Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1902)
- Date
- 1902-01-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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teratuc kann heule laum mehr bemeistert werden. Es ist außerordentlich bezeichnend, daß unsere Gesinnungsgenossen, als sic in die Gemeindewahlbewcgung eintraten. den Wählern ein wirthschaftliches Gegenwartsprogramm vorlegten. Zum vierten Kongreß stand dieser Gegenstand auf der Tagesordnung. Seitdem haben die österreichischen Brüder auf dem Zionistentage in Olmütz die Bestrebungen und Forderungen wirthschaftlichcr Natur für die Juden Osteuropas klar und scharf vräcsirt. So sind die Fragen der wirthschaftlichen Hebung zu einem organischen Bestandtheile unseres Arbeitsprogrammes geworden. . . Es wäre pedantisch, hier auf dieser Tribüne die Frage, ob ein spezifisches wirthschaftliches Judenelend besieht, auch nur anzuschnciden. Äuch über den Umfang desselben unsere Betrachtungen anzuheben, ist heute für uns taum niehr von Nöthen. Erlassen Sie mir auch, die schrecklichen Eindrücke wiederzugeben, welche mir aus der Beschäftigung mit der sozialen Lage der Juden erwuchsen. Ter jüdische Volkstörper ist, je länger wir uns mit seinem Schicksale beschäftigen, nicht nur eine nationale Einheit, sondern auch eine soziale Gemeinschaft. Ein einheitliches Geschick von politischer Bedrückung und von Berusszwang liefert uns den Schlüssel zum Verständnis der ganzen ölonomischen Schichtung der Juden von heute,, und wenn Jemandem diese wirthschaftlichen Kräfte nicht mehr fortzuwirlen scheinen,- so sind sie in dem lebendigen Museum der Ghetto's im Osten anschaulich und lebendig genug aufbewahrt. Die ökonomische .Kontinuität wird gerade in der Gegenwart dokumentirt. wodurch sie dem Verstand der Verständigsten wie dem einfältigsten Gemüthe klar wird: Die sozial-politischen Bestrebungen, die der Stolz der mardernen sozialen Bewegung sind, die sozial-reformatorischen gesetzlichen Maßnahmen und Einrichtungen in allen Ländern sind achtungslos vorübergegangen an der jüdischen Bevölkerung, ja rücksichtslos über dieselbe hinweggeschritten: gerade gegen jene Berufe, gegen den Klein- und Zwischenhandel, die den Juden aufgcdrängt sind, richten sich die sozialen Gesetze. Wir wollen am wenigsten mit den Negierungen und den Böllern rechten, wenn sie Sozialpolitik nach Gutdünken treiben wollen, aber was man allerorts verlangen könnte, ist. daß der jüdischen Bevölkerung, mit ihrer durch eine grausame Gesetzgebung bedingten eigenthümlichen Berufsgliederung, wenn man ihr den gewohnten wirthschaftlichen Erwerb abgräbt, auch Ersatz geboten werden sollte. Dies läßt doch Recht und Pflicht der Judenheit, ihr ökonomisches Schicksal selbst zu bestimmen. aus dem banalsten Grunde erstehen, weil sich sonst Niemand darum kümmert. Während die gesetzlichen Bestimmungen zur Unterdrückung des Zwischen- und Hausirhandels sich im Osten mit einem grausamen Verdrängungssystem vermischt. ist auch im Westen, z. B. in Baden, ziffernmäßig die Verschlechterung der ökonomischen Situation der Juden durch gesetzliche Maßnahmen, sowie durch bäuerliche Kredit- und Konsumgenossenschaften nachzulveisen. Gibt es einen besseren Beweis, als die öde Verlassenheit. in der uns die Regierungen und die Völker belassen? Im Westen könnte sich allerdings eine Art ökonomischer Selbstreinigung und innerer sozialer Umgestaltung der jüdischen Bevölkerung anbahnen, kraft einer innen wohnenden Lebenskraft. Für den östlichen Juden ist ein Eingreifen der gefammten Judenheit nöthig und gerade stark genug. Wir haben das leidende Volk vorzubereiten für ein künftiges Geschick, sowie wir jenes Land für das Volk vorbereitcn wollen. Teßhalb müssen wir das Volk aus seiner wirthschaftlichen Beschränktheit und Beschäftigungslosigkeit Herausreißen. Ein Volk, das seinen Platz ausfüllen will, tann nicht früh genug herausaezogen werden aus dem Zustande des theilweise in den Sumpf versunkenen Lumpenproletariats. Beginnen wir die Hebung der schlummernden Kräfte. Ten wirthschaftlich rückständigen Gliedern unseres Vollemüssen wir die Selbstbestimmung zurückgeben. das Selbstbewußtsein muß erstarken, daß sie arbeiten wollen und können. Indem wir soziale Hilfe anbahnen, wird das Solidarität»- und Derantwortlichkeitsgefühl geweckt, sozialer Sinn und soziale Be gabung geschaffen. Durch die Einrichtung und Ver-, waltung von kleinen sozialen Instituten werden üe erzogen. größere Organe zu leiten. Wir steigern den Volkswillen und die Tüchtigkeit, wenn wir die ökonomische Hebung nicht durch Philantropen besorgen lassen, sondern dem Volke selbst in die Hand geben. .Doch wird der Arbeit Ziel und Ende gesteckt. Durch das Palästina-Programm ist uns eine Grenze gezogen. Die materielle Erlösung vor der Erschließung Palästinas widerspricht unserer Aufgabe. Alle Unters nehmungen, ohne den Gedanken an eine geordnete Emigration können nur U e be r nehmungen sein, weil ne über unsere und Jedermanns Kraft hinausgehen. Wir haben bei der Frage der wirthschaftlichen - Hebung noch ein vitales Interesse zu beachten. Das Renomee einer solchen Bewegung ist sehr subtil. Wir müssen uns hüten, Hoffnungen zu erwecken, deren 'Nichterfüllung Mißtrauen säen muß. Wir müssen energisch, aber behutsam Vorgehen, wir müssen nur Institute einrickten. die wirtlich Aussicht auf Erfolg haben und die in adäauatem Verhältnis zur Arbeitsfähigkeit und Leistungskraft stehen. Wenn wir so die Grenze unseres Wollens und Könnens von vornherein ziehen, wird unser Renomee nicht nur nicht Schaden leiden, sondern die Agitationskraft wird gestärkt werden. Durch diese soziale Hilssarbeit kommen wir in Fühlung zu Zwischenorganen und Gemeindeämtern und durch dieselben zu den Gemeinden. Tenn was auch auf dem ganzen Gebiet der Gegenwarrsarbeit gethan wird, fordert unsere volle Beachtung, giebt imdrn wcrthvollsten Fingerzeig auch für die praktische, soziale Arbeit.