Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 5 (16.1.1902)
- Date
- 1902-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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neuen Stil geholfen werden, so ist sehr viel.dagegen einzuwenden. Die Sucht nach Vereinigungen ist eine unserer modernen Krankheiten. Man glaubt, die soziale Frage müsse heute auch innerhalb des Judenthums gelöst werden und vergißt ganz, daß sie der Verfasser der . Peßach-Hagadah in dem Ausspruch: ^eder, der hungrig ist, komme und esse," schon zu,einer Zeit gelöst hat, wo die Vorfahren von Marx und Lassale, Bernstein und Singer, noch um den Sedertisch herumsaßen und die Wohlthat jener Vorschrift genossen. Würde man das Gemilus Chesed noch so üben, wie unsere Alten es geübt, so wäre es der „sozialen Frage" unmöglich, auch in das Judenthum einzudringen. Aber indem das Gemilus Chesed zum Almosen herabgesunlen, sucht man nach Surrogaten, die die alte gute Tugend ersetzen sollen, und man gelangt zu allerhand Mittelchen, die den modernen Bestrebungen, die meistens über das Experimentiren noch nicht hinausgekommen, nachgcbildet sind. Darlehenskassen sollen gegründet werden. Würden diese ihre Aufgabe im Sinne der Thora lösen? Wie lautet doch die Bestimmung über j Verarmung? 12. rpinm -jap rv 71221 -pnx -pc '21. „Wenn dein Bruder verarmt, seine Hand schwankend wird bei dir, so unterstütze ihn." (25, 35 sr-rrl Wenn er auf die Hilfe der Darlehenskasse warten soll, kommt die Rettung zu spät. Er muß „statutengemäß" verfahren, den Antrag stellen, einen solventen Bürgen beibringen oder kursfähige Papiere hinterlegen, zum mindesten einen Anteilschein im Werthe von einigen Hunderten zeichnen. Der Vorstand beraumt eine Sitzung an, vielleicht wird sein Gesuch gewährt, vielleicht auch nicht. Vom Wanken bis zum Stürzen ist oft nur eine recht geringe Frist und zu spät tritt die organisirte Kasse in Thätigkeit. Jenen Satz hat der cn2 min besser, verstanden, er sagt: nt mVxh tt» urron brr rvapai 12 trsin ins 121,222 ijTP'ncnn '23 bv '-^vb rcn wk pTcpa px rwarv s'2<b bz: . Laß ihn nicht erst sinken; wenn die Last noch auf dem Lastthiere liegt, so bedarf es nur eines einzigen Menschen, der sie Hallen kann: ist sie aber erst zu Boden gefallen, so reichen fünf Personen nicht aus, sie in die Höhe zu bringen. Bequemer ist es freilich und billiger kommt man dazu, wenn man mit einem kleinen Beitrag Mitglied einer Kasse wird, aber ein "isr? r:2*c; hat der Einzelne nicht geübt. In solchen Fällen gefährdeter Existenz hat er tiefer in die Tasche zu greifen. Aber während in früheren Zeiten der also Unterstützte nichts Niederdrückendes bei Gewährung einer solchen Hilfe emvfand, da er ja selbst üe mit gleicher Gesinnung gewährte, hat eine derartige Hilfe heutzutage etwas Beschämendes an sich, das Gemilus Chesed ist eben zum Almosen herabgesunken und die modernen sozialen Einrichtungen sieben noch lange nicht auf der Hohe des Gemilus Chesed. Einem notorischen Faulenzer braucht man eine Unterstützung nicht zu gewähren das verlangt die Thora selbst nicht — aber verhüten, daß der Vermögenslose nicht auch sittlich herabsinkt, ist eine Sache, die in keinem Statut einer Darlehenskasse zu finden ist. Der Schwankende will seine Lage einem. Vertrauensmann darstellen, sein Ehrgefühl ist dadurch weniger verletzt; zum Vorstand der Darlehenskasse gehören aber viele Personen, sie erfahren alle seine .mißliche Lage und Schweigen — ist nicht Jedermanns Sache. Andererseits verlernt der Einzelne die Pflicht des NLN nib'22. An Organisationen zur Förderung der Landwirthschaft ist jetzt auch kein Mangel. Es soll eine Art Presse geschaffen werden, um die Kinder unbemittelter Eltern an den Pflug zu bringen. Bei aller Werthschätzung des Feldbaues im allgemeinen will uns die Art, wie wir zu derselben greifen sollen, nicht recht behagen. In diesem Jahre wurde in fast allen deutschen Lehrervereinen die Frage behandelt, wie es anzufangen sei, um die Hebung der Landwirthschast unter uns zu fördern. - Aus der Behandlung dieser Frage traten fast j durchweg zwei sonderbare Momente hervor. Wir sollen durch Pflege der Bodenarbeit unsere Gegner von dem Wahne befreien, als hätten wir vor Feldarbeit eine Scheu und es sollen Kinder armer Eltern für diesen Beruf gewonnen werden. Unsere Gegner lassen sich da-! durch nicht belehren, sie geben dieses willkommene Schlagwort von der Arbeitsscheu der Juden doch nicht auf. Warum gerade die Kinder der Armen? Möchten doch die Söhne der Kommerzienräthe und Bankiers den Anfang machen, dann werden es die der Armen schon ihnen nachzuthun suchen. Diese Einrichtungen sind iheilweise noch neu und. theilweise noch gar nicht in die Erscheinung getreten; ihnen haftet noch zu sehr das Thesenhafte an. Man kann aber mit großer Wahrscheinlichkeit Voraussagen, daß Durchgreifendes sie nicht schaffen werden. Wir haben mit diesen Erfindungen eben, kein Glück. Aelter schon, aber gerade auch nicht ruhmreich, ist die Organisation gegen den Wanderbettel. Wir werden heute recht wenig von den zudringlichen Schnorrern belästigt, der Kassier des Nnterstiitzungsvereins höchstens bekommt sie zu. sehen und gibt ihnen meistens unter Schimpfen und Schelten den festgesetzten Betrag.. Ist aber, genau besehen, mit dieser Organisation den Armen geholfen worden? Sie verloren zwar nach und nach die Lust am Umherziehen, das „Geschäft" war zu wenig einträglich, sie standen üch besser dabei, wenn sie die Privathäuser aufsuchen konnten. Heute aber stehen wir rathlos da, dem Elend der Armen in Rußland und Galizien wirksam zu begegnen. Wir haben durch das organisirte Abschließen den Jammer mitverschuldet. Wir schämten uns des nicht nach deutscher Mode gekleideten Schnorrers, hatten vor seinem Jargon einen starken Widerwillen und dachten t nicht daran, daß. kämen wir in ein fremdes Land, wir : die Sprache desselben auch nur radebrechen. Im Laufe - j der Zeiten und in ihrem steten Wechsel wäre vielleicht