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Der Israelit · 1902-01-16 · Heft 5 (16.1.1902) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 5 (16.1.1902)
Date
1902-01-16
Page
– (sequence 23)
Language
German
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131 Weh. seine ganze Scelenqual hingehaucht, dieses Umtnm ist nur Lei uns Juden, und zwar vornehmlich beim jii hauischen Juden, zu finden. ' Chajim rezitirte aber keine bloßen Worte. Er mußte, der Betonung nach, vom Texte äußerst durch- . drungen und begeistert sein. cy m* re*!n r** sfr. ns&n jammerte es durch die stille Nacht. Die Worte waren in so lauter und subjektiver Betonung vom Bocke herüber gedrungen, daß sie mich aus meinem Halbschlummer ' j aufruttelten und meinem Gedankengange eine andere •\ Wendung versetzten. ..Ein Wurm und kein Mensch zur Schmach aller Menschen und verachtet vom Troß. All., die mich ' sehen, spotten meiner u. s. w." Und warum dies? Warum soll nicht ein Mann - wie Chajim. der sich von seiner Hände Mühen ernährt und überdies ein vernünftiger Mensch und sogar - etwas ben torah ist. warum soll denn dieser nicht all-! geniein geehrt und geachtet sein, anstatt mit Itebernamen verlacht und verspottet zu werden? Welche Bewandtnis; kann es mit der urkomischen Bezeichnung Moschiach haben? Es reifte bei mir ein Entschluß, und als Chajim jetzt plötzlich inne hielt, sagte ich kurz entschlossen: j - „Rebb Chajim! wußte ich. daß Ihr nicht darüber : base seid, dann hätte ich eine Frage an Euch."! „Böse? Warum auch das? Wißt Ihr doch, was j unsere Chachomim sagen: Wer zürnt, ist einem Götzendiener gleich!" „Nun wohl! Dann sagt mir doch, lieber Freund, warum man Euch in G. den Namen Moschiach gegeben . shat?" Chajim schien - beinahe seinem Vorsätze untreu werden zu wollen. Seine Äugen blitzten fast wieder so auf. wie-im Stalle, und als die Gäule jetzt zufällig eine nnoorschriftsmäßige Wendung machten, mußten sie cs bitter büßen. Bald war er jedoch wieder Herr seiner selbst. „Weil Ihr freundlich und gut seid, sollt Ihr es wissen. Ist Be-Emes (in Wahrheit) im ganzen nur Schluß (Dummheit), und denke nicht mehr gerne daran. will Euch aber, weil Ihr es wissen wollt, erzählen von Ales bis Tow" (Anfang bis Ende). Ehajim hatte Zu jener Zeit, in die uns sein glorioser Name zurückversetzt, weder Hans noch Hof und war noch Fuhrmannsgehülse bei Rüben, dem Balhagoloh. Wie er bei seinem Prinzipale wegen seines Fleißes und seiner Dienstireue sehr geachtet war. so genoß er auch sonst in der Stadt allgemeine Beliebtheit. Bei seinen Freunden war er noch besonders gerne gesehen wegen seines allezeit gesunden Humors und scharfsinnigen Witzes, dessen beißende Spitze aber seine Feinde über Alles fürchteten. Die Passagiere achteten in ihm nicht nur den sicheren Lenker des Gefährtes, sondern auch den humorvollen Gesellschafter, der ibnen die trostlose Fahrt würzte und durch abwechselnde oft pikante Konversation die Langweile und Beschwerden, die eine Wagenreise mit sich bringen, versüßte. DasBedürfniß. einen guten Witz zu machen, saß ihm geradezu im Blute, so daß er die Lacher immer auf seiner Seite hatte, bis ihm einmal etwas Ungewöhnliches begegnete, das ihm die Lust. Witze zu machen, fast für immer benahm. Es war am Beginn des Frühjahres. Diese Jahreszeit ist gewöhnlich auch die Blüthezeit für die Fuhrhalter im Memelgebiet. Um diese Zeit, in lvelcher der Verkehr mit den größeren Städten und mit dem nahen Preußen ein äußerst reger ist und die Dampfer, die in jenen Gegenden die Eisenbahn ersehen müssen, tvegen der noch nicht eisfreien Memel nicht im Betriebe sind, um diese Zeit ist das fahrende und geschäftetrcibende Publikum einzig und allein auf die Wagenbeförderung durch die Fuhrleute angewiesen. So kam es auch, daß Chajim während der ganzen Peßachwoche nicht ans den Kleidern kam, und als er kurz vor Anbruch des Festes mit einem von Menschen und Maaren vollbeladenen Wagen nach Hause kam, blieb ihm, nachdem er die Pferde versorgt, nur noch soviel Zeit übrig, um sich schnell umzukleiden und zur Synagoge zu eilen. Als er jetzt in dem hellbeleuchteten Gotteshause, von einer festlich gekleideten und gestimmten Menge umgeben, in seiner^ bescheidenen Ecke saß, da verspürte er. wie die Natur ihr Recht mit Gewalt geltend zu machen versuchte. Als der. Vorbeter das Vorchu jetzt fertig getrillert hatte und die Betenden, nachdem sie begeistert eingestimmt, sich nun hinsehten, um im leisen Gesänge mitzubeten, da schloffen sich seine Augen unwillkürlich und der Kopf nickte. „Nur nicht schlafen!" sagte sich Ehajim. indem er gewaltsam die Äugen anfriß und feinen Machsor näher dem Lichte rückte; aber im selben Augenblicke schlief er schon. Ehajim hörte nicht, wie die Gemeinde in „Sch'ma jeßroel" begeistert einfiel, hörte nicht, wie sie sich bei Schemoneeßri erhob, und auch nicht, wie Meier, der Schammesch, nachdem sich die Andächtigen entfernt, sein übliches „Keiner mehr da?" rief. Nnd sein Halbschlnmmcr verstärkte sich zu einem gesunden Vollschlaf, als die Lichter jetzt gelöscht und die Synagogenthür von Außen abgeschlossen wurde. Als Ehajim wieder aufwachte, schlug gerade die Turmuhr zwölfe. Er rieb sich die Augen, rüttelte sich mühsam ans nnd suchte znm Bewußtsein seiner Situation zu gelangen. Soviel wußte er sofort, daß er sich weder daheim im Bett noch auf einem beladenen Wagen auf der Landstraße befand. Er mußte sedoch seine ganze Denllraft anstrengen, um sich vorerst dessen .zu überzeugen, daß er auch wirklich im wachenden Zustande sei. Ein kleiner Schimmer von der ..ewigen Lampe" in der Westseite brachte ihn aber endlich zur Besinnung und nach einigem Nachdenken war ihm bald Alles klar. P Ehajim mußte anfänglich seine Lage als eine hoffnungsnnd trostlose erscheinen. — In dem unge-

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