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Der Israelit · 1902-01-02 · Heft 1 (2.1.1902) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 1 (2.1.1902)
Date
1902-01-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
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18 Man halt« ihn verlaust! Aber das ist noch gar nichts. Eines Abends lehrte ich zu spater Stunde aus dem Cheder zurück. Es war drei Wochen nach Purim. Neberall war man mit den Vorbereitungen zum Peßach beschäftigt, nur bei uns nicht. . Im Zimmer herrscht Dämmerung. Am Tische, über einem großen, ausgcschlagenen Folianten sitzt »nein Vater und liest mit singender, wehmüthiger Stimme; neben ihm. mit dem Köpfchen auf dem Tische ruhend, schläft mein kleines Brüderchen., Die Mutter — wie gewöhnlich — liegt im Bett und ächzt. Aus jeder Ecke lugt düstere Trauer hervor; an den Wänden zeichnen sich duntle Schatten ab. Ich empfinde einen heftigen Hunger. Um die Mittagsstunde war ich zwar nach Ha-^'e getommcn. aber die alte Frau, die seit der Erlraulung der Mutter für uns lochte, war abivcsend, und die Mmtcr schlief. So lehrte ich denn schiveigend in den Cheder zurück. Die ungewöhnlich wehmüthig-llingcnde Stimme meines Vaters schüchterte mich ein. Aengstlich lehnte ich mich an den Ofen, um mich zu erwärmen. Aber der Ofen ist lall. Plötzlich ertlingt vom Bett die schwache Stimme meiner Mutter: „Meyer! Meyer! Gieb Ianliel etwas zu essen, er ist sick)erlich hungrig." Der Vater befiehlt mir. die Hände zu waschen, und giebt mir ein Stückchen Brod. das er in einer Ecke des Schrankes noch gefunden hat. „Armes Kind! armes - ZLind!" seufzt meine Mutter immerfort. Der Vater nimmt sein Studium wieder auf. die Mutter jedoch unterbricht abermals: „Meyer! Meyer! In acht Tagen ist Ostern und wir haben noch nichts im Hause! Keinen Barschtfch*) ausgestellt, leine Mazzoth gelaust! Und wer wird Ordnung und Reinlichleit Herstellen? O. mein armer Kopf!" ... Mein Vater steht plötzlich auf und beginnt mit großen Schritten im Zimmer auf- und abzugehen. Und tvieder tlagt meine Mutier: „2Ü Kinder haben nichts anzuziehea und da komrnt solch' ein Feiertag!" „Iankicl! Die Bücher. die im Schrank sieben, sind sehr schon, nicht wahr?" Besorgt und unrllhig blickte ich meinen Vater an. Nachdem alles Hausgerath verlauft worden, machte der allein übrig gebliebene, an der Wand stehende Bücher schranl den Eindruck einer Waise. „Wie wird das hie: aussehen. nhne diese Bücher?" seufzte mein Vater, gleichsam zu sich selber. „Solches Fest! Solches Fest! und wir haben noch nichts im Hause!" klingt es vom Bett herüber. „Geh' zu Reb Schemaja und sag', ich lasse ihn bitten, hinüberzulommen." Rasch holtr ich unseren Nachbar. Als derselbe das Zimmer betrat, sagte mein Vater: „Reb Schemaja! Ich habe nichts für die Feiertage. Nehmt diese Bücher und verseht sie. Es thur mir sehr leid und man darf es nicht_ Es ist eine Sunde, ich »veitz es ... weiß Alles ... Aber Gott weiß, daß ich es nicht für mich thue Ein feuchter Nebel umflorte seine großen, traurio.cit Augen, und da — zum erstenmale. so weit meine Erinnerungen reichen — tveinle mein Vater! ") I5ine Suppe a..S rochen gesäuerten Rüben, die mit Vorliebe um Ostern gegessen wird. E Wach vierhundert Jahren. Pöll JlNkölttch Stoff. 12». Fortsetzung. „War macht der Onkel?" Er vermied es. ihrem Blicke zu begegnen. „Papa sehnt sich unaussprechlich nach Dir. Möchte Deine Gegenwart ihm Genesung bringen." „Das gebe der Himmel! Kann ich zu ihm hineingehen?" „Ich möchte Dich ersuchen. Dich vorher in das Frühstückszimmer zu begeben und etwas zu genießen. — Nein, bitte, schüttele nicht abwehrend den Kopf. Du hast sicherlich noch nicht gefrühstückt. Wir dürfen unsere Kräfte nicht unnütz vergeuden, wir können nicht wissen, wie bald wir ihrer bedürfen. Also ich gehe jetzt zu Papa und theile ihm mit, daß sein Herzblättchen angetommen ist und ihn in ungefähr einer Viertelstunde besuchen wird. Inzwischen wirst Du eine Kleinigkeit genießen. Nicht wahr. Dü wirst es thun? — Mir zu Liebe —" Hatte er nur den Nachsatz forigelassen! — Ihm zu Liebe sollte sie etwas thun? Ihm. der ihr nachdem Traum der vergangenen Nacht noch unsympathischer war. Aber sie fühlte doch, daß sie seiner Aufforderung entsprechen, daß sie etwas genießen mußte. Sie ließ sich abermals eine Tasse Thee mit Cognac geben; sie hatte dergleichen früher nie getrunken, aber heute Warzen. vor ihrer Abreise, hatte es ihr gutgethan. und auch jetzt fühlte sie sich wie neu belebt, als das warme, anregende Getränk ihr durch die Adern rollte. Sw zwang sich, auch noch eine» Bisquit dazu zu nehmen, dann aber ließ sie sich nicht langer zurückhalten. Sic ging leise zu

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