Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1902)
- Date
- 1902-01-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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steuern.. Das Faß wurde von Haus zu Haus gerollt; — aber nur einige wenige gewissenhafte Leute gossen guten Wein hinein, und die anderen schütteten alle Wasser hinein; denn Jeder dachte: was kann es machen, einen Liter Wasser in so viel Wein? (Heiterkeit.) Kurze Zeit danach feierte man das Barmizwafess des Sohnes des Rabbiners, und der Rabbiner lud die Gemeindevorsteher zu sich. Der Wein war für diese Gelegenheit ausgespart worden und wurde ihnen nun vorgesetzt. Denken Sie sich den Abscheu und die Empörung der guten Leute. „Wie untersteht der Rabbiner sich, uns solches Zeug vorzusetzen?" (Heiterkeit.) Als sich Dr. Herzl's Faß nicht sofort mit den zwei Millionen füllte, da hoben die Leute die Arme zum Himmel empor vor Entsetzen, und doch wurden in jener Woche Aktiengesellschaften mit viel größeren Kapitalien begründet, nicht zum Zwecke der Befreiung eines Dolles, auch nicht zum allgemeinen Besten, sondern zu Privatzwecken. Erst neulich wurde in London eine Weihnachtskarten-Attienaesellschaft gegründet. Das Kapital strömte zu und erreichte bald ungefähr diese zwei Millionen. Wie unsere Bank, wurde auch diese Weihnachtskarten-Aktiengesellschaft von Juden begründet, sie hat sogar dieselbe Firma von soUimtors. Aber glücklicher, als unsere Lokale, sind die Geschäftsräume dieser Aktiengesellschaft unter dem persönlichen Segen des Obcrrabbiners von England 'eingeweiht rvorden. Doch glauben Sie mir, unsere Bankaktien sind ebenso künstlerisch ausgestaltet, wie die Weihnachlskarten- Aktien. Doch, wie mein Landsmann Shakespeare sagt: „Es ist eine Seele von Güte auch in. den übelsten Dingen." und es ist kein völliges Mißgeschick, daß unsere zwei Millionen nur ganz allmählich zusammensickern. Denn zwei alte Sagen über die Juden werden durch diese Tbatsache zerstört:. 2) daß alle Juden Millionäre sind und 2) daß alle in enger Gemeinschaft gegen die übrige Welt geeint sind. Man wird der Wahrheit näher kommen, wenn man die Thaisachen umwendet: Einige Juden sind Millionäre und sie sind miteinander gegen die übriaen Juden geeinigt. (Beifall.) Wir geben auch nicht einmal diese Millionäre auf. Ich stimme mit meinem Freunde Dr. Nordau nicht überein, daß jeder Millionär ein verlorener Jude ist. Man nenne Keinen verloren, ehe er t o d t ist! (Heiterkeit.) So haben wir ein rühmliches Beispiel: Wer würde es sich vorgestcllt haben, daß der Jude in dem Mitgliede des Jockeyklubs, in der Person des Baron Hirsch erwachen würde? (Einen Namen, den ich nicht ohne Verehrung nennen darf.) Er war ein nach heroischen Plänen gebauter Mann. Spät im Leben fiel in seine Seele der Gedanke der Befreiung des jüd. Volkes. Ich erinnere mich, wie voll die christliche Presse von diesem neuen Moses war. Unter der Aufmerksamkeit der ganzen Welt setzte er fein großes Unternehmen in's Werk. Aber kennt denn die Welt die Fortsetzung desselben, wie sie es ein Recht hat, zu kennen? Wie könnte es zugelassen werden, daß eine Angelegenheit von Iveltweitcr Bedeutung zu einer Winkel- und Kellerangelegen heit herabsinke? Ich will das Meinige vazL tbun, um diese Angelegenheit aus dem Dunkel hervorzüziehcn, und deßhalb will ich meinen Antrag stellen. Der neue Moses wandte sich zu seinem Volke, sah seine Knechtschaft und sah keine Rettung außer in einem neuen Auszuge nach einer neuen Welt. So wurde die Auswanderung nach Argentinien in's Werk gesetzt. Mit welchem Erfolge? Es wird gesagt, daß die richtige Wohlthätigkeit darin besteht, zwei Grashalme dort wachsen zu lassen, wo bis dahin nur einer war. Von Baron Hirsch's Wohlthätigkeit läßt sich sagen, daß er dort zwei Schnorrer wachsen ließ, wo bis dahin bloß einer, war. (Beifall.) Der Direktor sagt uns, wie die Leute aussahen, die ihm als Kolonisten geschickt wurden: der Kehricht der Armenviertel der Weltstädte. Was beweist dieser Mißerfolg? Bloß, daß der Gedanke schlecht war und die Ausführung noch schlechter. Alle Bahnbrecher müssen im Dunkeln tappen. Aber Baron Hirsch war ein großer Mann und große Männer lernen von ihren eigenen Jrrthumern. Nur kleine Männer und kleine Lebewesen, die tief aus der Stufenleiter stehen, ändern sich nie. Hätte Baron Hirsch lange genug gelebt, um die moderne zionistische Bewegung zu sehen, hätte er eine feurige, junge Generation gesehen, die nichts sehnlicher wünscht, als ihre Geschicke selbst zu schmieden, mit dem eigenen Hammer, auf eigenem Boden, er würde sich gefreut haben, eine so schöne Gelegenheit zu finden, sein Geld fruchtbar und nicht nutzlos auszugeben. (Beifall.) Der große Mann ist gestorben und die Testamentsvollstrecker regieren an seiner Statt. Ueber zweihundert Millionen, zu denen später ungefähr noch andere hundert Millionen für die Rothschild'sche Kolonie kamen, gingen in die Hände einer gemischten Gesellschaft über, ohne Plam ohne Einheit, ohne bestimmtes Ziel, von der Manche das Verschwinden der Juden, andere bloß das Verschwinden des Judenthums wünschten, alle aber darin einig gingen, den Gedanken jeder jüdischen Sammlung und Zusammenfassung zu hassen. (Beifall.) Unserer Bewegung wird vorgeworfen, daß sie nicht von Männern geführt wird, die berühmte Geschäftsleute sind. Nun. wenn berühmte Geschäftsleute diejenigen sind, die ihr eigenes Vermögen auszubauen sich befleißen, dann haben diese auch keine Zeit, das Vermögen. das ihnen anvertraut wurde, richtig zu verwalten. Wollten doch die Leute, die ängstlich unserer Bewegung gegenüberstehen, die jüdischen Zeitungen vor 40 Jahren durchblättern. sie würden einen entsetzten Angstschrei wegen der Gründung eines neuen und unheilvollen Unternehmens finden, das die von den Juden in Europa erworbene Stellung schwer bedrohe. Sie würden entsetzte Korrespondenten und ängstlich bebende Familienväter finden, die die neue Organisation beschuldigen, daß sse politischen Charakter hat und deßhalb gefährlich und unjiidisch iss. Diese neue, so gefähri lichc und unjüdische Organisation war die „Alliance