Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1902)
- Date
- 1902-01-23
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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erhielt dann die äußere Bestätigung dadurch, daß er ihn zu seinem Prokuristen und Vertreter ernannte. Man! mußte den einfachen und strebsamen Günther kennen, wenn man die Tragweite dieser Ehrung richtig würdigen wollte. Günther war ein ganz eigener Charakter, er kannte im Geschäft bisher nur. sich selbst, schrieb Alles, was geglückt war, seiner immensen Klugheit zu und vertraute nur dieser sich selbst und sein Geld an. Unter diesen Umständen lag in der Anerkennung Berlinger's Tüchtigkeit gewissermaßen eine Absprechung seiner eigenen Weisheit, und das war es, was Jedem, der geschäftlich mit Günther in Berührung kam. in Erstaunen setzte. Der Despot im Geschäft, der liebende Gatte und Vater zu Hause war ein anderes Charakterbild dieses Mannes und seine Gattin, sowie seine einzige Tochter Else hatten sich wahrlich nicht zu beklagen. Wenn ihn in all' seinem Glanz und Reichthum etwas unzufrieden machte, so war es der Gedanke, daß sein Name aussterben und das Geschäft in fremde Hände übergehen würde, da er keinen männlichen Erben hatte. Einen Schwiegersohn in sein Geschäft aufzunehmen, war er entschieden abgeneigt und seine Frau versuchte nicht selten, ihre Hoffnungen in dieser Richtung ihrem Manne kund zu geben. Else stand in der Blüthe ihrer Jugend, eine herrliche Erscheinung! Dunkelbraunes, fast schwarzes, welliges Haar umrahmte ein schöngeformtes Gesicht, aus dem zwei seelenvolle, große, dunkle Augen in die Welt schauten. In den besten Gesellschafskreisen, worin Else durch die Stellung ihres Vaters gebracht -wurde, hatte man sie längst lieb gewonnen, denn ihr offener Charakter, ihre angenehmen Umgangsformen bestrikten fast Jeden, der in ihre Nähe kam. Unter diesen Umständen tonnte es nicht Wunder nehmen, wenn im Kreise ihrer Bekannten viele stille Verehrer waren. Selbst Berlinger zählte dazu, wiewohl er sich niemals verheimlicht hatte, daß diese Verehrung zwecklos sein und bleiben würde, und je mehr er durch den familiären Verkehr im' Hause Günther Gelegenheit hatte, Else beobachten und ihre Vorzüge bewundern zu können, je mehr zeigte sich ihm die unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen. Wenn Günther schon im Geschäfte längst vergessen hatte, daß Berlinger Jude, in der Familie kam erst recht nie ein Gedanke auf, der die schönen Stunden, die Arthur in diesem. Kreise verlebte, verdunkeln konnte. Günther waren die kleinen Merkmale, woraus er schließen konnte, daß die jungen Leute sich nicht fremd geblieben waren, nicht entgangen, und er crwägte hin und wieder, in welcher Weise die Angelegenheit zur aller Zufriedenheit erledigt werden könne. Tage- und Wochenlang lief er bald mit diesem, bald mit jenem Plan herum und immer wieder fand seine erste Idee bei ihm noch die größte Billigung. Im Stillen zieht er seine Bilanz: Hier ein Mann von tadellosem Charakter, seine rechte Hand, das Fundament des Geschäftes, und dort — ein Jude. Günther ist Kaufmann, beim Arrangement muß von einer Seite ein Opfer gebracht .werden — Berlinger muß Christ werden. Er fühlt sich ordentlich erleichtert, als er selbst einsieht. daß diese Lösung die einzig richtige und, wie er zu seiner Beruhigung sich sagt, auch keine zu schwere sein wird. Voller Entzücken vertraut er seiner Gattin den Plan an und erfährt von dieser, daß damit Elsens Herzenswunsch nur zu schnell in Erfüllung ginge. Günther stand mit Berlinger durch den jahrelangen geschäftlichen Verkehr mehr in einem freundschaftlichen, als zeremoniellem Verhältniß und ohne Umschweife, ganz seinem Charakter angemessen, unterbreitet er Berlinger sein Projekt. Dieser war im höchsten Grade bestürzt und stand im ersten Augenblick ohne Worte da. Wie oft hatte er sich wohl die. Frage vorgelegt, was aus ihm werden soll, wenn Günther doch über kurz oder lang einen Schwiegersohn in's Geschäft nimmt. Und jetzt soll er zugleich ein Weib bekommen, das er wirklich liebt, ein herrliches Mädchen, — eine Stellung, um die ihn die ganze Welt beneiden konnte, er müßte jauchzen vor Glück. — Aber nein, man stellt Bedingungen, die er niemals eingehen kann und in seiner wirren Lage erbittet er sich von seinem Chef Bedenkzeit aus. Monate gingen in's Land, ohne daß ein Ja oder Nein von Berlinger's Lippen kam, und während er versuchte, Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie er sich aus diesem Dilenima herausziehen könne, und selbst die Aufgabe seiner jetzigen Stellung in den Gesichtskreis seiner Zukunftspläne zog, erkannte Günther in Berlinger's Schweigen einen gewissen Grad von Eigensinn und Undankbarkeit. Im Familienkreis, wo Arthur's Benehmen den einzigen Gedankengang bildete, spielten sich zuweilen recht unangenehme Szenen ab. Else trat eifrig und mit Begeisterung für die Festigkeit Berlinger's ein; doch all ihre Lobeserhebungen richteten nicht das Geringste bei ihrem Vater aus, an diesem prallte eben Alles ab, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging. Arthur's Stellung zur Familie Günther war seit geraumer Zeit für ihn eine sehr peinliche geworden, und nicht aus Feigheit, sondern mehr aus Ungewißheit hatte er den Vorsatz, mit Else zu sprechen, immer wieder auf später aufgeschoben, bis daß der Zufall ihn eines Tages mit Else zusammenführte. In dieser, für beide Theile so hochwichtigen Stunde mögen die Liebenden sich wohl ganz ihre Herzen ausgeschüttet haben, denn während das betrübte Elternpaar dasitzt und über die Zukunft.ihres geliebten Kindes grübelt, erscheint dieses an Berlinger's Arm, der freudig erregt Günther seine Hand reicht mit den Worten: „ich bin bereit." „Ich habe lange gekämpft, ehrlich gekämpft, doch die Liebe hat gesiegt." war immer sein Selbstgespräch, wenn sich kurz nach der. Entscheidung Gewissensbisse breit machen wollten. Nach der Verlobung fand im Gesellschaftsregister die Eintragung Arthur Berlinger, als Theilhaber des