Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1902)
- Date
- 1902-01-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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94 mit poetischen Nudeln drin. Dagegen haben sämmtliche Gottesgebote, als kategorische Imperative aufgefaßt, ungefähr dieselbe Wirkung, wie polizeiliche Verordnungen, die man bekanntlich nicht aus poetischen Gründen zu befolgen pflegt. Welche. Veränderung im Seelenleben d Jugend hat an Stelle des wahren Ernstes die Sent.Mentalität gesetzt? Seit wann datirt dieselbe? — Seitdem die Jeschiwoh's seltener geworden sind! Es gibt kein wirksameres Heilmittel gegen diese Krankheit, nichts vermag auch über das wahre Wesen des Zudenthums besser und klarer Aufschluß zu geben, kein Buch, und hatte es der Geistvollste geschrieben, keine Rede, und strotzte sie förmlich von Phrasen und Bildern — als das Studium des Talmuds. Ein talmudisch-gebildeter Kopf läßt sich durch philosophische Gemeinplätze nicht ^erzeugen. Ihn trügt kein Schein und blendete er durch zauberische Pracht die Augen, lleberall versucht er bis zum Kern einer Sache vorzudringen. Jede Erscheinung, die in den Kreis seiner Anschauungen tritt, begrüßt er mit den Fragen: warum? wieso? woher? weßhalb nicht anders? Deßhalb kann er auch viel deutlicher als jeder andere den Grund eines Gesetzes erkennen, viel klarer. und vernünftiger, weil es ihm seine talmudischen Kenntnisse ermöglichen, die einzelnen Bestimmungen,des Gesetzes in ihrer Totalität zu überschauen und er, an die scharfsinnigen und logischen Deduktionen des Talmuds gewöhnt, schärfer und gesünder denkt, als jedes andere, mit poetischen Redefloskeln angestopfte Gehirn. Ueber Prinzipien einer fremden Weltanschauung vermag er sich ein selbstständiges Urtheil zu bilden, nachdem er sie kritisch gewürdigt und einer eingehenden Prüfung auf ihren Wahrheitsgehalt unterworfen hat. ohne sich von Ueberzeugungen anderer beeinflussen zu lassen. Deßhalb wird der e ch t e T a l m u d i st, ist er einmal von der Wahrheit des Judenthums überzeugt, niemals fahnenflüchtig werden. Sentimentaler Augenaufschlag, poeüsche Herzensergießungen mit obligaten Krokodilsthränen, das sind Gefühlsverirrungen, die der Talmudjude in den finstersten Zeiten des Drucks, trotz Schmach und Hohn, Schmerz und Leid nicht kannte. Wohl hatte er ein fühlendes Herz, das unter den Lanzenstichen des Hohns und der Verachtung zu Tode sich verbluten konnte; aber es war nicht Sentimentalität. wenn er zur mitternächtlichen Stunde von seinem Lager sich erhob, um seine Sehnsucht nach Zion und Jerusalem in Thränen der Verzweiflung in die stille Nacht des Ghettos hinauszuweinen; — das wahre, ungeheuchelte Gefühl der Sehnsucht war's, nach den entschwundenen Zeiten des Glückes und der Freiheit. Doch nicht nur sein Schmerz war frei von jeder Lüge, seine Freude war es nicht minder. Jüdischer Witz und Humor haben ihn über die Klivpen des Lebens gefahrlos hinübergeleitet. Ein geistvoller Schriftsteller, der in seiner Jugend die tälmudische Hochschule zu Prag besuchte und später mit seinen witzigen Einfällen eine Zeitlang das deutsche Publikum ergötzte, schilderte seine Seelenstimmung während der Studienjahre mit folgenden Worten, die noch heute das eigenthümliche Wesen eines sogenannten «Bochers" treffend charakterisiren: „Zu jener Zeit lachte mein ganzes Wesen, alles an und in mir war lustig, und ich. trug diese innere Lustigkeit auf alles, was mir nahe kam, über; alles erschien mir lustig, sogar der Hunger! Ich hatte in Prag auch trübselige Zeiten, aber ich lachte nur. Ich lachte den Hunger aus, ich lachte die Kälte aus! Ich war drollig und lustig auch mit mir selbst und wenn ich allein war! Ich erinnere mich einer Faschingsnacht, ich wohnte in einem Dachstübchen auf dem Fischmarkt, mein Zimmer war von einem Öellämpchen kärglich erhellt, auf einem kleinen Hängofen lag der zukünftige Vierundzwanzigstunden-Jnhalt meines Magens in der Gestalt von drei bis vier Erdäpfeln. Von der Redoute, die gerade gegenüber war, klang ein lustiger Deutscher zu mir herüber. Da faßte ich meinen Holzstuhl an und walzte mit ihm seelenvergnüat durchs Zimmer! — Was war das? Es war die Jugend, die früheste, die sorgloseste Jugendzeit! In der Jugend ist der Hunger nichts als Spaß, der Durst eine Neckerei, die Kälte eine Erfrischung!" Man zeige mir heute einen Jüngling, der nicht gleich den Kopf hängen ließe, wenn seine Zähne nichts zu beißen haben. Er trägt sich gleich mit Selbstmordgedanken. Warum? Weil die Jugend unserer Zeit das spezifisch jüdische Naturell gänzlich verloren hat, weil, seitdem der Talmud nicht mehr heimisch ist in unserem Kreise, an Stelle des jüdischen Witzes und Humors -die durch sog. „künstlerische" Veranstaltungen gefährlichster Art genährte Frivolität, an Stelle des Ernstes die Sentimentalität getreten ist. (Schluß folgt.) (Schluß aus der zweiten Beilage.) Mn Zii>»is!tiikl>iiMtii in TM Dann wurde die Kulturdebatte wieder aufgenommen. Pro & contra wurden zwei Generalredner gewählt, schließlich die Hauptaniräge, mit Ausnahme der Punkte 4, 6 und 7, von Buber angenommen und die Wahlen in die Kulturkommission vorgenommen. Jetzt erst vereinigten sich die Seceffionisten wieder mit der Versammlung. Der Präsident verlas hierauf eine Sympathieadreffe einer Versammlung von 500 Juden in Freiburg i. B. Namens der deutschen Landsmannschaft brachte ein Delegirter Hamburg als nächsten Kongretzort in Vorschlag. Damit waren die Verhandlungen des 5. Zionisten- Kongreffes beendet. Dr. H e r z! richtete folgende Abschiedsworte an die Versammlung: Werthe Kongreßmitglieder! Wir werden bald eine Erinnerung feiern, die Erinnerung an den 5. Kongreß. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß er ein guter