Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 95 (8.12.1887)
- Date
- 1887-12-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1697 seines Hausknechts schwere Koffer und Kisten davor. Nachdem dieses geschehen, begab er sich in das Wohnzimmer, um die Ehanukahlichter anzuzünden. Er sprach gerade die zweite Verschätz: „Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott,. König der Weit, der Wunder gcthan für unsere Väter in jenen Tagen um diese Zeit," da ertönte ein Signal, es war das Signal zum Gencralmarsch. Herr L. liest sich nicht stören und sprach die dritte Berachah: Gelobt seiest Tu, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns hat am Leben erhalten, der uns hat aufrecht erhalten und hat uns gelangen lassen bis zu dieser Zeit. — Das Signal wiederholte sich; es wurde wirklich Gencralmarsch geblasen. Was hatte das zu bedeuten? Wir müssen in unserer Erzählung um mehrere 'Stunden rückwärts schauen. Prinz R. wusste, dast der russische General Tettenborn im Begriffe stand, die Franzosen von der gamcn Nordscelüstc zu vertreiben; dcsthalb hatte er Lpione uusgeschickl, um den Stand des Feindes zu erkunden. Einer derselben, der sich nicht weit vorwärts wagte, harre einem hausierenden Bauern, einem sogenannten „Kicpenkcrl"', zehn Thaler gegeben, dast er nach . Rothenburg an der Dämme — zwischen Hamburg und V. gelegen — wandere, um genaue Nachricht über den Stand der Russen cinzuziehen. In Rorddentlchland nennt man einen Tragkorb, der auf dem Rücken getragen wird, eine Kiepe. Bauern, die während des Winters allerlei Gcrärtze ans Holz: Teller, Schüsseln, Löffel :c. schnivcn, gehen dann damit hausieren, und da sie ihre Waarc auf dem Rücken in der Kiepe tragen, so nennt man diese Hausierer „Kicpcnkcrle". Ter in Rede stehende Mann, ein einfältiger Bauer, kömmt nach Rothenburg und triftf dort cil:eu Cfficicr in rother Uniform. Da die Hannoveraner — Hannover batte vor dem Kriege zu England gehört — rorhe Uniformen getragen hatten, so meinte der Bauer, der ihm Begegnende sei ein alter pensionirtcr Hannoveraner. Derselbe war aber ein Dcutschrusie, ein .Kurländer, ein Adjutant des Generals Tettenborn. „Gnädiger Herr," sagte der Bauer, „ich soll mich hier nach etwas erkundigen; vielleicht können Sie mir Auskunft geben." \ „Wenn ich kann, gern," antwortete der Dsncicr. Die in deutscher Sprache crthcilte Antwort machte den Bauern erst recht zuttaulich. „Ich bin beauftragt," sagte er, „mich nach dem Stande der Russen zu erkundigen. Prinz R. liegt in V. mit 5000 Mann und fürchtet, von den Russen überfallen zu werden. Zehn Thaler habe ich schon gekriegt; wenn ich sichere Nachricht bringe. kriege ich noch zehn Thaler. Das ist für einen armen Kicpcnkerl viel Geld. Sie sind doch ein abgedanktcr, hannoverischer Hauptmann, da geht Sie doch die ganze Geschichte nichts an!" Der Adjutant des Generals Tettenborn lächelte über die Einsalt dieses Spions. Eigentlich hätte er ihn arrcnrcn und an dem nächsten Baume aufhängcn lasten müssen. Ter Lfficicr war mit 300 Kosaken ausgcschickl worden, um die abziehenden Franzosen zu beunruhigen, während sich General Tettenborn mit seinem Armcccorps nach den Mündungen der Elbe gewandt hatte. Ter Officier glaubte, seinem Vaterlande einen besseren Dienst zu erweisen, wenn er den armen Schelm laufen liest lmd mit falscher Nachricht heimfandte. „Ja," sagte er. „ich bin ein alter Hannoveraner, und die Geschichte geht mich gar nichts an. Gern will ich Ihm Helsen, das Geld zu verdienen, und so will ich Ihm die Mitthcilung machen, dast General Tettenborn mit 30.600 Mann aus dem Marsche nach V. ist und schon heute Abend dort anlangcn wird." „Tanke schön." sagte der Bauer und eilte davon, um seinem Auftraggeber die wichtige Nachricht zu überbringcn. Dieser sprengte im Galopp nach V. und meldete die Allarmnachricht dem Prinzen R., der sogleich Gencralmarsch blasen und zum Abzüge rüsten ließ. In banger Erwarttmg sah der.Kaufmann L. den kommenden Dingen entgegen. Ta wurde an seine Thüre geklopft. „Im Namen des Kaisers, öffnet!" Herr L. und sein Hausknecht wollten die schweren Kisten und Kasten hinwcgräumcn, um die Thüre zu öffnen. Das ging aber nicht so schnell, und die brausten wurden ungestüm. In V. ist zwischen den meisten Häusern ein schmaler Gang, eine sogenannte Häufung. Rcul nennt man cS in Süddcutschland. Durch die Hausung begab sich L. zu den Pochenden und fragte nach ihrem Begehr. „Wir sollen den Verwundeten holen," antworteten die Franzosen. Herr L. sühne sic durch die Hausung. „Hört einmal, eir.«v«5N." sagte der Nnterofsicicr, „Ihr habt aber einen miserablen Eingang für Euer Haus!" „Gm genug für die Plünderer," antwortete L. „Es wird nicht geplündert," sagte der Eorporal, „wir ziehen eben ad. Tie Russen sind uns auf den Fersen." Als sie das Haus betraten, hob L. seine Hände empor und sprach: „Gelobt seiest Tu, Ewiger, unser Gon, König der Welt, der Tu gütig bist und Gutes erweisest."'