Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1902)
- Date
- 1902-01-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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43. Jahrgang. Seltener Artikel. At Äschmh zilFmAtM Mm. (Fortsetzung.) Aber der Fortschritt der Zeilen — das moderne Empfinden der Jugend — die sozialpolitischen Fragen der Gegenwart, die dem jungen Gehirn so viel zu denken geben, daß gar kein Platz mehr übrig bleibt für die Subtilitäten des Talmud — man kommt ja gar nicht zum Lernen, den ganzen Tag sitzt man im Geschäft — Ihr habt gut reden — und abends — na ja, man muß auch ein Paar Stunden für sich haben. O über die Erbärmlichkeit der Zeit! Was gebt Ihr Eurem Leichtsinn eine wisienschaftliche Unterlage und schwatzt von sozialpolitischen Fragen? Warum seid Ihr nicht wenigstens ehrlich und sagt Euren wahren Grund offen heraus: Wir lernen deßhalb nicht, weil mir dem Talmud keinen Geschmack abgewinnen können, weil der Talmud fad und langweilig ist! Diesen Grund würde man Euch doch vielleicht glauben, während Ihr erst heucheln müßtet, um einen Grund anzuaeben, den inan Euch doch nicht glaubt. Aber daß der Talmud sad und langweilig ist, kann man erst erfahren, wenn man weiß, was darin steht, und da letzteres in der Regel nicht der Fäll zu sein pflegt,/ muß man sich eben nach einer anderen Ausrede umsehen. Wie? Sozialpolitische Fragen? Kunst und Wissenschaft? Wie viel Jünglinge gibt es überhaupt, deren Blick über den engen Kreis persönlicher Interessen binausreicht, die — nicht Verständniß hätten (wer ulöchte das gleich von Jedem verlangen?) Verständniß s ii ch t e n für die großen Fragen der Zeit? Wo ist der Jüngling, der so viel Ernstbesäße, daß er sich für wissenschaftliche Dinge mehr interessirte, als für seichte Romane und Novellen, der die Wissenschaft liebt um der Wissenschaft willen und in den Tempeln der Kunst nichts anderes sucht — als die Kunst? Wer kennt nicht Jünglinge aus seinem Bekanntenkreise, die nur dann über den Strich einer Zeitung schauen, wenn oben von den Verhandlungen eines interessanten Giftmordprozesses berichtet wird, sich für das tragische Ende eines Selbstmordes lebhafter interessiren, als für eine Rede Eugen Richter's. und die das Orpheum nicht nur dem Veth Hamidrasch, sondern auch dem Schauspielhause vorziehen? Und Zeit, Zeit? Ihr hättet keine Zeit übrig für's Lernen? Ihr säßet den ganzen Tag im Geschäft und müßtet doch, wenn Ihr abends heimkoiomt, ein Paar Stunden für Euch haben? Ich bitt' Euch um alles, warbt mir das nicht weiß! Wer zählt die Stunden, die Ihr in müßigem Gespräch verschwatzet und verklatschet, wer nennt die Namen aller Persönlichkeiten, deren Ehre und Frieden Euch herhalten müssen. wennEuchderUnterhaltungsstosf ausgegangen? Habt Ihr sie denn schon beherzigt, ganz beherzigt, die Worte des Chaurew: „Sei Meister Deiner Zunge! Rur deri weisen, verständigen Rede sei es geweiht, das göttliche Wort, — und wo Du d i e nicht führen kannst — sch w e i ge! Sch we i - gen lernt, Jünglinge und Jungfrauen meines Volkes, schweigen lernt, — und weist man Euch als langweilige Gesellschafter zurück, weil Eure Zunge nicht geläufig ist, Schwäche und Makel. Thorheit und Sünde Eurer Brüder und Schwestern witzig zum allgemeinen Besten zu geben, —lieber seid langweilige Gesellschafter, als zur Kurzweil Ehre und Frieden der Menschen tödten zu können." Habt Ihr sie beherzigt und die kostbaren Tage der Jugend wirklich mit ernster Arbeit also, ausgefüllt, daß Ihr sprechen könntet, ohne lügen zu müssen: „Wir haben für's Lernen keine Zeit?!" Ach, wer unserer Jugend nur ein wenig Ernst einimpfen könnte — ich glaube, wir hielten einen großen Schritt weiter. Aber da geht sie durch's Leben wie im Traume, jagt Vergnügungen nach, die Körper und Geist zerrütten, und wenn der Sommer kommt, sind die Rosen schon verblüht und ihr bezaubernder Duft ist mit dem Lenz entschwunden. Seht die Zwanzigjährigen, mit welchem Ernst sie Schmetterlinge fangen, als gälte es, eine Welt zu erobern! Putz und Spiel sind ihre Erholung, Tand und Flitter ihre Gedanken. Mangel an Ernst ist das Kardinalübel der Jugend, Mangel an wissenschaftlichem Ernst jeglicher Art, Mangel an Ernst der Lebensführung. Die natürlichste und betrübendste Folge dieses Mangels ist es, tvenn an Stelle des Ernstes, der sich im Leben einmal nicht ganz umgehen läßt, und in der Gegenwart um so nöthiger ist, weil heutzutage mehr denn je Frivolität selbst in's Heiligthüm der Wissenschaft sich wagt, jene falsche S e n 1 i rn r n t a - lit 8 t getreten ist, der wir so oft in jüdischen Kreisen begegnen, wo ehemals Verhängnisse von erschütternder Tragik nur das wahre Gefühl des Schmerzes aufkommen ließen und eine ruhige Stunde jeden melancholischen Gedanken verscheuchen half und vertrauend zu Gott aufblicken ließ — jene Sentimentalität, die über alles Hohe und Erhabene die warme Lauge ihrer Thronen gießt und doch ihrem ganzen Ursprünge nach nichts anderes ist, als die weinerliche Stimmung des Katzenjammers nach einer wüst verlebten Nacht. Wenn man seines Leichtsinns überdrüssig ist, wird man sentimental. Es ist das der bequemste Weg, den'Anklagen' des Gewissens zu entgehen. Allein das nüchterne, rationelle Gewand, in welches die moderne Wissenschaft sich' zu kleiden liebt, hat schön manch sentimentales Dichter- Herz von religiöser Gefühlsschwärmerei gründlich kurirt. Nichts wird in ernsten Momenten des Lebens, wo die Vernunft mit dem Herzen kämpst, so leicht ausgegossen, als die wässerige Suppe der Sentimentalität