Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1902)
- Date
- 1902-01-16
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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133 heuren Raume eingeschloffen, kalt und finster, Mitternacht um zwölf. — Und in diesem elenden Zustande bis Morgen früh ausharren! — Und von selber tauchten setzt vor ihm alle schauerlichen Sagen auf, die sich an den alten Bau knüpften und mit ihm aufgewachsen waren. Hier — die Tobten, die. wie alle Nacht, in ihren weißen Gewändern sich zum Gebete sammeln und jeden um diese Zeit hier Vorübergehenden aufrufen, dort — unweit der Westwand — die sündigen Seelen, die im Grabe keine Ruhe gefunden, hier Erbarmen erflehen und versäumte Gebete nachholen, dort — auch unweit eines großen, mehrtheiligen und buntbemalten Fensters ein Reigen strahlender Gerechter.. Chajim gehörte nicht zu den zagenden Seelen; er hatte es in seinem Berufe reichlich gelernt, materieller und geistiger, berechtigter und unberechtigter Angst zu trotzen. Als aber eben alle diese Fantasiebilder seiner Kindheit ihm lebendig wurden, und alle die metaphysischen Gestalten seinen Geist umspielten, da mußte auch die zähe Geistesgegenwart eines Chajim nachgeben. Mechanisch lief er wiederholt zur Thür, versuchte es mit Schreien. Aber Alles vergebens! Kein anderes Mittel, als sich in die Situation hineinzuschicken. Aber der reine Glaube, der immer das beste Belämpfungsmittel gegen den Aberglauben ist, der jedes Schattengebilde zu vertreiben, jedes Dunkel zu erhellen weiß, zeigte auch hier seine heilende Wirkung. .Leilschimurim" (Nacht der Gotteshut) kam es Chajim plötzlich in den Sinn. ..Leilschimurim!" wiederholte es wie mit tausend Stimmen in seinem Innern: Eine Nacht, an der der Herr selber Wache über die Seinen hält. Und im Nu waren alle Schatten verschwunden, alle unheimlichen Gestalten gewichen. Chajim konnte einige Lichter anzünden und sah es jetzt klar, daß jene weißen und betenden Todten. die tanzenden Geister und die büßenden Seelen nichts anders als die durch die kleinen, bunten Scheiben hereindringenden Mondstrahlen waren. Die tanzenden Lichtschimmer von der ewigen Lampe hatten die Schatten geschaffen, die längs der entgegengesetzten Ostwand dahinhuschten. Chajim war wieder Herr seiner selbst, aber zugleich mit dieser Beruhigung und Vemeisterung seiner Einbildungskraft regte sich ^auch schon der Witzbold: ..Ich komme raus! Muß bald raus; will schon die faulen Schläfer auf die Beine bringen!" und ging sofort an die Ausführung seines Entschlusses. Eine Untersuchung im Almemorschranke ergab ihm zlvei willkommene Funde: den Kidduschweinvorrath für die Festtage und den in eine Wimpel (Thorabinde) gehüllten Schofar. Als Chajim. die große Flasche bis zur Neige geleert. fühlte er zwar etwas wie Augenflimmern und Geistesverwirrung. Doch machte ihn dieses in seinem gefaßten Plan nicht. irre: ..Sie müssen kommen und wenn fle haltodt in ihren Betten lägen!" sagte er sich, indem er von Bank zu Bank stolperte und sämmtliche in den-Leuchtern steckende Kerzen und Lampen entzündete. Oscher, der Melamed, der gegenüber der Synagoge wohnte, war gerade mit dem Sederakte fertig. Er wollte noch, während seine Familie sich der Ruhe hingab. das „Hohe Lied" vollenden, wobei er auf dem gebetteten Sopha in fürstlichem Wohlbehagen einschlummerte. als er plötzlich von einem eigenthümlichen Triller geweckt wurde. In der Meinung, geträumt zu haben, rieb er sich die Augen und versuchte, das Rezitiren fortzusetzen, als sich der Ton wiederholte, dieses Mal aber so deutlich, daß er bestimmt die Schosarstimme zu Horen glaubte. In Anbetracht der ..Leilschimurim" wagte auch Oscher. der sonst bei solchen Fällen nur wenig auf Heroismus Anspruch zu machen pflegte, einen Schritt nach Außen. Aber oh! welch herrliches und zugleich schauervolles Bild! Die Synagoge hell beleuchtet, im Innern wird Schosar geblasen, und dieses nach Mitternacht, in der Sedernacht!__ Oscher überkam eine unheimliche Angst. Er hatte schon die Beine für den Rückzug bereit, als er einige Nachbarn bemerkte, die ebenfalls die sonderbare Illumination wie das eigenthümliche Konzert iheils von der Sedertafel. theils aus den Betten herbeigelockt hatte. Sie scharten sich zu einer kleinen Gruppe zusammen, um so in entsprechender Entfernung vom Thatorte ein gemeinsames, unlösbares Fragezeichen zu bilden. ..Wie? Wo? Was ist los? Woher nur dies?" Allein die Lichter wurden immer Heller und die Stimme der Posaune immer stärker. Die obligatorischen..Dreißig Stimmen" sind bereits in meisterhafter Geschicklichkeit verklungen und nach kurzer Pause beginnt es wieder mit „Tekiob." ' Die kleine Gruppe ist mittlerweile zu einer Menschenmenge angewachsen und vermehrte sich mit jedem Augenblicke. Bald war der Schulplatz von dichten Menschenmassen gefüllt: Männer. Frauen und Kinder, zum Theile in den primitivsten Nachttoiletten, die lärmend und zähneklappernd sich in höchster Erregung zufammendrangten. „Was ist denn eigentlich los?" ..Wo brennt's.?"' „Ja. warum und wohin laust man?" „Nein, nein! Kein Feuer!" „Dort hin. dort in der Schul!" „Moschiah kommt! Ist schon da!" „Ist schon in der Schul und bläst Schosar!" Die letztere Anschauung ging wie eine heilige Schauer durch die Gemüther und schien am meisten Anklang zu finden. „Moschiach kommt! Natürlich! In Niffon. am Peßach!" „Unsinn! Schwindel! Aberglauben." meinte ein junger Mann, der sich zu de» Gebildeteren zahlte, und verkroch sich schüchtern unter die Menge. „Die Schul öffnen!"