Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 100-101 (28.12.1887)
- Date
- 1887-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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17*5 @cm> 1312 Are Kerrin von AiLtawrH. XVI. Jahre waren vergangen. Tie Vermögensverhältnisse Ahron Krakauers hatten sich von Tag zu Tag verschlechtert. Er hatte das Greislergcschäst aufgcden müssen und hatte mit seiner zahlreichen Familie eine Mansardenwohnung in der Stadt, sechs Treppen hoch, bezogen. Kummer. Krankheit, Hunger und Noch — das Elend ttitt ja in so manuigfacher Gestalt auf — hatten ihn und seine Frau vor der Zeit altern lassen. Auch sein Vater konnte ihn nickt unterstützen, da auch dieser ebenso wie seine anderen Söhne schwer zu kämpfen hatten, um das zum Leben Nothwcndige zu erringen. — Oft unterhielten sich Äoses und Rahel von den glänzenden Aussichten, die ihnen einst geboten worden waren: aber niemals empfanden sie Reue darüber, daß sie jene verlockenden Anerbietungen zurückgcwicsen hatten. Ahron wanderte jetzt als Hausircr in der Stadt umher, kaufte getragene Kleider und abgelegte Stiesel, um sie mit geringem Nutzen wieder zu verkaufen. Die drei ältesten Söhne besuchten die Talmud- Thoraschule; die andern vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben, befanden sich in noch nicht schulpflichtigem Alter. Es war an einem Sabbat, als Ahron und seine drei ältesten Söhne nach Hause kamen. Sie hatten die Synagoge in der großen Schissgaffe besucht und nach dem Gottesdienste dem Schiur-Vorrrage zugchört: unterdcß war die Mittagsstunde vorübergcgangen, und alsogleich war das Minchagebet verichtet worden. Nun kamen sie nach Hause, hungerig wie die Wölfe, wie Ahron zu sagen pflegte. Der Tisch war bereits gedeckt, und Ahron sprach das Kiddusch-Gebet über einen Decher Rosincn-Wein. Auch zwei Wcißbrode, die in Lcstcrcich und Rußland Ehalloß, in Norddeutschland Berches und in Süddeutschland Talscher genannt werden, lagen bereit. Nachdem man sich die Hände gewaschen, schnitt Ahron das eine Weißbrod durch und gab Jedem ein großes Stück. Und nun trug Rahcl eine große Schüssel Zwetschgen (Pflaumen) herbei, die in jenem Jahre reichlich gewachsen und daher ausnehmend wohlfeil waren. Das war daS Sabbatmahl der Familie. Es war ciue Freude zu sehen, wie die Kinder in das Weißbrod bissen und dazu die Zwetschgen, welche Rahe! für die jüngsten Kinder vorher entkernte, sich gutschmccken ließen. Die Familie befand sich in voller Thätigkcit, als au die Thüre geklopft wurde und auf das einladende .Herein" eine vornehme, in tiefe Trauer gekleidete Dame einttat. .Sic verzeihen," sagte die Dame, .ich wollte ein noch ziemlich junges Ehepaar, Namens Krakauer, aufsuchen. Ich sehe, daß ich mich geirrt habe." ..Gnädigste Gräfin,"" sagte Ahron. der ebenso wie Rahe! sich erhoben hatte, während die Kinder, unbekümmert um den vornehmen Besuch sich in dem wichtigen Geschäfte des Hungerstillcns nicht stören ließen, ..gnädigste Gräfin, ich heiße Ahron Krakauer und meine Frau heißt Rahel — Hunger und Sorge haben uns vor der Zeit alt werden lassen."" Bei diesen Worten hatte er der Dame einen Stuhl hingcstcllt, aus den diese sich niederließ. Mit tiefer Theilnahme betrachtete die Gräfin Rahels vergrämte Züge, ihre gebeugte Gestalt. .Mein Kind," sagte sie. .ich habe nlich schwer an Dir versündigt; aber auch ich habe hart gebüßt. Mein kleiner, süßer, unvergeßlicher Wenzel ist tobt, und Graf Edelmann ist vorigen Dienstag bei einen! Spazierritte verunglückt. Gestern hat man feine Leiche bcigesctzt. Ich bin wieder eine arme, verlassene Frau wie ehedem, und komme. Euch meine Liebe anzubieten. Lange habe ich umherfahren müssen, bis ich Euch aufgestrnden habe. Wohl wußte ich. daß es Euch nicht gut geht: aber von dieser Dürftigkeit batte ich keine Ahnung. Sind daS Eure Kinder?" Die Kinder hatten unterdcß ihren Hunger gestillt. Rahel nahm ein Tuch und ttocknete einem nach dem andern Gesicht und Hände. Tann führte sic die Kinder der Gräfin zu. .Küß die Hand, gnä' Frau!" sagten die Kleinen, dem Worte die That folgen lassend. Die Kinder waren zwar höchst ärmlich, aber doch sauber gekleidet. Mit Wohlgefallen bettachtete die Gräfin die hübschen Kleinen. .Das also find meine Enkel!" sagte sie. Das vorjüngste Kind, ein dreijährige? Mädchen, zupfte Rahcl am Kleide. .Murrer," sagte es, .ich habe noch nicht gebenscht." ..Sei still. Sidonie."" wehrte Rahel. .DaS Kind heißt Sidonie?" ftagre die Gräfin überrascht. .Lch habe meine älteste Tochter nach meiner