Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 Hamburg, 29. Dez. In der Synagoge zu Wandst'cd fand heute am ersten Jahrzeitstage eine Trauerscier für den sel. Rabbiner Dr. D. H a n o v e r statt, deren Leitung Se. Ehrw. der Altonacr Oterrabbiner Dr. Lerner sreundlichst übernommen hatte. Auf',er den Gemeindemitgliedern waren auch Freunde aus Hamburg zugegen, so daß die vollbesetzte, mit den Hastorath Reschomaus Paramenten delorirte Synagoge einen besonders würdigen Eindruck hervorrief. Nachdem nach voraufgegangenem Minchagebet. vom Vorsäuger-Ehor Psalm 49 der Feier angemessen vorgetragen worden war. bestieg der Sohn des Verewigten. Herr Rabbinatskandidat Siegm. H a n o v e r. die ihm zu diesem Zwecke vom Oberrabbiner verliehene Kanzel, um dem thcuren Vater Namens der Gemeinde und der Familie. die wohlverdiente Gedächtnißrede zu halten. Diese Aufgabe löste der junge Redner in so vorzüglicher Weise. daß selbst die strengste Kritik nur Lobcnswerthes darüber zu berichten vermag. In dreiviertelstündiaer. formvollendeter Rede gelang es dem Sohn, ein ergreifendes Bild von dem segensreichen, gottgefälligen Wirken seines Vaters darzustellen, wie dieser, erfüllt von Liebe zur Tauro dem Studium derselben oblag und ihrer Lehre und Verbreitung, mehr noch aber ihrer Bcthätigung in treuer Ausübung seines Amtes sich hingegeben/Insbesondere war er seiner Gemeinde ein treuer Hirte. Lehrer und Berathcr^— ein Freund der Armen und Bedrückten jedweden Glaubens. Zu allen vom Redner geschilderten Tugenden wusste derselbe sehr passende Talmud- und Midrasch stellen anzuführen, womit er sein Talent als Kanzelredner, in welcher Eigenschaft er zum ersten Male debütirte. zur Evidenz dargelegt. Sicherlich hat er seinem verklärten Vater ein rr> rn: damit erwiesen, zzn p rx nee* wie er seiner Mutter und seinen Geschwistern wahrhaften Trost damit geboten. Mit der Mahnung an die Gemeinde, im Sinne des edlen Mannes ihm einen von gleichen Tugenden beseelten Nachfolger zu erwählen. schloß der Redner, auf seinen Text wieder zurück kommend. seinen inhaltreichen, schönen Vortrag. Stimmungsvoll sang jetzt Herr Vorsänger B l e i - weis; einen '-'rx. dem zrzz, t»om Chor reeitirt. kyl.ste. womit die Feier, »nelcher das Maarivaebet folgte, ihr Ende erreichte. — In Angelegenheit der Wandsbecker Rabbinerwahl. die vor längerer Zeit, kurz vor ihrer Vollziehung, in's Stocken gerathen war. brachte dieser Tage ein Anonymus im hiesigen „Familienblatteine eigcnthiimlich gehaltene, von „edlen Motiven" triefende Erklärung, aus der nicht zu ersehen war. ob der Einsender im eigenen Namen, oder als offiziös Beauftragter geschrieben. Der Anonymus erzählt dabei, daß. weil man eine einstimmige Wahl nicht zu erreichen vermochte, man es vorgtzegen habe, die ganze Wahlhandlung von Neuem zu beginnen, ohne zu verratben. welche Garantie man denn für eine e i n st i m m i g e Wahl bei drei neuen Kandidaten besitze. Schon wegen rmzr. -rzz möchte ich annehmen, daß der anonyme Einsender nicht gut unterrichtet war. Jedenfalls wäre keine Erklärung bester als diese gctvesen. H. B. Bad Homburg, 30. Dez. Ein erfrischendes Beispiel von Toleranz in unserer von antisemitischen Strömungen so reichen Zeit bildet die am 28. Dezember hier stattgehabte Ersatzwahl eines Stadtverordneten der zweiten Wählcrtlaste. an Stelle des leider so früh dahingeschiedenen Herrn Eduard Emmerich. Sammtliche abgegebenen 03 Stimmen, darunter 51 von nichtjüdischen Wählern, sielen auf den jüdischen Kandidaten, Herrn. I. B r a n n s ch w e i g. den bekannten und beliebten Inhaber eines der renommirtesten jüdischen Hotels in Deutschland. Es ist dies ein seit Bestehen der. neuen Stadteorsnung einzig dastehender Fall. Heidelberg. Ende Dez. Hierselbst feierte am 25. Dezeniber der Sanskritforscher Salomon L e f m a n n, Profey or an der Ruprecht-Karls-Universität, seinen siebzigsten Geburtstag. Lesmann, zu Telgte in Westfalen geboren, war zuerst Voltsschullehrer und machte dann unter, schwierigen äußeren Verhältniffen seine philosophischen, philologischen und sprachwissenschaftlichen Studien. Zum Abschlüsse brachte er sie in Berlin, wo er 1804 mit einer Abhandlung über Aristoteles' Grundsätze über Erziehung zum Doktor promovirte. Die Zeit nach der Promotion verwandte Lesmann auf die Vorbereitung für die aladcmische Laufbahn. Ende der sechziger Jahre erwirkte er seine Zulassung als Privatdozent bei der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg. Dort fand er eine dauernde, ergiebige Stätte für seine L-hrthätigkcit. Diese gilt dem Sanslri^und der vergleichenden Sprachforschung. In der wipenschastlichcn Arbeit Lrsmann's tritt als besonderer Zug da- Bestreben hervor. Leben und Entwickelung der führenden Männer der Wissenschaft zu zeichnen. Eine der ersten größeren Schriften hat Leben und Bedeutung August Schleichers zum Gegenstände. Später unternahm es Lcfmann. Leben und Wirksamkeit Frz. Bopps auf breiter Grundlage darzusiellen. Er war dazu angeregt und besonders dadurch in den Stand gesetzt, dass ihm der kitterarische Nachlaß Bopps von dessen Erben überlasten worden war. Seiner Bopp Biographie hat Lefmann eine größere Zahl von Briefen von und an Bopp beigegeben. An weitere Kreise wendet stch Lesmann mit seiner „Geschichte des alten Indiens/ die in Onckcns „Weltgeschichte in Einzeldarstellungen" erschien. Seine Fachgcnossen verpflichtete sich Lesmann durch die Herausgabe des Werkes „Laljta vistara. Leben und Lehre Enkya Simhas" <1874}: von kleineren Arbeiten Lesmanns sind zu nennen: „Ueber die deutsche Rechtschreibung." „Zur Geschichte der Sprachwissenschaft in neuerer Zeit/ „Zum Gatha-Dialekt" und Beiträge zu den Heidelberger Jahrbüchern." Darmstadt, 28. Dez. Ein Vorfall, der an und für sich gar keine besondere Erwähnung verdient, giebt der antisemitischen Presse Ekelegenheit zu heftigen Ausfälle» und veranlaßt den Abg. Köhler Langsdorf zn einer Interpellation im herrschen Landtag. In einem Urtheil des Amtsgerichts Tarmstadt I vom 2. Mai