Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1902)
- Date
- 1902-01-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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157 erwarten sollte, da die jüdische Frau in Sitte und Gesetz von manchen Beschränkungen befreit sei. Der Redner führte zum B-tveise dessen viele Fälle an, von denen aber nur wenige zur Erhärtung seiner Behauptung in Betracht kommen konnten. So ist es mir beispielsweise rathselhast, in welcher Beziehung das Thema zu unseren Stammmüttern staikd, deren verschiedene Handlungen Herr Dr. K. auch als Beweismittel anzuführen suchte. Er. kam im Weiteren dann auf Mirjam, sowie auf die Töchter Zelofchods zu sprechen, welch' letztere — wie er meinte — die ersten Frauenrechtlerinnen gewesen wären, indem sie, da sie keine Brüder hatten, die Führung des Hauses nach dem Tode ihres Vaters übernehmen wollten. Nachdem der Vortragende sich noch in Längerem u. ä. über Richterin Deborah ausgesprochen hatte, behandelte er dann Frauett des späteren Judenthums. Indem er eine Henriette Herz, eine Fanny Lewald, die Fräulein Meyer u. a. m. anführte, geiselte er in treffenden Worten das Verhalten solcher abtrünnigen Frauen zum Judenthum, die schließlich den Schritt zur Taufe nicht scheuten. Herr Dr. K. fügte zum Schluß hinzu, daß wohl auch das Haus eines Moses Mendelssohn's keine Stätte echt jüdischer Erziehung gewesen sein könne, da doch sonst unmöglich ein Weib, wie seine Tochter Dorothea, die zur „Rescheinte" im wahren Sinne des Wortes wurde und auch ihre Sohne später zur Taufe führte, aus solch' einer Familie hervorgegangen wäre. Der Vorrrag des Herrn Dr. Kaftan kann im allgemeinen wohl nicht zu den bedeutenderen des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" gezählt werden, denn das an sich vielleicht gar nicht so undankbare Thema wurde durchaus nicht in richtiger Weise erschöpft. Zum 8. Januar hatte der „Rede- und Diskutirklub Grätz" wieder eine Versammlung einberufen. Herr Dr. Walter Roth eröffnete dieselbe als Vorsitzender des Vereins und ertheilte, nachdem das Protokoll über die letzte Sitzung verlesen worden, Herrn Felix P i n c u s das Wort. Dieser führt uns in einem dreiviertelstündigen Vortrage, in welchem er das Thema „Karl Gutzkow und das Judenthum" behandelte, diesen bedeutenden Schriftsteller des 19. Jahrhunderts als Politiker sowie als Dramatiker vor. In der ersten Hälfte seines Vortrages charakterisirte Redner u. a. in längerer Auseinandersetzung Gutzkow's Verhältniß zu Gabriel Rießer, während er in dem Theile „Gutzkow als Dramatiker" besonders lange bei dem uns wohl am meisten interessirenden Werke: „Und Akosta" verweilte. Herrn Pinkus' Vortrag fand allgemeinen Beifall. An denselben schloß sich eine Diskussion. Als einer der Herren behauptete, Gutzkow sei kein Freund des Judenthums gewesen, wie ihn der Vortragende bezeichnet hatte, sondern er könne im Gegentheil ein „Judenfeind" genannt werden, indem er doch für den Wegfall aller reliaiösen Sitten. Gesetze und Gebräuche war, was doch schließlich die vollständige Auslösung des Judenthums bedeutete, ergriff Herr Pinkus nochmals das Wort und sagte, Gutzkow sei ein Freund des ..liberalen Judenthums" gewesen. Dagegen protestirte ein anderer Redner ganz entschieden und mit Recht. Er meinte zunächst, daß von einem „liberalen Judenthum." in dem Sinne von freidenkend, d. h. freireligiös, überhaupt nicht die Rede sein könne. Ein solches gebe es nicht, resp. könne es nicht geben. Denn sobald die Juden anfangen wollen, liberal (soll heißen „freidenkend") zu werden, hören sie überhaupt auf. Juden zu sein. Auf diese Weise wurde die Diskussion immer lebhafter. Man kam auf Juden-Emanzipation, Juden- Assimilation. und Inst not. least auf den Zionismus zu reden, der natürlicherweise Zionisten wie Antizionisten zu kürzeren und längeren Aeußerungen heraussorderte. An die Diskussion schloß sich die Wochenchronik. in der die wichtigsten, uns angehenden Tagesfragen erörtert wurden. Die Sitzung, deren Verlauf durchaus nicht uninteressant war, währte bis gegen I Uhr. W. Troppau. 21. Jan. Am Samstag, 10. d. Mts., hielt im hiesigen jüdisch-literarischen Verein Herr Rabbinatstandidat Jakob Sonderling, aus Breslau, ein Sohn des Herrn Wilhelm Sonderling, Brünn, einen Vortrag über „Jüdische Festtage." Der jugendliche Redner verstand es, das anziehende Thema ebenso, formvollendet als höchst anschaulich zu behandeln, wobei ihm eine wohlklingende Stimme, verbunden mit sicherem Auftreten, sehr zu statten kam.. Es war ein Hochgenuß, der beredten Schilderung unserer Feiertage — sowohl vom Standpunkte der Religion, als des Volkslebens — beizuwohnen und ist die Annahme gestattet, daß die zu Herzen gehenden Ausführungen des begabten Redners selbst in sonst, sich gleichgiltig gebenden Gemüthern einen starken Widerhall geweckt haben dürften. Der Vortragende, welcher zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. hat den ihm reichlich gespendeten Beifall in hohem Maße verdient und wird gewiß stets auf's freudigste in unserer Mitte begrüßt werden. S.C. Gotha, im Jan. Mit großem.Vergnügen greife ich heute zur Feder, um Ihnen von einem schönen Feste zu berichten, welches unsere Gemeinde am 31. Dezemb., Abends, und am 1. Januar gefeiert. Es galt, das 25jährige Menstjubiläum unseres in allen Kreisen beliebten und hochgeehrten Lehrers, Herrn D. Röthler. festlich zu begehen. Der Jubilar hat in hiesiger Gemeinde eine überaus segensreiche Wirksamkeit entfaltet und durch diese und seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue die Hochachtung aller Geineindeangehorigen sich erworben. Dies bezeugte auch die Festesfeier, welche die Gemeinde zu seinen Ehren am Vorabend veranstaltete und zu welcher fast alle Mitglieder erschienen waren. Der Vorsteher der Gemeinde, Herr Kommerzienrath Goldschmidt, sowie die Herren Rosenblatt und Ruppel, schilderten in längerer Rede die vielen und hohen Verdienste, die Herr Röthler um die Gemeinde und Schule sich erworben, worauf der Gefeierte einen