Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1902)
- Date
- 1902-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42* Jahrgang. zu Jfs 6 des „Israelit". Leitender Artikel. Tie Mich zu FrWkfiirt m» Mck. (Schluß.) Ja, zu tanzen und zu. springen — das vermögen sie schon, die lustigen Söhne der Zeit, — wenn auch nicht immer mit einem Holzstuhl. Jedoch zu hungern, zu frieren, zu entbehren und sich trotzdem seine heitere Stimmung nicht rauben zu lassen — ich danke schön. Und wie lang wahrt denn ihre Jugend? Jenes altkluge Gebühren, mancher jungen Leute, die ein (Besicht machen, als ob sie für eine Familie mit acht Kindern zu sorgen hätten, ist nur die Folge des allzugroßen Eifers, mit welchem sie sich, zuweilen im Alter von 14 Jahren, in den Brodkampf stürzkn. Sie hören auf, jung zu sein, ehe sie es recht gewesen. Wie griesgrämige Familienväter müssen sie sich abends in Theatern und Konzerten Erholung schaffen von des Tages Last und Müh. Heißt das, seine Jugend genießen, sich des Lebens freu'n. so lang das Lämpchen noch glüht? Was eilt Ihr denn so hastig, daß Euch der Schweiß von der jugendlichen Stirne rinnt? Ihr braucht den Sorgen nicht nachzulaufcn. Sie kommen schon von selbst zu Euch, wenn's Zeit ist. ES liegt in den sozialen Zuständen, sagen die Eltern beschönigend. Wir möchten schon, wenn wir könnten. Es geht eben nicht anders. - Wir m üsse n. Mag sein. Ich will dieses Uebel nicht auf seine Roth- Wendigkeit untersuchen. Ein Uebel ist es. Das gestehen. Alle, und das genügt. Es ist nicht das einzige Uebel der Zeit. Wer einen freien, offenen Blick hat, kann sie alle entdecken. Prüft' die Zustände und Verhältnisse, in welchen Ihr lebt, prüft Eure Freunde, Eure Kinder, prüft Euch selbst. — und habt Ihr alles sorgfältig geprüft, dann sprechet, über alles, was die Zeit Euch gebracht: .Segen oder Fluch. Vielleicht machen wir augenblicklich eine Krisis durch. Vielleicht kann noch alles wieder gut werden. Mollen wir uns aber wundern, wenn wir in einer ernsten Stunde, wo wir fern vom Getriebe der Welt und ihrer Lüge, angesichts der traurigen Erscheinungen, die wir im Leben des Einzelnen und im Leben der Gesammtheit wahrnehmen, mit uns selbst zu Rathe gehen, was denn wohl zu machen sei, um diese betrübenden Mißstände zu beseitigen, wenn wir da plötzlich die alten, jüdischen Weisen mit der Thora im Arm vor unserem geistigen Auge auftauchen sehen. — sie winken, uns zu, wir möchten doch kommen, — und in ihren Augen, mit welchen sie uns so wehmüthig ernst anschauen, glauben wir die Frage zu lesen, ob es denn früher nicht viel besser gewesen sei, als sie noch in unserer Mitte lebten und lehrten, ob die Jugend damals nicht gesünder gewesen sei an Leib und an Seele und ob die Völker, denen zu Liebe wir so Vieles preisgegeben haben, die alten, verfallenen Mauern nicht bereitwilliger wieder aufbauen werden, als sie dieselben einstmals niedergerissen?, — wenn wir da in unserem Innern eine Stimme vernehmen, leise mahnend' zuerst, aber dann immer mehr und mehr anschwellend zum Schrei der Verzweiflung: Zurück, zurück i n s G h e t t o?! — Sollen, wir dieser Stimme Folge leisten und wieder ' werden, was wir einst gewesen? „Sollen wir wieder in's Ghetto zurückkehren?"-Nun denn, das sollen wir nicht und dürfen wir nicht. Sollte sich das Judenthum thatsächlich nur im Ghetto verwirklichen lassen und wäre der Talmudjudc für die Freiheit nicht geboren? — Die F r a n k f u r 1 e r Jeschiwoh beweist das G e g e n t h e i l. Wir sollen nicht in's Ghetto zurückkehren — um dort z u bleiben. Aber wohl mögen wir zurllckkehren, um das, was wir einstmals versäumt, nachzuholen, um mit der Thora im Arm, die wir dort im Eifer des Auszuges vergessen haben, zum zweiten Male aus dem Ghetty in die Freiheit zu ziehen. Das sollen wir, das müssen wir schon jetzt, damit es nicht zu spät werdet Und wenn wir dann zwischen den Trümmern der alten Zeit, eingehüllt in Staub und Moder, die Thora gefunden haben, und wir, angesichts der Gräber unserer Ahnen, angesichts der Ghettoruinen, erfüllt von der Väter Geist und Gesinnung, das ernste Gelöbnis; gefaßt haben, von dieser Thora nie wieder zu lassen, sie wieder heimisch zu machen in unserem Kreise, sie durchzutragen in Leid und Freud, in Schmach und Erhebung, und sie zu lieben mit ganzeni Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen —dann dürfen wir nicht nur, sondern sollen wir Abschied nehmen von den Gräbern unserer Ahnen, von den Schatten und Trümmern der Vergangenheit — auf N i mm e r w i ede r s e h e n. Wir haben in ganz flüchtigen Umrissen das Prinziv zu zeichnen versucht, auf das unser hochverehrter Herr Rabbiner Dr. Breuer vor zehn Jahren seine Jeschiwoh gegründet. Der Ausspruch unserer Weisen: xd TWrr rta rc: *:rr. nr. nr r.2 -jcm rtz "jsrs ' nrr rnc -'■> j-xr;w:r. ist die Devise dieser Anstalt und in diesem Zeichen wird sie siegen. Dieses Prinzip — es hat sich glänzend bewährt im Laufe der Zeit. Der Ruf und das Ansehen unserer Jeschiwoh ist in steter Zunahme begriffen.. Ihre Hörer sind zumeist deutscher Abstammung und zeigt diese Thatsache, welches Ansehen die Jeschiwoh speziell in Deutschland genießt. In mehreren deutschen Gemeinden wirken Rabbiner, die ihre talmudisch? Ausbildung aus der Jeschiwoh zu Frankfurt a. M. erhalten haben. Auch in Ungarn wirkt ein beträchtliche Zahl in Gemeinden, die. ' an ihre Rabbiner, was ialmudische Kenntnisse betrifft, IS"