Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1902)
- Date
- 1902-01-06
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Der Referent über Hebräische Sprache. Herr Dr. , Ehrenpreis, ist am Erscheinen verhindert. ES spricht hierauf über .Jüdische ihmfr Herr Martin Buber <Wien): Die Art Nordau's hat auf mich und meine freunde einen überaus schlechten Eindruck gemacht. Wir haben mit Verehrung zu ihm empor geblickt; jetzt aber sind wir durch die Art. wie er unser tiefstes Empfinden, den Kern unseres tiefsten Zusammenhangs mit dem Zionismus verletzt, betrübt. Er hat es für phantastisch erklärt, die Frage der geistigen Hebung zu erörtern, aber sie betrifft nichts andere-, als dawunderbare Keimen einer neuen jüdischen Volkslitteratur. Sollen tvir hier in dieser einzigen Versammlung, wo das jüdische Volt seiner selbst bewußt wird, an dieser von Dag zu Dag fortschreitenden Erscheinung, stumpf vorübergchen? Wenn wir tein Wort dafür haben, so sind wir die Leute, die am menschlichen Körper nur Knochen. Muskeln und Nerven erblicken, nichi die Seele. Tie Erkenntniß dessen. was nothurendig ist. damit unsere Bewegung sich entwickle und steigere, erfordert, daß die jüdische Kunst einen Punkt der Tagesordnung bilde. Nordau selbst hat nachgewiesen, daß die jüdische Kunst ein Propagandamittel großen Stiles ist, geschassen, um die weiten Kreise der Intelligenten zu gewinnen. Wenn Nordau erklärt, wir brauchen zuerst Geld, so sage ich. unsere Kunst wird uns auch Geld schaffen. (Beifall.) Für unsere besitzenden Klassen brauchen wir ferner geistige Hebung; gerade die Besitzenden müssen wir von Grund aus geistig und sittlich erziehen, bevor sie fähiges Menschenmaterial für Palästina abgeben. Dafür wollen wir die Mittel Vorschlägen. Ein solches ist die jüdische Kunst. Wir leiden an der Theorie, ich möchte mich heute von der Theorie fernhalten und mein Wort den lebendigen Thatsachen leihen, die groß und überwältigend sind. Taufende und abertausende Jahre waren wir ein unfruchtbares Volk; tvir theilten das Schicksal unseres Landes. Ein feiner, grauer Wüstensand wehte in sein Gebiet, bis die Quellen verschüttet, und der Ackerboden mit einer die ganzen Keime tödienden Schicht bedeckt »rar. Der kleberschuß der Seelenkrafie druckte sich im Exil vor und nach in einseitiger Thatigkcit aus. die die Augen blind machte für alle Schönheit der Natur und des Lebens. Das. woraus jedes Volk immer wieder die frische Energie schöpft, das Anschauen schöner Landschaften und schöner Menschen war uns versagt. Das Blühen und Wachsen jener Natur war uns verhaßt oder unbekannt, wie der wunderbare Menschenleib. Alle Dinge,- über die die Dichtkunst ihren Zauber warf, waren etwas, dem man mit unausrottbarem Mißtrauen gegenüber trat. Manchmal nur ertönte der halbverlorene Klang eines Liedchens über die düsteren Gassen. Dort, wo die Sehnsucht nach Schönheit sich schüchtern erhob, wurde sie niedergedrückt durch eine unnachsichtige, erbarmungslose Hand, wo ein junger Trieb der Sonne entgegenwuchs, wurde er erstickt durch das Walten des Schicksals. Der Eintritt in die abendländische Kultur ermöglichte den ersten Fortschritt. Ich betone dies deßhalb, weil in der jüngsten Zeit in unseren Kreisen.eine eigen- 1hün'lick)e Ghettosehnsucht begonnen hat. Die spätere, nationaljüdische Bewegung hätte nicht entstehen können, ohne jenes merkwürdige Stadium in der Geschichte unseres Volkes, da» man fälschlich mit Emanzipation bezeichnet. Als dann im Leben Europas an die Stelle der blutlosen Menschheilsideale die gesunde nationale Entwickelung trat, die Anschauung, daß ein Volk am Besten der Allgemeinheit dient, wenn cs seine eigenen Gaben fruchtbar bethätigt, da war es wieder die Vermählung mit der modernen Kultur, die es ermöglichte, unseren uralten Drang nach nationalem Leben zu befriedigen. uns in der modernen Form zu entwickeln, die wir Zionismus nennen. . Stehen wir einerseits ganz in de» modernen Kultur. so können wir doch nicht aufgeben, worin sich die. Seele unseres Volkes geäußert hat: Sprache, Sitte, die Volkskunst in Liedern und Melodien. Aber wir dürfen alle diese Dinge nicht als ctlvas Unwandelbares betrachten, sondern als das Material, aus dem Neues zu schaffen ist, nicht wie eine Statue, die man von Ferne betrachtet, sondern als werthvollcr Marmorblock, der auf unsere Hand und unsere Arbeit lvartet. Die Thatsache der nationalen Selbstständigkeit der Künstler bedeutet noch nicht das Vorhandensein einer jüdischen Kunst. Versteht man darunter etwas Feststehendes. Vollendetes, dann allerdings müssen wir die Frage nach einer jüdischen Kunst verneinen. Dazu fehlt der eigentliche Zusammenhang der Künstler untereinander. als auch mit dem Volke. Eine nationale .Kunst braucht Erdboden, auS der sie herauswächst und einen Himmel, dem sie entgegenstrebt. Wir haben jetzt erst ein Stück; nur mit der fortschreitenden Wiedergeburt lann die jüdische Kunst werden und wachsen. Ganz wird sie erst vollendet sein auf dem jüdischen Boden, ebenso wie die ganze jüdische Kultur. Aber die Keime müssen gepflegt urerden, bis sie in den Heimathboden gepflanzt werden können. Was wir jüdische Kunst nennen, ist kein Sein, sondern ein Werden, keine Erfüllung, sondern eine schöne Möglichkeit, ebenso wie auch der Zionismus ein Werden und eine schöne Möglichkeit ist. An ihrem Wächsthum kann Jeder Mitarbeiten. Jeder kann in seiner Weise wie dem Zionismus, so auch der jüdischen Kunst die Wege ebnen. Eine neue eigenthümliche Schöpfung soll die jüdi- J sche Kunst tverden. denn im künstlerischen Schaffen * spricht sich die spezifische Bolkseigenschaft am reinsteM aus. So ist unsere Kunst der schönste Weg des Volkes zu sich selbst. Was bedeutet die Kunst für uns Zionisten alle? Sie bedeutet zunächst einen großen Erzieher zu lebendiger Anschauung der Natur und des Menschen, zu lebendigem Empfinden alles Starken und Schonen, das i ]