Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 98 (19.12.1887)
- Date
- 1887-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1745 mistifch veranlagte Menschenkinder jüdischer Eonfesfion haben diese Worte in den letzten Wochen unzähliche Male citirt, da sie grausige Zeichen am Firmamente zu schauen wähnten. Hatte doch der Hofprediger Stöcker zu Gunsten der Stadtmission vor Sr. 5tgl. Hoheit, dem Prinzen Wilhelm und besten erlauchter Gemahlin eine lange Rede gehalten und einige Tage später gleich dem müden Wanderer, der sich durch einen frischen Trunk erquickt, wieder einmal lustig, wie in den Tagen der Vorzeit, die Hctzfausaren geblasen und eine neue gcmanische Zukunft gepriesen, als ob ihm der Himmel voller Geigen hinge. Tie Pessimisten sahen indeß bald ein, dag sie umsonst sich erregt, Herr Stöcker hatte es wirklich nicht so ernst gemeint. Tenn zunächst ist es doch mehr denn komisch, daß zu einer rein kirchlichen Besprechung nicht auch Herr Stöcker hatte geladen werden sollen, ja, werden doch in die Städtmission selbst Israeliten nach der Versicherung des Herrn Stöcker ausgenommen; allerdings ob Israeliten zu Herrn Stöcker gehen werden, ift eine andere Frage. Dann aber ist cs noch mehr als komisch, es ist geradezu taktlos, wenn man aus der Anwesenheit des Herrn Stöcker auf der Eonfcrcnz beim Grafen Waldcrsee Sr. König!. Hoheit dem Prinzen Wilhelm irgendwelche Ansichten und Standpunkte impuliren wollte. Tie Kindespieiat ist im Hohcnzollcrnhause eine so fest historisch begründete, daß schwerlich der Sohn einer Bewegung seine Sympathien zuwcudcn könnte, welche dcrBatcr als eine „Schmach für die deutsche Ration" gebrandmarkr hat. Tiescm negativen Argument läßt sich ein positives an die Seite stellen. Es ist bekannt, daß Prinz Wilhelm — und -ckicscr hat cs erst jüngst in einer Gesellschaft beim Prof. Begas bestätigt — einen jüdischen Jugendfreund in Eastel hat, der stets bei seiner Anwesenheit hiersclbst in seinem Schlosse Wohnung nehmen muß, was schwerlich der Fall wäre, wenn Prinz Wilhelut nicht auch seinerseits jene schmutzige, aus Neid, Haß und Bosheit entsprungene Agitation voll und ganz verabscheuen würde. Schließlich könnten auch wir uns nur freuen, wenn durch die Sladtnrission aus den schlechten Menschen möglichst viel gute gemacht würden, honentlich wird die Ausführung dieses Programms der Leitung der Sradrmission in weitestem Umfange gelingen. Doch da hebt die Freist Zeit, heute eine neue Klage ob des Frevels an, daß in einigen Thcilcn Tcutschlands ans den Spielkarten statt der Bilder „Bube, Dame, König, Aß" jüdische Kopfgestalten abgcbildct felen. Allerdings wäre cs bester, wenn uns die Herren Antisemiten „aus dem Spiele ließen," aber warum sollte man ihnen dieses unschuldige Vergnügen gar so sehr mißgönnen! Mögen sie wenigstens den Triumph genießen, mit den gemalten jüdischen Köpfen ihre Trümpfe ausgcspiclt zu haben, mit den nicht gemalten jüdischen Köpfen oder sagen wir mit dem jüdischen Geiste dürften die Herren nicht so spielend fertig werden.- DaS zeigt ihnen die Geschichte unsres Volkes, das zeigt unser herrliches Lichtfcst. Es erscheinen allerdings Augenblicke, wo man an dem Fortschritte der Menschheit irre werden und verzweifelt könnte. Doch dann laßt uns auf die Ehanuka!ichtl:in schauen, welche die frohe Kunde in die finstere Nacht hinaussirahlen, daß Großes der Herr in allen Zeiten an uns gethan! Draußen in der Welt hetzt die Unvernunft den Menschen gegen den Menschen auf, draußen wird der Neid und der Haß gepredigt mit dem frommen Wunsche, den jüdischen Stamm in Trümmer zu schlagen, und drinnen in der Hütte kündet rührend das bescheidene Chanulalichtlein des Psalmisten Wort: „Ist Gott mit mir, dann fürchte ich nichts; was könnte der Mensch mir thun!" Draußen herrscht bange Finsterniß und drinnen leuchtet das Licht! ES liegt doch eine wunderbar beseligende Kraft in diesem Feste, das uns über das Weh einer entarteten Zeit sicgesgewiß hinwegführt zu einer frcndcumstrahlten Zukunft. Drum bannt jedes Weh und glättet jede Falte, nur so wollen wir die „Flammcnschrift" der Lichter deuten, nur so das Wcihcfcst begehen! Bl. Berlin, I r. Dez. Antisemitismus und Semitismus gaben sich heute vor der 96. Abteilung des hiesigen Schöffengerichts ein Stelldichein, crstcrcr als Kläger vertreten durch den bekannten Tr. mcd. Lrönig in Wüten a. d. R., letzterer als Verklagter vertreten durch den Redakteur der jüdischen Presse", Tr. Hirsch Hildesheimer, Dozent an dem hiesigenRadbincrscminar. Tr. König, einer der Mitarbeiter der vom gcschästsführcndcn Ausschuß der antisemitischen Vereine hcrausgegebenen „Antisemitischen Korrespondenz", veröffentlichte in. der Nr. 15 der letzteren einen Artikel unter dem Titel: „Tie nächsten Schritte", in welchem er umer wiederholten Klagen über die sogenannten gebildeten Klanen, welche „blasirt und stumpfsinnigem Materialismus" verfallen erscheinen, seine Gedanken über die künftige Gestaltung der antisemitischen Bewegung auseinaudcrsctzte. Dieser Artikel der „Autist Korr." wurde iu einer Leipziger Korrespondenz in der Nr. 15 der „Jüdischen Prcne" vom II. August 1887 besprochen und lächerlich gemacht. Es heißt darin, daß die anrisemstischen Machwerke nur noch r tu* flWfi