Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1902)
- Date
- 1902-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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% Jahr hat nach dieser Leite hin keinen Wandel geschafft ' und an die lange Ivette des gegen Juden verübten Un rechts nur einen neuen Ring gefugt. Auch in Deutschland hat das vergangene Jahr durch eine Reihe von Vorgängen gezeigt, daß die verfassungsmäßig garantirte Gleichstellung Aller, ohne Ruitficht auf das religiöse Vekenntniß, in ihrer Anwendung auf uns Juden noch zu wünschen übrig läßt. Die Beschwerden, die über die bei ihrer Anstellung nicht genügend berücksichtigten jüdischen Notare und Richter in verschiedenen deutschen Parlamenten verhandelt wurden, legen dafür Zeugniß ab. Einen praktischen Erfolg hatten, und habe:: derartige Beschwerden in der Regel'nicht. Auch ist die ganze Art und Weise, in der sie zur Sprache gebracht lverden. nicht immer dazu angethan. ihnen auch nur einen moralischen Achtungserfolg zu sichern. Wir haben daher gegen Schritte dieser Art wiederholt Stellung zu nehmen Veranlassung gehabt und müssen an dieser Stelle, auf unsere Ausführungen verweisend, mit diesem Hinweis uns begnügen. Wichtiger erscheint der Angriff, der unter dem Deckmantel des Thierschutzes in verschiedenen Eommuncn ein Berdot oder doch eine Einschränkung deS Schächtens anstrebte. Trotzdem die berufensten Vertreter der Wissenschaft und angesehene Fachkundige sich zu Gunsten, des Schächtens entschieden, obwohl der deutsche Reichstag die Angriffe auf das jüdische Schächtversahren mit ganzer Entschiedenheit und Einstimmigkeit abgewiesen hat. so lassen sich unsere Feinde trohdem nicht beirren, ihre Angriffe fort und fort zu erneuern. Wir hoffen von Gottes Beistand, daß cs unS auch für die Zukunft gelingen möge, die -Angriffe auf diese fundamentale Institution unseres Gemeindelebens erfolgreich abzuweisen. — Freudig constatiren tvir an dieser Stelle^ daß auch diejenigen unserer Brüder, die iin praktischen Leben sich von den Speisegesehen und also auch von den Vorschriften über das rituelle Schlachten der Thiere emanzipier haben. Schulter an Schulter mit uns an der Bekämpfung dieser antisemitischen Thierkultur Theil nehmen. Aber noch nachdrücklicher wäre der Erfolg dieser Bundesgenoffenschaft gewesen, wenn ihm unsere, vom Gesetze abgefallenen Bruder das Opfer der Rückkehr zur jüdischen Lebenspflicht und der gewissenhaften Beobachtung der Speisegesetze gebracht hätten. Vielen christlichen Vekämpfern des jüdischen Schlachtverfahrens geht das Bewußtsein der Gehässigkeit ihrer Angriffe deßhalb ab. weil sie so viele Juden sehen, die sich im täglichen Verkehr, zu Hause und auf der Reise über diese Gesetze hinwegsehen. Hier wäre eine Besinnung. Sammlung und organisirte Vereinigung sehr geboten. Ein ernstlicher Schritt zu ihrer Verwirklichung würde auch die ersten Anfänge für einen Boden zur allgemeinen Sammlung und vereinter Wirksamkeit bilden können, der uns heute noch fehlt. An Bestrebungen dazu hat es besonders in dem abgelaufenen Jahre nicht gefehlt. Es sind wiederholt Versuche gemacht worden, die deutschen Juden unter verschiedenen Gesichtspunkten zu sammeln^ und sie für bestimmte Ziele, politischer und humanitärer Art. zu organisiren.. Alle diese Versuche sind zur Zeit nicht über das Versuchsstadiüm hinausgekommen. Gemeinsam ist ihnen allen, daß sie das uns einigende, verbrüdernde Moment, das uns Juden zu Juden macht, das Judenthum und die Stellungnahme zu demselben entweder ganz ignoriren oder es doch in einer so einseitigen Weise zur Geltung bringen, daß wir es für unsere Pflicht erachteten und erachten, diesen Vereinigungs-Bestrebungen entgegen zu treten. Sobald unsere.'von den Gesetzen des. Judenthums abgefallenrn Brüder wieder zu ihnen zurückkcbren wollen, sind wir mit Herz und Hand bereit, alles Güte und Wackere gemeinsam mit ihnen zu fördern. Können ober wollen sie das nicht, wollen sie die Armen unterstützen. die Hungernden speisen und die Nackten kleiden, sie auch in ihrcmSinne sittlich u. geistig heben, so können wir nicht gemeinsame Sache mit diesen Bestrebungen machen. Neberzeugt von der Redlichkeit und Ehrlichkeit unserer abgefallcnen Brüder würden wir ihre Lauterkeit zu verdächtigen fürchten, wenn wir bei ihnen eine andere sittlich und geistige Hebung vermutheten. als diejenige, die s i e meinen, als diejenige, in der sie selber leben und die sie für sich mit Anspannung aller. .Kräfte anstrebcn. Wir können in der Verleugnung und Abrogirang des Gottesgesehcs keine sittliche und geistige Hebung erblicken. Wir finden darin den bellagenswerihesten Rückschritt und das tiefste Niveau, zu dem jüdische Menschen herabsinken können. So schwer wiegen die materiellen Güter nicht, die wir durch unsere Vereinigung etwa unseren Armen zuweiscn können, als die idealen Güter, die wir auf diese Weise bei ihnen gefährden. Aus diesen Erwägungen, die wir im Lause dcvergangenen Jahres wiederholt darzulegen Veranlassung hatten, werden wir hier nicht mitthun. so lange nicht alle Bürgschaften geboten sind, daß sämmtkiche gemeinsam zu treffenden Maßnahmen sich ausschließlich innerhalb der von unserem Religionsgesetz gezogenen Grenzen bewege». Daß ein solches gemeinsames. Vorgehen, auf Grund dieser Voraussetzung, wenigstens auf human! tärem Gebiete, möglich ist. dafür hat das adgelaufene Jahr einen überaus erfreulichen Beweis geliefert. mit dessen Constatirung wir diese Betrachtungen schließen wollen. Wir meinen das große, neu gegründete Hospital in Jerusalem, das in den letzten Wochen des vorigen Jahres feiner Bestimmung übergeben wurde. Dasselbe ist ein auf hei ligem Boden wcit in die Diaspora hineinleuchtendes Denkmal dessen, was vereinte jüdische Bruderliebe zu leisten vermag. Biele edle Herzen und zahllose wackere Hände haben, ohne Unterschied der religiösen Richtung, diesen Bau errichtet, der zu den schönsten, sehenswerihesten Baudenkmälern der heiligen Stadt zählt. Der llmstand. daß es streng orthodoxe Juden waren.