Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-11-10 · Heft 87 (10.11.1887) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 87 (10.11.1887)
Date
1887-11-10
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449781--27481-2517389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

'4Sßi «rs kaum begreiflich, daß er in jüdischen Schulen überhaupt so lange vernachlässigt wurde, während christliche Schulen schon vor 50 Jahren ein Hauptgewicht auf Dibcllcscn legten. Das bischen Hebräisch bringt doch nicht viel und es wäre unverzeihlich, wenn dem Schüler nicht Gelegenheit gegeben würde, das goldene Buch der Bücher überall selber zu lesen und in seinem größten Thcile kennen zu lernen. EZ soll sich der Religionsunterricht an höheren Lcdransialtcn zur Hauptaufgabe stellen, die Schüler der mittleren und Lberklassen in den Inhalt und Geist der heil. Schrift cinzusühren und eine Bekanntschaft damit anzutrclen. Erreicht soll dieses Ziel werden, bald durch kursorisches, bald stalarisches Lesen. Tie llntcrabthcilung mit dreijährigem Eursus erfährt die Hauprbegcbenheiten des historischen Theils der Bibel durch den dibl. Geschichtsunterricht, der auf dieser Stufe stärker hervortritt als der systematische Religionsunterricht, indem von der einen wöchentlichen Stunde, welche für diese beiden Fächer angesexr werden kann, die größere Hälfte der bibl. Geschichte zufällt. Sterns bibl. Geschichte bietet das zureichende Maß, das sich von einigen 60 Geschichten zusammcngcstellt, zu je 30 Geschichten im Jahre, also 80 bis 00 in 3 Jahren bewältigen läßt. Tie ersten Geschichten bis auf Moses werden nur rezitirt, da eine gewisse Bekanntschaft damit auch bei neunjährigen Kindern, wie die Sextaner sind, vorausgesetzt werden darf. Freies Vorträgen, Abfragen, zu Hause pröparircn und wieder abfragcn, zweimal im Semester componircn, ist das Verfahren. Von der Tertia an und aufwärts wird bibl. Geschichtsunterricht, im gewöhnlichen Sinne, nicht mehr crthcilt. Hier tritt die Lektüre der heil. Schrift ein. In der Tertia wird der Pentateuch «m Ilcbcrschlagung der Genesis, die durch den bibl. Geschichtsunterricht bekannt ist, zumeist cursorisch gelesen. In den Unterrichtsstunden wird ein Kapitel ein oder zweimal gelesen, zu Hause präparirt, in der nächsten Stunde bei geschlossenem Buche abgefragt. Tics Fragcgeschärr läßt sich kurzer Hand erledigen. Mit einigen Fragen erfährt der Lehrer, ob der Schüler mit dem Inhalte bekannt ist. Vorherrschend ist die craminatorifche Frage; doch zuweilen ist auch die karcchetische auzuwcndcn, besonders da, wo mit einem bloßen Wink auf das Verständnis eiugcwirkr werden kann. Ter Lehrer präparirt sich auf diese Fragen am besten schriftlich. Auch die Fragen wollen gut stilisirr scin.^ Anders ist die Schriftlektion in den oberen Elasten, die ein reiferes Verständniß dafür haben; hier soll der Geist, sollen die Prinzipien und die Ideale dieses Schrifithums erkannt und der Lernende mit Ehrfurcht vor dem überall darin sich offenbarenden göttlichen Geiste und von den ewigen Wahrheiten, hohen weltumfassenden Gedanken und sittlichen Elementen, die in diesen Büchern znm Ausdruck kommen, mit Begeisterung für ihr Iudenthum erfüllt werden. Erreicht wird das durch die prophetischen Reden eines Jesajas, Jeremias, Jechcskel, Daniel und. der kleinca Propheten, durch die poetischen Bücher der Proverbien, Psalmen, Prediger und Klagelieder, insbesondere durch eine abermalige Lesung und Vertiefung ausgcwöhlter Particen des Pentateuchs und endlich durch die Ethik des Talmuds, wie sie in der Pirkeh Aboth und in den Lehren und Sprüchen der nachbiblischen Zeit uud durch einen Auszug aus den Apokryphen dargcstellt wird. Im ersten Schuljahr der Lberklassen kommen die prophetischen Reden, im zweiten Jahre die poetischen Bücher, im dritte» der gesetzliche und ethische Inhalt des Pentateuch, im letzten die ethischen Lehren der nachbiblischen Zeit zur Behandlung. Lei der Auswahl der prophetischen Reden ist das Augenmerk auf solche zu richten, die das Wesen und die Aufgabe des Prophctenthums ausmachen, die da zeigen, wie die Propheten in Zeiten religiösen und sittlichen Verfalls, der Zuchtlosigkeit und des Abfalls, den Fürsten mit Kühnheit und llncrschrockcnhcit die bittersten Wahrheiten ins Angesicht schleudern, sic Abtrünnige und Tiebesgcscllen nennen, in deren Paläste der Raub der Armen liegt und „bic mein Volk zermalmen"; den heidnischjüdischen Priestern, denen Volk und Fürst ergeben, zurufcn: Ihr szil Verächter meines Namens, Priester wie Volk gleich sündhaft, über die Scham- und Sittcnlosigkeir der Töchter Zions das Rachcschwert verkünden, durch welches die Jünglinge fallen und Traucrgcwänder an Stelle der Festkleider kommen. Reden, welche zeigten, wie die Propheten als die Boten und .Knechte Gottes sich durch keinerlei Gefahr und Anfeindungen beirren ließen. »Meinen Rücken gab ich den Schlägern, meine Wange denen, die mich verwunden; Reden, welche Warnungen, Verkündigung des hcreinbrcchcndcn Gottesgerichts und die daraus hervsrgehcndc Läuterung und Wiederherstellung dcsBolkcsIsraels, die Anerkennung der Goncsidce, Sieg und ewige Herrschaft der mosaischerr Lehre, ewigen Bestand der Träger dieser Lehre uud vom Stamm Israels aus die Erziehung der gcsammrcn Menschheit zur Anerkennung der Theokratie nur dem daraus keimenden Welrernrieden als das höchste und letzte Ziel aller geistige» Entwickelung mir hinreißender Begeisterung verkünden. (Schluß folgt.) i r ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.