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Der Israelit · 1902-01-13 · Heft 4 (13.1.1902) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 4 (13.1.1902)
Date
1902-01-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der er sich nicht mehr erholen sollte. Da pflegte die nunmehr dahingeschiedene Gattin den Verewigten in unsagbarer Liebe und mit beispielloser Aufopferung, so daß. wie die Aerzte behaupteten, das entfliehende Leben durch ihre außerordentliche Sorgfalt und Pflege mir mehr als zwei Jahre verlängert wurde. Nachdem Ludwig Lob es in Bingen, seinem früheren Wohnorte, erreicht hatte, daß die Gesinnungstüchtigen sich von der Gemeinde, die Reformen eingesiihrt, getrennt, zog er im Jahre 1872 nach Frankfurt a. M., wo er sofort am Gemeindeleben der Israelitischen Religinnsgesellschafi den thätigsten Antheil nahm. Gastfrei, wie unser Vater Abraham, gestaltete er sein Haus im Verein mit seiner Gattin zu einer Zufluchtstätte aller Armen und Bedrängten, namentlich waren arme Talmudgelehrten stets die Genoffen des Lob'schen Hauses. Und das Alles änderte sich nicht nach dem Tode des einen Gatten. Muthig stellte sich Frau Julie Lob an die Spitze des ausgedehnten Geschäftes, dessen alleinige Inhaberin sie bis zu ihrem Tode verblieb, und mit der gleichen Energie widmete sie ihre Kräfte dem Dienste unserer heiligen Religion und der edelsten Menschenliebe. Eine große Menge folgte vorgestern. Freitag, dem gleichen Wochentage, an dem vor achtzehn Jahren ihr Gatte beerdigt wurde, ihrer Bahre. Von Mainz waren die Verwandten, von einer Reihe anderer Städte die auswärtigen Vertreter der Firma Gebrüder Lob herbeigeeilt. Am Grabe gab Herr Rabbiner Dr. Breuer in meisterhafter, herzbewegender Rede der großen Trauer Ausdruck. Wie unsere Mutter Rahel, so führte Redner — anlehnend an die Sidrah — aus. so zog auch die nunmehr Entschlafene in die ewige Heimath, nachdem sie cmf Erden ein Haus Gottes begründet und geleitet hatte. Redner schilderte dann eingehend die hohen Tugenden der Dahingeschiedenen, unter den allen ihre große Gottesfurcht, getragen von einer seltenen Selbstlosigkeit und Bescheidenheit, hervorragte. Warum, so bemerken unsere Weisen, lehnt sich der Bericht über den Tod Mirjams an die Lehre der Para adumah an? Weil, wie diese, eine Einrichtung zur Reinigung und Entsündigung ist. so wirkt auch der Tod frommer Frauen Sühne für frühere Vergehen. Der Herr Rabbiner nahm noch Veranlassung, des leider so früh Heimgegangenen ältesten Sohnes der Frau Lob, des sel. Jonas Lob, zu erwähnen, der ein Lieblingsschüler des Herrn Redners gewesen. Das Gedenken an diese früh vollendete Menchenblüthe, an diesen jungen Mann, der nichts Höheres kannte, wie das Erforschen und das Studiren und das Bethätiaen unserer heil. Lehre, reißt den Redner zu Thränen hin, und er that den bedeutsamen Ausspruch, daß wenn Julie Lob weiter keine Verdienste hätte, als einen solchen Sohn erzogen zu haben, sie könnte sicher sein, der ewigen Seligkeit voll theilhaftig zu werden. Auch des Vaterhauses der Dahingeschiedenen gedenkt er mit Wehmuth, der bedeutenden Persönlichkeit Rabbi Samuel Bondi's. bei und mit welchem zu lernen er noch das große Glück gehabt habe. Möge der allgütige Gott in die Herzen aller Trauernden Trost senden und möge das Bewußtsein, daß der Sohn und die Tochter der edlen Frau ganz in ihrem Sinne leben und wirken, uns aufrichten, bis nach Zion der Erlöser kommt. Amen. Berlin, 8. Jan. In der Generalversammlung der ostpreußischcn Konservativen äußerte der Königs-, berger Universitätsprofessor Hubrich kürzlich, der deutsche Kaufmann sei früher unziveifelhaft einer der ersten Bannerträger deutscher Ehre gewesen, allein das Menschenmaterial habe sich verschlechtert, und jetzt stehe die traurige Wahrheit fest, daß sich in den tonangebenden kaufmännischen Kreisen Persönlichkeiten eingenistet hätten, die man mit dem Sammelnamen Levy bezeichnen könne. Diese Rede hat in. Königsberg einen solchen Sturm der Entrüstung geweckt, daß Professor Hubrich sich genöthigt gesehen hat, seine Behauptungen etwas einzuschränken. Er will in der Rothwehr gehandelt haben, da die Konservativen als Brodwucherer verschrieen würden, und er will ferner nur einen „prozentual sehr kleinen Theil des Handelstandes" angegriffen haben. Hierauf erwiedert die „Hart. Zig.": „Wo ist in seinen Ausführungen die Rede von einem prozentual sehr kleinen Theil des Handelsstandes? Herr Hubrich wendet sich mit seiner „Rothwehr" an eine falsche Adresse. Das Wort vom Brodwucher stammt bekanntlich vom deutschen Kaiser. Diese Thatsache sollte eigentlich auch einem agrarischen Agitator nicht fremd sein. Im Uebrigen hat Herr Hubrich nicht nöthig, sich zu entschuldigen. Seine Aeußerungen entsprechen in der That vollkommen dem konservativagrarischen Katechismus, und er hat nur mit dankenswerther Offenheit ausgesprochen, was seine politischen Freunde ohne Ausnahme denken. Mit Recht beruft sich Herr.Hubrich darauf, daß er überhaupt nur gesprochen hat auf Veranlassung des Ausschusses des konservativen Provinzialvereins. und daß Graf Mirbach in jener agrarischen Versammlung am 19. Dezember die Rede des Herrn Hubrich ausdrücklich eine „durchaus berechtigte Kritik" genannt hat..... Herr Hubrich wandelte lediglich in den Fußtapfen großer konservativ-antisemitischer Vorbilder, und man thut ihm Unrecht, wenn man ihn allein verantwortlich machen will für die offenen und geheimen Sünden seiner Gesinnungsgenossen. Nicht gegen Herrn Hubrich. sondern gegen die konservativ-agrarisch-antisemitische Partei sollte sich detzhalb die Entrüstung unseres Handelsstandes richten, denn Herr Hubrich ist nichts als das Sprachrohr ihrer Gedanken gewesen." Am Schluffe seiner Erklärung ruft Herr Hubrich wie Ulrich v. Hutten aus: „Ich hab's gewagt!", wozu die „Hart. Zig." meint, es hätte wohl für Herrn Hubrich näher gelegen, sich auf den Grafen Klinckowström zu berufen.

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