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Der Israelit · 1902-01-16 · Heft 5 (16.1.1902) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 5 (16.1.1902)
Date
1902-01-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein , Kenlrät-Hrgan für das ortHadore Iudenthum. Begründet von Br. in HIrIiij. Donnerstag, Den 16. Januar 5662 (1962). Leitender Artikel. Iüölsch-soslklle Vetrschlungm. Organisirt Euch! ist heute die Parole. Jedem Handwerker, jedem Landwirth, jedem Schauspieler, jedem Kantor, Lehrer und Rabbiner wird täglich dieser kategorische Imperativ in tausend Variationen zugerusen. Mit größerem oder geringerem Erfolg hat man sich bereits organisirt. Auch die Juden sollen sich organisiren. Sie sollen ihr Loos durch Zusammenschluß aus eigener Kraft zu gestalten und zu bessern suchen, statt aus S'chuß Owaus zu hoffen, d. h. einer auf patriarchalischen Grundlagen „stehen gebliebenen" Gesellschaftsordnung zu huldigen. Die Zionisten sind zur Zeit die eifrigsten Organisationsarbeiter. Ihr letzter Kongreß hat es der Welt öffentlich verkündet, daß sie organisatorische Elemente in ihren Reihen haben. In den weltfernsten Gegenden schaffen sie sich Organisationen. In Hinterindien und Neuseeland, in Rumänien und England sind viele Juden zionistisch organisirt und die Genossen von Galizien und Rußland. Was wird aus den Organisationen werden? Wir glauben, nicht viel. Die zionistische Bewegung berücksichtigt nicht, .daß das Judenthum kein Proletariat im modernen Sinne kennt und daher auch keine soziale Frage. Trotz allem Unglück und trotz aller Verfolgung ist der Zustand der Massen des östlichen Judenthums ein relativ glücklicherer, als der der Arbeiterheere ini Westen. Ihr Gemüth wird nicht tagtäglich aufgereizt durch Volksredner, Zeitungen und Alkohol. Ihr Gottvertrauen, ihre große Genügsamkeit und natürliche Bedürfnißlosigkeit sind ihnen eine starke Schutzwand im rauhen Kampf um's Dasein. Aber das soll jetzt anders werden. Die Zionisten wollen sie die Unzufriedenheit lehren. An Stelle ihres Heiligthums, der Thora, soll das Baseler Programm treten, das, wie Herzl sich dieser Tage ausdrückte, nunmehr das jüdische Heiligthum sei. Aus den weinerlichen Betern sollen, wie ein anderer Kongreßredner sagte, Gewaltmenschen werden. Aber der Jude und besonders der Talmud-Jude, ist ein wunderliches Geschöpf, das in sich die Eigenschaften des Pessimisten, des Optimisten und des Stoikers harmonisch vereinigt. Jede neue Erscheinung prüft er auf ihren Werth, indem er nach einem Analogon in der Thora und im Talmud sucht. So fragt er sich auch hier, da wir im Zeichen der Organisationen stehen, kommt davon auch etwas in unseren Büchern vor? Und siehe da,, sein Blick fällt auf Jithro und da findet er die ersten Spuren einer regelrechten Organisation. Kommt da der midjanitische Priester und lehrt den Moscheh das Volk zu organisiren, bildet Schiedsgerichte und einen obersten Gerichtshof. Schade, daß die große Masse Israels damals völlig besitzlos war. Es hätte sicher allerlei Vereine für Handwerker und Bodenkultur, für Beamte und für jüdische Litteratur gegründet. Ein solches Unternehmen wäre allerdings zwecklos gewesen; Konkurrenzkampf und unlauterer Wettbewerb fanden hier keinen Nährboden. „je ein Omer für jeden Kopf", war das dort Jedem zugemessene Theil. Niemand hatte zu'viel und Niemand zu wenig. Sie werden sich — abgesehen von einigen Unzufriedenen — recht wohl dabei gefühlt haben. In der Kulturentwickelung müssen sie dennoch schon weit vorgeschritten gewesen sein. Ihre Intelligenz rühmen unsere Weisen in dem Ausspruch ihnen nach: jene Zeltenbewohner richteten Thüren und Fenster so ein, daß Keiner in den Raum des Nachbars sehen konnte. Von dieser Höhe ethischen Bewußtseins sind wir noch sehr weit entfernt. Ohne Organisation waren sie vortrefflich organisirt. Das hat nur die Thora, deren Erklärung und praktische Verwerthung ihnen Moscheh nahelegte, fertig gebracht. Wenn in den mannigfaltigen, Berufsarten Zusammenschluß einheitlich wirkender Kräfte nach einem gemeinsamen Punkte angestrebt wird, so läßt sich nichts dagegen einwenden. Wenn man aber glaubt, dem Judenthum resp. der Judenheit kann durch allerlei Organisationen nach dem

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