötzlich ab. um ein anderes Bild vorüberziehen zu lassen. „Arthur," spricht sie leise vor sich hin. „ist es möglich, nein, cs kann nicht sein, es darf nicht sein —* und mit einem Aufschrei eilt sie, durch das Raffeln eines Wagens aufgeweckt, an das Fenster, wo sie aber schon von einer Ohnmacht befallen wird. In diesem Augenblick erscheint ein Diener und bringt verschiedene Briefe herein. Günther sieht das Ende aller Differenzen nahen und die zuerst aufgesetzte pflegmalische Miene verläßt ihn beim Lesen des für ihn bestimmten Schreibens. Berlinger schreibt ihm höflich aber bestimmt, daß es für ihn kein ..Zurück" mehr gibt; dann fährt er fort: „Wenn eine Arbeitszeit von mehr als 20 Jahren, die an treuer Pflichterfüllung keinen Makel aufzulveifen hat, nicht ausreichte. Ihnen die Ueberzeugung zu verschaffen, daß Alles, was ich für Sie gethan. nur von dem Gedanken der Treue und Gewissenhaftigkeit geleitet war, dann vermögen es wohl einliegende Dokumente nebst Quittung, die ich zu Ihrer Ehrenrettung mir verschaffte. Diese Zeugen, die ich aus Zartgefühl für Sie verheimlichen wollte, mögen an Sie die. Frage stellen, mit welchem Rechte Sie mir meine Abstammung in einem Tone vorwarfen, der nur das Häßliche und Niederträchtigste, was Rachsucht meinem Geburtsstamme anhängen kann, widerspiegelte. Und ferner sprechen dieselben Zeugen, daß Sie ein Recht hatten, mir das Wort zu sagen — nur der Sinn dieses Wortes ist jetzt ein ganz anderer. — Der Jude war es, der Sie vor großer Schande bewahrte! — Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir den Weg gezeigt, den ich nie verlassen durfte, denn meine Handlungen waren die eines-Juden. Mein Guthaben bei Ihnen werde ich später abheben lassen und ich bitte Sie, sich nicht der Mühe zu unterziehen, mich bewegen zu wollen, zurückzukehren. Sie werden meinen Aufenthalt nie erfahren."- An seine Frau schrieb Arthur in ähnlichem Sinne, er würde sein Leben in größter Zurückgezogenheit beschließen; die Liebe, die er ihr entgegengebracht, sei wahre, aufrichtige Liebe gewesen, und die Erinnerung an diese glücklichen Jahre werde stets ein Lichtpunkt in seinem ferneren Leben bleiben. „Doch durch meine Seele." so schließt er seinen Brief, „ging ein Riß, als ich sah. daß Du zlveifettest an dem Manne, der Dich mehr liebte, als sein eigen Leben. Und jetzt ist jene Kluft größer denn je. Alles Schöne, was ich vom Leben zu fordern hatte, ist vorüber und für meine Handlung habe ich keine Verzeihung zu erbitten, denn meine Handlung war die eines —Juden. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit". Schottstratze Nr. 2. Main». Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hosbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz.

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