Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1902)
- Date
- 1902-01-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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90 mals ganz ernstlich ventiliü wurde. Beide hielten sie großartige schöne Reden; sie sprachen von Frieden mit den Orthodoxen, von Autonomie. .Organisation, Kongreß etc., aber man merkte es ihnen an, daß sie Neulingaus diesem Gebiete seien. Zwei Männer waren in der Versammlung, die ja z u r Sache gesprochen haben; diese wurden aber nicht mit gebührender Aufmerksamteit angehört. M. Szabolcsi führte aus, es seien vier Wege vorhanden, um die Einberufung eines Kongreßes zu ermöglichen: Den Frieden mit den Orthodoxen, was aber an dem Widerstande der Orthodoxen noch immer gescheitert ist; ein Ottroi, was aber die Neologen perhorresziren (???); eine besondere Organisation für die Neologen, was aber die Anerkennung der Zweitheilung bedeuten würde, und schließlich, wenn die Neologen sich zur Orthodoxie bekennen würden, was einfach lächerlich (!!!) sei. Dr. Feldmann, Rabbiner aus Czegled, meinte, es sei jede Aktion überflüstig und zwecklos. Die neologen Brüder sollen Schabbos halten. Tefilin legen, die Kuliusgemeinden sollen nicht in einem fort reformiren, dann wird der Friede mit den Orthodoxen von selbst hergestellt sein. Geschieht dies nicht, so ist alles Debattiren ein leeres Geschwätz. Vor allem, meint? Redner, sollte man überhaupt das Kongreßstatut, welches die große Verwirrung hervorgerufen, verwerfen. Diese Rede des jungen Rabbiners wurde mit lebhaftem Widerspruch ausgenommen und vom offiziösen Bericht des „Pest. Lloyd" bona fide übernommen. Indessen wurde über den Antrag des Reichsrathsdeputirten Wisontai eine aus zwölf Mitgliedern bestehende Kommission entsendet, deren Hauptaufgabe es sein wird, mit der orthodoxen Judenschaft Ungarns zu einer Verständigung, bezüglich der Einberufung des Kongresses zu gelangen. Die Kommission hat ihre Thätigkeit noch nicht offiziell ausgenommen. Für heute und morgen ist hier aber eine Landeskonferenz orthodoxer Rabbiner einberusen, die sich auch mit dieser Frage beschäftigen wird. Ueber den Ernst und die. Aussichten der leitenden Männer der Kongreßpartei wollen wir demnächst referire». . Sch w e! z. Lausanne (Schweiz). Am verflossenen Sabbat Ehanuka hatten wir hier in unserer Synagoge ein schönes Fest. Herr A. Levy aus Morges hat der hiesigen Gemeinde zur Barmitzwoh seines ältesten Sohnes eine Sefer Thora gestiftet. Diese wurde an besagtem Tage eingeweiht. Zu dieser Feier wurde der Ober-Rabbiner, Herr Wertheimer, hierherberufen. Einige Gesänge wurden von den Kindern der hiesigen Religionsschulr, unter Leitung ihres Lehrers, Herrn Kantor'Lehmann. meisterhaft vorgeiragen. Dieselben erfreuten sichtlich sämmtliche von Nah und Fern herbeigeeilien Zuhörer. Der Herr Oberrabbiner hielt eine dreiviertelstündrge zu Herzen gehende Rede, in der er die Bedeutung des Tages und Festes auseinanderfetzte. Seine Rede erntete reichen Beifall. Mit einem von Herrn Lehmany vorgetragenen Bischulie endete die schöne Feier., die - auf alle Zuhörer einen guten Eindruck machte. I Frankreich.! Paris, 6. Jan. Eine sehr feine, russisch-jüdische Familie geräth in llnglück. Der Vater, die Mutter, die? zarten und guten Kinder des Hauses, deren Augen bisj ber keine Thronen und deren Seele noch keine Leiden ' kannten, sind der höchsten Verzweiflung ausgesetzt: kein Brod und kein Obdach! Da erinnert sich die Mutier des Hauses, daß sie in Paris sehr nahe Verwandte hat, die Könige der Börse sind und an der Spitze der Finanzaristokratie stehen. Die letzten Werthgegenitände werden verkauft, um die zur Reise nach der Seinestadt nöthige Summe aufzubringen, und die arme. alte, kranke Frau kommt nach Paris mit der Hoffnung, daß die jüdischen Millionäre, die sie zu ihren sehr nahen Verwandten zahlt, sich ihrer und ihrer arnien Kinder annehmen werden. Doch — „was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche baut!" Diese jüdischen Millionäre wollen nichts mehr von ihren armen Verwandten wissen. An allen Pferderennen nehmen sie theil, in den Spielhöllen von Monte- Carlo sind sie willkommene Stammgäste, antisemitische Reservrleutnants finden in ihrem Hause gastliche Aufnahme und sie sind glücklich, wenn diese Herren sich endlich entschließen, ihre Töchter zum Altäre zu führen; handelt es sich um den Ban einer Kirche, so sind diese jüdischen Herrschaften zu den größten Opfern bereit, für die armen Verwandten jedoch haben sie nichts übrig. Und während diese Millionäre auf den Bällen der Hautevolee lustig die Tanzbeine, schwingen, verkommt eine andere Enkelin ihrer Großmutter in einem finsteren Winkel von Paris in Elend und Noth, und die armen Kinder warten vergebens in Odessa auf die huldreiche Antwort der Millionäre. Diese Herren haben keine Zeit an ihre armen Brüder und Schwestern zu denken: bald sind sie bei der Fürstin 3E., und bald bei der Herzogin P., wo man trotz der Hochachtung, die man während ihrer Anwesenheit ihren Millionen zollt, nach ihrer Abfahrt höchstwahrscheinlich sagt: „sie stinken trotzdem nach Knoblauch!" Ich habe diese alte, kranke Frau erst vor kurzer Zeit hier teunen gelernt, und jedesmal, wenn ich sehe, wie diese Frau, von Kummer und Sorgen gebeugt, bittere Thronen über das Schicksal ihrer armen Kinder vergißt, da kennt meine Empörung keine Grenzen. Die alte, jüdische Barmherzigkeit, der alte, so rührende jüdische Familiensinn, wo sind diese schönen Tugenden geblieben? Wenn diese Millionäre sich nicht möglichst bald, wie es ihre Pflicht und Schuldigkeit ist, in würdiger Weise ihrer so unglücklichen nahen Verwandten annehmen, so werde ich kein Bedenken tragen, ihre Namen der öffentlichen Verachtung preiszugeben. Pi.