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Der Israelit · 1902-01-06 · Heft 2 (6.1.1902) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 2 (6.1.1902)
Date
1902-01-06
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Vierte Linun-. — Freitag. 27. Dezember. Wenn N o r d a u redet, findet die Galavorstellung des Zionismus statt. An diesem Tage vorzüglich strömen die Fremden von allen Seiten zu. die Tribunen sind bis zum Brechen von einer fest!, gestimmten Menge gefüllt. Ein lautes Brausen und Wogen geht durch den Saal, das jene stille Erwartung, wie sie vor der Entscheidung großer Momente eintritt, erzeugt; die'Spannung erreicht ihren Gipfelpunkt. wie Dr. Herzl die Sitzung eröffnet, von eingelaufenen zahlreichen Telegrammen und Resolutionen Kenntniß gibt, um dann, als er Nordau das Wort zu seinem Referate e'riheilt und der Redner sich zur Tribüne begibt, sich in einen wahren Beifallssturm aufzulösen, der, womöglich noch orrstärkt. sich am Ende der Rede wiederholt. Dieses Schauspiel wiederholt sich stets, wenn Nordau eine seiner großen Reden halt, und man muß sich stets über die zündenden Wirlungen derselben wundern. Allerdings muß sofort die Einschränkung zugefügt werden: Die Wirkungen sind weder tief, noch lange andauernd; die Rede gleicht einem funlensprühendcn. prasselnden Feuerwerk, einer feurigen Rakete, die mit Geräusch zum Himmel aufsteigt, ein lautes Ah! der Bewunderung t>ervorruft. um dann im Dunkel des Himmels zu verlöschen. Diese Reden leuchten, aber erwärmen nicht. Ihr Werth ist ein formaler: der glänzende Stil, die vollkommene Beherrschung der Sprache, die paradoxe geistreiche Form imponirt dem jüdischen Verstände. Aber das Paradoxe vernichtet den Werth des materiellen Inhaltes. Wahrheiten, die in einem gewissen Kreise Wahrheiten sind, werden zu Verallgetneinernngen ausgcbcntct. auf die dann ein ganzes System sich aufbaut, auf unbestreitbare Wahrheiten wird ein Gebäude aufgesnhrt. das einer auf die Spitze gestellten Pyramide gleicht; viele Ausführungen rufen stets die Erinnerung an den Verfasser der »Paradoxe" wach: der jüdische Minister, der in die Tiefen seiner äußersten Beweggründe hinableuchtet und bekennt: »da ich nicht Taglobner lvcrdcn körnte, so bleibt mir nichts übrig, als Minister zu werden." cxistirt doch nur in der Phantasie eines geistreichen Kopfes, der mit solchem Plaudern gerne verblüfft. Anderes wieder, das sei .zugestanden, irisst den Nagel auf den Kopf, und Vieles zeigt sich von einer Seite, die ein weniger durchdringender Blick übersah. da dies in einem unbestimmten Halbdunkel, mehr gesuhlt, als erkannt, verborgen lag. bis sie Nordau der raghcllen Beleuchtung aussetzte. Auf ganz nngetheilte Anerkennung ist die Rede auch nicht bei den Zionisten gestoßen: Scharf wandte sich Martin Buber gegen die nonchalante Weife, mit der Nordau über die kulturellen Fxagen hinweg zur Tagesordnung schritt; energisch wies Dr. Wcitzw.c.nn die Charakterisirung des russischen Studenten, die Nordau als eine typische und.allgemein zutreffende bezeichnet hatte, zurück, und in der Nacht sinung am Sonntag bekämpfte Israel Zanawill fein, aber doch ganz entschieden die von Dr. Nordau ewig wiederholten, plumpen Angriffe gegen die jüdischen Millionäre, insbesondere gegen den verstorbenen Baren Hirsch. Die Rede rief eine augenblickliche Erregung hervor» dir den nächstfolgenden Redner Dr. Jeremias (Posen \, der über die »körperliche Hebung* sprechen wollte, nicht zu Worte kommen ließ. Tie Sitzung mußte hier eine Stunde unterbrochen werden, bis der Kongreß den sachlichen Ausführungen des Redners, die sich auf ein reiches, statistisches Material stützen und die sich daher nicht zur vollständigen Wiedergabe eignen, folge« tonnte. Wir referiren daher nur über einige Hauptpunkte und -Resultate: Der Referent gibt zunächst über den gegenwärtigen Zustand der Juden Aufschluß in einer Reihe recht interessanten Ziffern: So betrug in den letzten fünf Jahren in Preußen die Vermehrung auf 10,000 Stelen bei Protestanten 7:1. Katholiken 10:1, Juden 3:1. Die durchschnittliche Lebensdauer der Juden ist in Frankfurt a. M. 4S Jahre, gegen 36 bei Christen, in London 40 Jahre, gegen 39 bei Christen, in Budapest 37 Jahre, gegen 26 bei Christen. — Nach der russischen Militärstatistil ist die Mittelgröße bei Juden 163 Ctm . gegen 165—170 bei Nichtjuden. — In Preußen tarnen 1895 auf 100,000 Seelen 66 Blinde. 90 Taubstumme. 52 Geisteskranke bei Christen. 83 Blinde. 136 Taubstumme und 500 Geisteskranke bei den Juden. — Die Betheiligung der Juden an dem Heere ist eine verhältnißmäßig große. Unter den Tausend Garibaldis gab es elf Juden: später zählte seine Freifchaar 127. Redner schlägt die Errichtung von Kindergärten, die Anstellung von Schulärzten, die Errichtung von Ferienkolonien, die Gründung von Kinderheilstätten, die Schaffung von Jugendwehren. Anlegung von Schulgärten, die Errichtung von Ackerbauschulen, die Pflege aller sportlichen Hebungen, die Einführung von Krankenfürsorge, von Wohnungshygiene und die Verbreitung von hygienischen Maßregeln vor. Redakteur S o k u l o n (Warschau) referirt über »Jüdische Geschichte und Wissenschaft." Die Wissenschaft des Judenthums ist nicht neu. aber man kann sie doch als ein Produkt des 19. Jahrhunderts ansehen. da sie mit dem Bewußtsein entstand, daß das Judenthum, um eine höhere Bedeutung und dauerhafte Existenz zu gewinnen, der Bearbeitung als Wissenschaft bedürfe. Redner bespricht die Entwickelung der jüdischen Geschichtsschreibung, die Versuche der Schaffung eines religiös-philosophischen Systems, die Bibel- und Talmudexegese, die Entwickelung der hebräischen Schulliteratur und der jüdischen Belletristik. Ter Zionismus erblickt in der Frage der Wissenschaft des Judeuthums einen selbsterhebenden Gedanken der Nation. Die Wiyenschaft des Judenthums ist begründet und eine Litieratur in allen Sprachen der zivilisinen Welt geschaffen. Diese Wissenschaft ist aber nicht Besitzthum der zünftigen Gelehrtenwelt, sondern Cigenthum des ganzen Volkes.

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