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Der Israelit · 1902-01-23 · Heft 7 (23.1.1902) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 7 (23.1.1902)
Date
1902-01-23
Page
– (sequence 27)
Language
German
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17S Hauses Herbert Günther statt, und der erste Theil des Familien-Ereignisses gelangte damit zum Abschluß. Heute, nach drei Monaten, würde die Hochzeit gehalten, eine Festlichkeit, die, was der raffinirleste Lurus nur hervorbringen kann, in sich vereinigte. Selten mag rin Zunges Paar glücklicher die.Zukunft in's Auge gesagt haben, als Berlinger und seine junge Gattin, die am Abend eine längere Hochzeitsreise antraten. „Wie hast Du mich gequält, welche bange Stunden! mir bereitet, mein lieber Arthur," wie oft hatte sie ihm I das schon gesagt, und er nahm dann liebkosend ihre! Hand, „ich mußte mich erst prüfen, ob ich Deiner auch , würdig war," erwiederte er treuherzig, und seine Augen sprachen dabei von Glück und Liebe. Jahre ungetrübten Glückes folgten diesem Hochzeitstage; wenn die Ehe auch kinderlos blieb, so schienen doch die Recht zu behalten, die behaupteten, Liebe überbrückt Alles — selbst den Glauben. In dem weit abwärts dieser Großstadt gelegenen Städtchen P. wohnt ein Bruder Günthers in gerade nicht besonders guten Verhältnissen, und die zeitweisen Unterstützungen, die der wohlhabende Günther seinem Bruder zukommen ließ, halfen diesem auch nicht auf, der leichtsinnige Lebenswandel ging selbst mit dem vorgeschrittenen Alter nicht verloren. Herbert Günther hatte schon die seit einer Reihe von Jahren immer wiederkehrenden Anzapfungen seines Bruders unberücksichtigt gelassen, denn es waren keine Bitten, sondern Drohungen. Und mit nichts Geringerem wurde er von seinem Bruder bedroht, als mit einem großen Eklat. Rach Fritz Gllnther's Meinung hatte Herbert sich vor Jahren in den Besitz einer Erbschaft gesetzt, der nicht ganz einwandfrei sein soll und Fritz will zur.Klarlegung dieser Angelegenheit Material besitzen, welches bei Veröffentlichung seinen Bruder moralisch vernichtet. Seit neuerer Zeit tritt Fritz Günther energischer denn je auf, und versteht es, Arthur für die Sache zu interessiren. So gleichgültig, wie dieser zuerst der Erzählung gegenübersteht, kann er doch nicht umhin, seinem Verwandten zu versprechen, Licht in dieses Dunkel zu schaffen. In den nächsten Tagen findet er zwar keine direkt belastenden Momente gegen seinen Schwiegervater; durch die Reihe von Jahren, die seit jener Zeit, da das Vergehen stattgefunden haben soll, in's Land gegangen waren, ist es schwer, ein klares Bild zu schaffen und vie Öffentlichkeit würde über das. was nicht aufgeklärt wird, stets freies Spiel in der Kombination haben. Es galt also, alle Dokumente, die Fritz besitzen wollte, an sich zu bringen und ferner den Bruder des Schwiegervaters ein für allemal zu überwinden und das Ansehen seines eigenen Hauses zu retten. Zu diesem Zwecke führte er recht bald eine Unterredung mit Fritz Günther herbei und nach langen Unterhandlungen gelangte er zum Ziele. Ein. großes pekuniäres Opfer brachte er gern, und sichtlich befriedigt nahmen die Beiden von einander Abschied. Arthur war glücklich, das Verhängniß von dem Haupte seines Schwiegervaters vernichtet zu haben, Fritz war glücklich in dem Besitz einer großen Abfindungssumme, die er von seinem Bruder in zehn Jahren nicht erhalten hätte. Damit von der Angelegenheit Niemand etwas erfahre, verbuchte er die Ausgabe auf seinem Privatkonto. Zur Inventur saß Herbert Günther gemüthlich in seinem Komptoir und mit Behagen flogen seine Blicke über die Zahlen, die ihm durch die Schlußbilanz vorgelegt waren. Da Plötzlich sieht er jene große Summe auf Arthur's Konto, und um sich eine Aufklärung zu verschaffen, ließ er diesen zu lick bitten. „Willst Du mir bitte sagen, warum diese Summe hier verbucht wurde, und was das ist," fragte er in mehr gleichgiltigem, als neugierigem Tone. „Ich bedauere sehr, lieber Vater, das nicht sagen zu können, es muß Dir genügen, daß m e i n Konto damit belastet ist." Günther wurde ernst. „Das ist keine Antwort, inein Lieber, ich verlange das zu wissen, und solltest Du alte Schulden damit beglichen haben, so ist das keine Schande, als daß Du es mir nicht sagen könntest." Arthur wollte fortgehen; Günther trat ihm entgegen: „noch einmal frage ich Dich, was geschah mit dem Gelde?" „Ich habe Dir meine Antwort gegeben," war das Wenige, was Arthur erwiederte. Berlinger ging fort. Als Günther bald darauf zu seiner Frau und Tochter kam, bemerkten diese gleich die Verstimmung und Else erbot sich, als sie von diesem Mißverständnis hörte, den Ausgleich schon herbciführen zu wollen. Warum sollte sie es nicht können, wo es die erste Differenz zwischen ihrem Vater und ihrem Arthur war, und Arthur war so gut und nachsichtig. Kaum, daß sie die Bitte bei ihrem Gatten ausgesprochen, war derselbe an ihrer Seite und beide gingen' zu ihrem Vater. Günther's Augen sprühten Feuer, als er seinen Schwiegersohn sah und gleich beim Eintritt, in das Zimmer herrschte er ihn an: „Willst Du jetzt die Erklärung geben?" Erstaunt über diesen seinen Männerstolz so verletzenden, barschen, befehlenden Ton seines Schwiegervaters stutzte Arthur, einen Augenblick, dann kam ein kurzes, bestimmtes „Nein" von seinen Lippen, „die Sache ist für mich erledigt." „Nicht?" schreit Günther, „also nicht? — Jude!" Das Wort kam mehr kreischend, als sprechend von seinen Lippen.-— Berlinger brach fast zusammen, aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen; nur mit Mühe konnte er sich aufrecht erhalten. «Jude, Jude," tönte es in seinen Ohren. . . Die beiden Frauen waren sprachlos. Else rührte sich nicht von ihrem Platz;-Hilfesuchend sandte sie ihre Blicke vom Gatten auf ihre Eltern, und als Berlinger

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