Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1902)
- Date
- 1902-01-16
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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„Hai! Du Chammer! friß nicht alles auf' Darfst ) auch schon für Deinen Chawer (Kollegen) etwas über-! lassen," fuhr er das eine Thier, das sich heißhungrig über die Krippe machte, an. indem er mit kräftiger Faust seinen Kopf zurückstieß. Ich wollte ihn in seiner Unterweisung nicht unterbrechen und fragte jetzt bescheiden: „Wohnt hier Herr Chajim Moschiach?" Der Angeredete, der mich erst jetzt zu bemerken schien, sah mich scharf an; seine Augen blitzten auf. als hätte er etwas ganz Unerhörtes vernommen, und anstatt auf meine Frage einzugehen, setzte er seine Instruktion fort: „Du Hund! Du Meschumed! (Abtrünniger) Parech von einem Chamer! Willst Du den Kopf wegthun? Und Du Schlemihl! lahmer Gaulem! (Erdklos), warum stehst denn da, wie ein Ochs und frißt nichts?" Die Thiere ließen diese ihnen wohlbekannte Komplimente kalt, mich aber versetzten sie, so unlogisch cs mir auch schien, einen Gaul als Esel und Hund zu bezeichnen, in einige Aufregung. Schien es mir doch beibeinahe, als sei ein Theil dieser Zärtlichkeiten auf das Konto meiner Person zu setzen und in noch bescheidenerem, ja fast eingeschüchtertem Tone wiederholte ich jetzt: „Ist hier die Wohnung von Reb Chajim Moschiach?" Jetzt blickte'er scharf auf. sein Gesicht glühte und seine Stimme bebte vor Zorn: „Was soll denn das heißen? Wollt Ihr mich zum Besten haben? Ich kenne Euch.. nicht und Ihr kennt mich nicht und habt die Chuzpe (Frechheit), mit mir Liznes (Spott) zu treiben." Diese eindeutige Zurechtweisung machte mich vollends verwirrt, doch mein verdutztes Gesicht mochte etwas besänftigend auf ihn gewirkt haben, denn er wurde auf einmal ruhiger und seine Stimme klang weicher: „Nun ja, Ihr seid hier fremd, da will ich es Euch mauchel. sein. Ich bin es selber, den Ihr sucht, heiße aber nicht Moschiach; es ist dieses ein böser Zuname, den niich Joske. der Parech, und Jankel, die Gans, und noch andere aus Kinoh-Sinoh (Neid und Haß) heißen. Ich heiße Chajim Markowitz. Nun, was wollt Ihr von mir, von Chajim Markowitz, von Chajim, dem Valhagoloh?" (Fuhrhalter.) Jetzt war mir alles klar; der Zorn Chajim's. das Aufwallen seines Mannesstolzes erschien mir nun ganz natürlich. Ich versuchte, mein Unrecht gut zu machen, indem ich auf seine gestellten Bedingungen sofort ohne Einwendung einging, was mir auch über alles Erwarten gelang, und schon nach einigen Stunden befand ich mich in einem nicht gerade idillischen Gefährte, auf einem aus Brettern und gefüllten Säcken künstlich hergestellten Polster und fuhr unter der sicheren Leitung des Chajim Moschiach! -— des R. Chajim Balhagoloh Nach der Kreisstadt R. Es war eine schöne Sommernacht. Der volle Mond beleuchtete die einsame.Gegend, die zwischen dichten Waldungen und weiten Ebenen wechselte und verlieh ihr, obzwar sonst nichts weniger als romantisch, etwas von seinem Nachtreize. Hier und da der düstere Schimmer einer Bauer"- Hütte, dort von einer uns entgegenkommenden Anhohe die Flügeln einer Windmühle, hier und da auch ein bescheidener Kirchthurm und ein paar tanzende Lichtpunkte, die von einer Kolonie oder einem kleinen Dörfchen zeugen, endlich auch eine einsam im Felde stehende Schenke, aus der ein wilder Lärm raufender Bauern schon von weitem zu hören ist. Als wir auch diese Etappe hinter uns hatten, war, abgesehen von dem langsamen Getrappel der Gäule und dem Knarren der schweren Räder, nichts mehr, was die 'Nachtstille störte. Chajim hatte seinen Groll ganz vergessen und war sehr unterhaltend. Mit großer Sachkenntniß und nicht ohne Humor suchte er mich über Land, und Leute auszuklären. Dann erzählte er auch von seinen Erlebnissen und vom Leben in G.. wobei ich in ihm vollends den humorvollen Melancholiker bewundern mußte. Als ich jetzt meine 248 Glieder in eine Positur zu bringen suchte, aus der Chajim entnehmen mußte, daß ich mich der Ruhc hingeben möchte, zog er sich bescheiden aus seinen Bock zurück und begann, erst leise, dann etwas lauter, mit dem Rezitiren von Psalmen. Er sang in melancholischen Tönen und mit weinender Stimme. Die Pferde, als ob sie ihren Herrn in seiner Andacht nicht stören wollten, verlangsamten ihre Schritte. Das Gefährte wackelte hin und her und im Halbschlummer stand jetzt das wankende Schisslem. mit dem vor wenigen Augenblicken R. Chajim die Lage der russischen Juden verglichen, mir anschaulich vor Augen. Mir war es. als höre ich im klagenden Sing sang meines Fuhrmannes die Klagen eines ganzen Volkes, als drängen zu mir die Seufzer einer ganzen Nation, das Jammergeschrei der lithauischen Juden heit. ... Ich habe schon Leute aus den verschiedenartigsten Berufsständen und Weltgegenden kennen gelernt, Arbeiter und sonst sozial bis zum Helotismus herabgedrückte Personen der verschiedensten Kategorien, in ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Leben zu beobachten Gelegenheit gehabt; die armen Bauern und Taglöhner in Kleinrußland, die Fischer in den Serprovinzen, die Triftenfuhrer im Memelgebiet, die Führer in den Schweizerbergen, die hungernden Weber in Thüringen und die Erz- und Kohlengräber in Sachsen und Westfalen. Sie klagen alle, und zumeist nicht ohne Grund und Recht, über ihre Lage; sie suchen sich jedoch fast alle in ihrem schweren und oft lebensgefährlichen Berufe durch erprobte Mittel zu kräftigen und zu ermuthigen. Abhärtung, Gleichgiltigkeit, die oft an Geistesabstumpfung grenzt und in starrer Re signation ausartet, sowie endlich auch Alkoholismns spielen dabei die Hauptrollen. Aber Jemand, der seinen ganzen Trost und Halt inbloßen Worten findet, in Worten, mit ivelchen er auch gleichzeitig sein ganzes