Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1902)
- Date
- 1902-01-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Allenthalben soll die wirthschaftliche Reformthätigkeit bei der Juaend beginnen. Tie Vorbereitung für den gewählten Beruf, die Schulung für den wirthschaftlicken Kampf stand auch im vorigen Jahre auf der ersten Stelle des wirthschaftlichen Programms. Aber dies erfordert unsere Hilfe nicht erst bei der Vorbereitung. sondern wir müssen vor der Wahl Besitz ergreifen von der Jugend. Wir müssen die Berufswahl beeinflussen, das ist der -springende Puntt in der ökonomischen Ekgenwartsarbeit, sie kann nicht auf Zwangswegen erfolgen. Auf dem galizischcn Telegirtcntage wurden die Hirsck'scken Schulen sehr gelobt: Eine Jugend, die in der Regenerationsidee und ihrer hohen Zulunfisbestimmung erzogen wird, lernt schätzen. Taber müssen wir Fuss fassen in den Gerneindeorganisationen; das ist eine Ausgabe, die unsere Kraft nickt übersteigt, und es muss unser Bestreben sein, sie umzugestalten. Unser soziales Programm will ökonomische Umgestaltung mit Hilfe der alten Institutionen und Mittel, und zu der Frage nach den Mitteln und Wegen, welche uns zur wirthschastlichen Hebung zu Gebote stehen. Gerade von dem von uns in den Vordergrund gestellten Gesichtsvuntt der Vorbereitung empfinden wir peinlich die Lücke des statistischen Materials, auf welche schon Rordau's Rede hingewiesen. Einige Monographien, vorzügliche Einzelarbeiten, sind vorhanden, aber sie bilden nur einekleine Vorstufe. In den allgemeinen Statistiken werden die Juden nicht ausreichend berücksichtigt. Die auf den Kongressen geforderten Aufschlüsse über die Verhältnisse der Juden sind eine conditio sine qua non für jedes nationalökonomische Vorgehen. Die Schwierigkeiten werden stch aber mit dem Ausbreiten des Zionismus mindern. Der Kongress bleibt die Instanz, die diese Aufgaben zu beschließen und die ausführenden Organe einzusetzen hat. welchen die einheitliche Leitung obliegt. Es wird nutzbringend sein, lvenn wir in diese Erhebungen ein Enquete über die Berufswahl und Berufsneigung der jüdischen Jugend einschliessen. In den Landern, in tvelchen die Juden von den öffentlichen Schulen abgesperrt stnd. dürfen wir nickt vor der Mühe zurückscheuen, neue einzurichtcn. . Die Erziehung in unserem Sinne setzt aber nicht nur geeignete Schulen-voraus. sondern auch Unabhängigkeit von den Einflüssen des Milieus, dem die Jugend nicht früh genug entzogen werden kann. Die Gründung und Ausgestaltung der Bildung muh fussen auf frühzeitiger Erziehung zur Arbeit und Ausschliessung der hauptsächlichen Bestrebungen der gewohnten Umgebung In Deutschland ist die Äckerbauschule in Ahlem auf diesen Grundsätzen aufgebaut. Wenn in den westlichen Landern aus ethischen und politischen Rücksichten die Zuführung der Jugend zur Landwirthschaft auf Schwierigkeiten stossen wurde und ihr auch die ökonomische Lage der Landwirthschaft entgcgenstcht und im Osten der Landerwerb zum Theil ganz unmöglich, zum Theil durch den Hass der Bevölkerung außerordentlich schwierig ist. so können die Jünglinge doch durch eine solche Ausbildung in der Bodenbearbeitung in gewissen Rcbenzweigen der Landwirthschaft ohne Grunderwerbung einen einträglichen Lebensberuf finden. Auch für die Vorbereitung zum Handwerk giebt es solche Schulen im Westen, so bie öcole de Travail im Elsaß. In bescheidenem Umfang ließe sich ein Anfang zu solchen Instituten in Form von Beaufsichtigungen Fortbildung von Lehrlingen vielerorts unternehmen. Es besteht keine Aussicht durch die Wirkung solcher Schulen dem Riesenproletariat in Russland äbzuhelfen. Wenn aber eine grosse Anzahl künstlerisch vollendeter Gewerbe eingefiihrt wird, wenn die Reihen der Zehntausrnde von Schneidern durchbrochen wird, so besteht doch ein ökonomischer Fortschritt. Was mit der rumänischen Jugend, nachdem ihr eine Reihe von Berufen abgeschnitten und nun auch die Rationalisirung ' des Handwerks Thatsache werden soll, geschehen soll, — wer wüsste da noch Rath? Der Kleinhandel eignet sich' nicht mehr für das Heranwachsende Geschlecht. Die Ehancen für ein ehrliches Fortkommen liegen weit günstiger bei guter kaufmännischer Vorbildung, als nur bei einem Handelsbetrieb nach altererbten Gewöhn^ heilen. Für die Beschaffung von Lehrkräften brauchen wir nicht zu sorgen. . Soweit, unser Einfluss bei der jüdischen Jugend reicht, müssen wir ihn zur Verhütung des Gelehrte n p r ol e t a r ia t s geltend machen. Bezüglich der weiblichen Jugend treffen wir im Westen auf einen überraschend grossen Prozentsatz von selbstständigen Berufen. In der Dienstbotenfrage wurde bis jetzt noch kein Erfolg erzielt: eine rührige Agitation in den ärmeren Kreisen muss Abhilfe schaffen, der Arbeits- und Stellennachweis organisirt werden. Betreffend die Frage der jüdischen Ära n k enpflegerinnen hat sich ein Versuch in Deutschland glänzend bewährt. Hier könnte eine beschränkte Anzahl jüdischer Mädchen einen befriedigenden und ehrenvollen Lebensberuf finden. An die Obhut über die Erziehung und Fortbildung reiht sich die A r b e i t e r v e r s o r g u n g. Hier droht das Schreckensgespenst b«6 äutisemitsichen Boykotts und der Uebersüllung der einzelnen Berufe. Angesichts des Uebcrschusses jüdischer Handwerker in den russischen Rayons, der fortschreitenden Beruf-einengung in Rumänien und des wirthschaftlichcn Krieges gegen die Juden in Rumänien, bleibt hier etwas anderes als ein non possumus Wir dürfen aber nicht vergessen, dass unser eifrigstes Bestreben sein muß. dass die Kräfte nicht versagen, wenn einst der Ruf zur grossen Mobilmachung ertönt. Die Arbeiterversorgung in Form des A r b e i t s n ach * w e i s e s vermag immer einzelne Untersinkende zu retten, besonders wenn, die Einwirkung auf das Heranwachsende Geschlecht eingetreten ist. Es ist verhaltnissmässig immer leichter für einen gelernten Handlverker oder Arbeiter Beschäftigung zu finden, als für einen