Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 90 (21.11.1887)
- Date
- 1887-11-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449784--27537-2517448- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1605 Türkei. In Diabekir (asiatische Türkei) wurde» die Juden seitens der Einwohnerschaft häufig mißhandelt. Tie türkische Negierung erließ an den Gouverneur dieser Stadt einen strengen Befehl, für den Schutz der Juden mit aller Kraft cinzutreten. Amerika. New-Iork. Das Mount Sinai-Hospital und das hebräische Asyl haben von der Burrstiftnug ihren ersten Anthcil mit je 20,000 Dollars ansbezahlt bekommen. Ter jüngst in Paris verstorbene William Meyer hat diesen beiden Anstalten je 15,000 D. vermacht. o Are Serrin von Ailtarvih. VL Baron Rohritz hatte die Operation nicht überlebt: er starb während die Aerzte die Kugel entfernten. Da unterdeß zwischen den feindlichen Mächten ein Waffenstillstand abgeschlossen worden war, so machte die Ueberführung der Leiche nach der Heimath keine großen Schwierigkeiten. — Als die Baronin zu Hause ankam, mußte sie zu ihrem Schrecken vernehmen, daß ihr Vater Hoffnungslos darnicdcrlicge und schon seit mehreren Tagen nicht wieder zum Bewußtsein erwacht sei. — Still und einfach, wie er c3 gewünscht hatte, wurde der Baron im Grabgewölbe der Schloßkirche bcigesetzt. Einige Tage nachher starb der Graf, ohne vorher wieder Herr seiner Sinne geworden zu sein. Auch die Beisetzung dieser Leiche erfolgte in aller Stille, mrd Niemand verdachte es der so schwer betroffenen Baronin, daß sie jedes Schaugepränge vermied. Einsam sitzt Sidonie in ihrem Boudoir; sie ist so ganz allein und verlassen in der Welt. Da erinnerte sie sich ihres Kindes und ein beseligendes Gefühl zieht ein in ihre Brust. Während sie darüber nachdenkt, wie sie sich nun ihrem Kinde nähern könne, wird der Haushofmeister gemeldet. »Gnädigste Frau Baronin/ sagte dieser, nachdem^ es ihm gestattet worden war, einzutreten, »gnädigste Frau Baronin wollen gütigst verzeihen, daß ich es wage. Eure Gnaden in Ihrem Schmerze und in Ihrer Trauer zu stören. Allein, der hochselige Herr Graf hat mir streng anbefohlen, der gnädigsten Frau Baronin sofort nach fernem Begräbnisse dieses Document zu überreichen.* Bei diesen Worten zog er einen großen Brief aus der Tasche seines Rockes und übergab ihn seiner Herrin. Sidonie zitterte derart daß sie kaum den Brief zu halten vermochte. »Es ist gut, Balthasar/ sprach sie kaum ver» nehmdar. »Ihr könnt gehen.* Mit teilnahmsvollen Blicken betrachtete der alte Diener seine Herrin. »»Soll ich vielleicht Lisette hereinschickeu?** fragte er. »Nein, ich will allein sein!* Ms Balthasar die Portiöre hinter sich geschlossen hatte, betrachtete Sidonie die Adresse deS ihr übergebenen Briefes. »Au meine geliebte Tochter/ lautete sie. ES waren die Schristzüge deS Grafen, und Sidonie brach in lautes und heftige- Schluchzen aus. Endlich beruhigte sie sich so wert, daß sie den Brief zu öffnen vermochte. Er lautete: »Meine geliebte Tochter! »Wenn Du Dieses lesen wirst, werde ich nicht mehr unter den Lebenden sein und daher nicht zu erröthen brauchen ob deS Geständnisses, daß ich einmal die Unwahrheit gesagt habe. Eigenttich wollte ich das Geheiurniß, welches ich Dir jetzt enthüllen werde, mit mir inS Grab nehmen. Allein, seitdem die Nachricht eingetrosfen, daß der Baron' schwer verwundet und wahrscheinlich seiner Wunde erliegen wird, habe ich mich eines Andern besonnen. Auch ich fühle mein Ende nahen, und Du wirst dann ganz einsarn und verlassen sein. So will ich denn, wie ich einst zu Deinem Besten den schweren Entschluß gefaßt habe, von der Wahrheit abzuweichen, jetzt zu Deinem Besten die Wahrheit enthüllen. Das Kind, welche- Du geboren, ist nicht gestorben, es lebt und ist als die Tochter meines Gutspächters Moses Krakauer aufgezogen worden. Ich habe ihm das Kind geschenkt und extra bedungen, daß er dasselbe, um jeden Verdacht zu vermeiden, als Jüdin erziehe. Er hat dem Mädchen den Namen Nahe! gegeben, und eS soll eine gar prächtige Jungfrau geworden sein. Die jüdische Hebamme Namens Täubchen und daS Ehepaar Krakauer sind die einzigen, welche um das Geheimniß wissen. Durch einen heiligen Schwur haben fie mir versprechen müssen nichts zu verratheu, bis ich selbst sie mündlich oder schriftlich, ihres Schwüreentbinden werde. Das Letztere habe ich in dem anliegenden Briefe gethan, da ich vermuthe, daß Du Dich danach sehnen wirst, das Kind zu Dir zu nehmen und eS zu adopriren, damit eS die Er-