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Der Israelit · 1887-12-22 · Heft 99 (22.12.1887) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 99 (22.12.1887)
Date
1887-12-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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gell,einer Freude der Antisemit Böckcl zum Wort, und sämmtliche elektrische Glocken des Hanfes Wurden in Bewegung gesetzt. um die frühstückenden und im Foyer spaziergehenden Mitglieder hcrbekzirläuten, ganz so wie es geschieht, wenn der Reichskanzler das Wort ergreift. Dutzende Abgeordnete schaarten sich um die Tribüne, um den Worten des jugendlichen Herrn zu lauschen. Zwar veranlaßt sie bald ein Machtgebot des Herrn Präsidenten, auf ihre Plätze sich zu verfügen, aber die gespannten Erwartungen wurden nicht getäuscht. Gleich am. Anfänge seiner, wie die „Frcis. Ztg." mitlhcilt, „vortrefflich memorirtcn Rede" kam der Redner auf sein Lieblingsthema zu sprechen, das diesmal in dem weisen Lake gipfelte: „Der Jude macht die Sozialdemokratie." Während die Rechte ihrem Eollcgcn zujnvelre, wurde der Redner von der Linken wiederholt durch den Ruf „Zur Sache" unterbrochen, der Redner sprach ungehindert weiter, und als der Abgeordnete Richter ihm zurief: „Packen Cie doch mit Ihrem Unsinn ein," ward Richter zur Ordnung gerufen. Unmittelbar nach dem Marburger Tcputirtcn sprach der Hamburger Abgeordnete Wörmann, der zunächst unter lebhaftem Beifall der Linken im Namen aller seiner Partcigcnosicn gegen die „k o n f e s s i o n e l l e n A u fhetzungcn" de- Herrn Böcke! protcstirte, worauf der Präsident unter dem Beifall der Reckten diesen Ausdruck als uuparlamentarisch erklärte. Der Redner wiederholte nunmehr in parlamentarischer Form, aber mit verdoppelter Schärfe seinen Protest. Sachlich wurde indcst erst am folgenden Tage dem Herrn Böckcl durch den sozialistischen Führer Bebel geantwortet, und zwar so gründlich, daß wir den einen Passus der Rede an diese Stelle setzen: „Wir haben dann von dem Abg. Böckcl gehört, daß das Judenthum die Gctreidespekulationcn an der Börse in der Hand hat, und das; dadurch weit mehr, als durch die Zölle das Brod vertheuert wird. Wir, m. H., sind keine Freunde der Börse, und wenn die Sozialdemokratie einmal zur Herrschaft kommt, so wird cs den Herren an der Börse am schlechtesten gehen. (Heiterkeit.) Ich bezweifle auch gar nicht, daß an der Börse viele derartige Geschäfte gemacht werden, von denen Herr Böckcl spricht. Aber Sie haben ja die Klinke der Gesetzgebung in der Hand und sind ja auch stets bereit, mit Ausnahmegesetzen vorzugehcn. Zeige» Sie doch auch hier, dass Sic diesen Zuständen entgegen zu trete« vermögen. Sic können sich fest darauf verlassen, wir werden Ihnen helfen. Aber auch hier haben Diejenigen, welche es als ihr besonderes Geschäft anscheu, die Börse anzuzapfeu. sehr viel gesündigt. Mit fiktiven Werthea kann man wohl momentan ein Geschäft machen, aber . auf die Dauer ist daS bei keiner Kategorie von Geschäftsleuten möglich. Auf die Dauer wird immer Angebot und Nachfrage die Preise regunren. Wenn ich auch nicht leugne, daß anfechtbare Maniprüationen geschehen, so mutz ich doch ftagen: find 10. 20. lvo Prozent reeller Gewinn oder unreeller? Wenn Sie durch den Kampf gegen die Börse dem Bauernstände helfen wollen, so halte ich das für unmöglich. Wenn durch die Antisemiten wieder ein Königreich Jerusalem gegründet wird und sic alle Juden aus Europa exvatriiren, so wird das, meiner Ansicht nach, das Aussehen der heutigen Gesellschaft um nichts ändern, veil die kapitalistischen Kreise ihre Thätkgkcit weiter entfallen werden, und weil wir dasselbe sehen in allen Ländern, in denen die Juden eine weniger einflußreiche Stellung cm» nehmen, wie bei uns in Deutschland. So lange die Gesetze der Gesellschaft so sind, wie sie heute sind, so lange sic die .Kleinen zu Gunsten der Großen bcnachtheiligcn und alle Borthcile des Verkehrs nur für die (Großen da sind, so lange wird auf Grund der heutigen Verhältnisse der Entwickelungsprozeß sich genau so vollziehen, wie bisher und mit oder ohne Juden. Herr Böckcl ha: weiter gesagt, daß das Judenthum der Vater der Sozialdemokratie fei. Darüber muß man lachen, diese Auffassung beruht auf vollständigster Nnkenntniß aller bestehenden Verhältnisse und des Einflusses, den dasJudenthum auf die sozialen Verhältnisse ausgeübt hat. — Es mag ja sein, daß in gewissen Gegenden Deutschlands cS vorzugsweise Juden find, welche Gelder auf Hypotheken an die Bauern auSgclkchen haben. Ich habe aber auch auf diesem Gebiete wahrgenommen, daß die Juden durchschnittlich dem kleinen Dauern gegenüber ans derartig waghalsige Geschäfte sich rinlassen, wie kaum ein Anderer eS wagen würde, und wenn dem Bauern die Hilfe der Juden nicht zu Thcil würde, so würde er nur um so viel früher seinen Untergang finden. Wenn Jemand fich an einen Wucherer wendet, so ist er schon in einer verzweifelten Lage, und der Wucherer läuft immer dabei Gefahr, sei« Kapital zu verlieren." Keiner Sache orag Herr Bebel so kühl gegenüberftcücn, wie den Interessen des Judenthum», um so gewichtiger erscheint sein klassisches Zeugnis gegenüber der in Permanenz erklärten Unwahrheit der Herren Stöcker und Genossen, daß das Judenthum (die Herren verstehen unter dem einen Juden Singer das Judenthum) die Sozialdemokratie großziehe.

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