Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-01-16 · Heft 5 (16.1.1902) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 5 (16.1.1902)
Date
1902-01-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449801--55152-2517765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ohne diese Organisation doch etwas Besseres hervorgegangen. Viele von den Schnorrern, wie die Welt sie nennt, oder Schaaren von den Hosenträger verkaufenden Jünglingen des Ostens, wie weil? Trcitschke sic nannte, hätten sich am Ende doch in anderen Ländern niedergelassen und sich zu brauchbaren Menschen entwiclelt. Nur Engherzigkeit hätte in ihnen Eindringlinge erblickt und ausgerufen „mir ist der Ort zu enge." Jetzi aber ist die Zeit zu ungünstig; jeder Ort. an den jene Elemente sich niederlassen sollen, von Organisation wegAi, würde sich schönstens dafür bedanken. In allen Ländern wacht man heute strenge darüber, daß Arme aus anderen Ländern fern, gehalten werden. Dabei gehen Tausende jener Unglücklichen elendiglich zu Grunde. Wir haben das Unrecht begangen und sie. die Schuldlosen, müssen dafür büßen. Aon der Wanderbettelei der früheren Tage wären wir nicht ärmer geworden und heute würden die größten; Summen nicht ausreichen, auch nur einem winzigen Theil der Bedrückten eine Erleichterung zu schaffen. Wo liegt da der Segen der vielgepriesenen Organisation? Es hatte an warnenden und mahnenden Stimmen in jenen Tagen, als die Unterstützungskassen in's Leben traten, nicht gefehlt. Sie Haben umsonst gewarnt und ermahnt und nun zeigt es sich, daß sie Recht hatten. Der echtjüdische Begriff der npnx wonach der Dürftige das Recht zu fordern und der Begüterte die Pflicht zu geben hat, ist heute zum Begriff des Almosengebens in seiner dürftigsten Form herabgesunken. Die Grundsäule des snzr, jr.irc; hat die Organisation tief erschüttert, jogar schon zerstört, und ruinenhafi tritt sie uns entgegen. Auch die andere Grundsäule, die rnm ist heute theilweise ein Opfer der Organisation geworden. Eine fratzenhafte Maske hat man ihr aufgesetzt durch die Organisation der Litteraturvereine. Es lohnt sich gar nicht mehr der Mühe, die Lächerlichkeiten dieser Organisation aufzuzählen, jeder mvs Freund ist ihr Feind. Nur eins möge hier hervorgehoben werden. Ein Redner sprach vor Kurzem über die Entwickelung des Judenthums in dem letzten Jahrhundert. Es waö sogar ein sog. Rabbiner, der den Vortrag hielt. Er verfehlte nicht, weidlich auf die Unwissenheit der Juden zu schimpfen und einen Geiger himmelhoch zu preisen. Von einem Abraham Bing, Seligmann Nürnberger. Wolf Hamburger u. s. w. wußte er nichts zu sagen. Einem Zuhörer war das doch zu viel. Er trat an den Löwen des Abends heran und sagte ihm, er hätte, etn schlechtes Bild dieser Zeit gemalt. 'Doch das steht fest, wäre er (der Vortragende) in jener Zeit Rabbiner gewesen, das ganze Judenthum hätte sich seiner schämen müssen. Tableau! V Die dritte Grundsäule der nwvp ist auch durch Allerlei Sprünge und Riffe gefährdet. Die Liberalen, die keine Zeit für Gott haben, begnügen sich mit einem Lied, bei dem die Orgel die Fehler der Sänger und Sängerinnen zu verdecken hat, und einer Predigt, von 'der oft die Hörer nichts verstehen. . „Ich habe mich sehr erbaut. Und der Dr. hat. schön, gesprochen/ lügt einer dem Andern vor. Das ist die Summe der Errungenschaften seines Synagogenbesuches. In 12'J Gemeinden giebt es schon Orgeln, verkündet ein Artikel der „Zeitung des Judenthums/ angesichts der Kölner Bewegung. Sie fälscht zwar nicht die Darstellung jenes Vorgangs. sie verschweigt nur das Gutachten des anderen Rabbiners. Zwei Berufsarten, die bisher dem Judenthum recht fremd waren, finden nun an ihm eifrige Förderer, die Friedhofsgartnerei und die Orgelbauanstallen. Wie lange noch und die Glockengießer werden jüdische Gemeinden zu ihren Kunden zählen. Diese Richtung im Judcnthum zäumt stets das Pferd beim Schwänze auf. Anstatt Mittel und Wege zu finden, das Altbewährterer Menge zum Verständniß zu bringen, läßt sie das Alte liegen und sucht Fremdes hineinzuiragen, das dem Judenthum so fern liegt. Wer jemals Gelegenheit hatte, nach dem Augenschein das Publikum einer Orgelsynagoge zu mustern, wird sich überzeugt haben, daß ihm. die moderne Art recht langweilig wird, viele werden durch die Musik sogar nervös. „Friede" in der Gemeinde ist nicht das oberste Prinzip. „Wahrheit" muß ihm vorausgehen. rwrm bv p*n bn und dann erst eben dm. Lassen wir uns also von dem Rufe „organisirt euch" nicht aus unserer Ruhe u. unseren Anschauungen bringen. Bleiben wir, was wir sind, und wir werden dem Judenthum durch Irenes Festhalten am Alten mehr nützen. Bei uns ist wohl alles alt, doch nichts veraltet, jeder ^-:v rp n-.vi, ist aus ihr hervorgegangen, durch sie begründet, s&on -'pdrr -pr. nr?n mn -cvi 'nt cs z'hvz xr 72-P2 bv rm ot bs nn tct. „Wenn Du dieses thust. so kann Dir Gott seine Befehle ertheileu und Du kannst bestehen, und auch dieses ganze Volk wird jeder in Frieden auf seine Stelle kommen." M. Sch w e i tz e r, Glogau. AeitrmgSnachrtchlerr und Korrespondenzen. Deut f chlan d. Mainz, 15. Jan. . Das Büreau der „Alliance israelite" in Paris benachrichtigt uns. daß der Minister des Innern in Rumänien. Herr Aurelian, der Deputirtenkammer einen neuen Gesetzentwurf über die Polizei in den Landgemeinden vorgelegt hat. Wenn dieser Gesetzentwurf angenommen wird, wurde er den Ruin und Leiden ohne Zahl über Tausende von jüdischen Familien dieses Landes zur Folge haben, welchen der Aufenthalt auf dem Lande und die Ausübung der verbreitetsten Professionen, wie Bäckerei- Kurzwaaren. Spezerei rr. s. w.. unmöglich gemacht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.