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Der Israelit · 1887-11-10 · Heft 87 (10.11.1887) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 87 (10.11.1887)
Date
1887-11-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
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HM 2k - A\ schöne Vorschriften für die Ausübung der Nächstenliebe wie das mistige. Wie eilten unsere Ahnen, wo cs galt diese Vorschriften zu erfüllen! «ein Hungriger verliest ungespcisct das jüdische Hans, keinem Tnrsrigcn versagte cs den labenden Trunk; feiner zögerte, wenn cs galt, einem Tahingeschiedcncn die letzte Ehre zu criveisen. Und wie oft wurden diese Werke der jüdischen Humanität durch die Verhältnisse erschwert! Wie oft rnhten schwere Strafen seitens einer irrenden Listigkeit, eines fanatischen Pöbels aus deren Erfüllung'. Nichts jedoch konnte unsere Väter hindern, die Gebote unserer heiligen Religion getreulich zu erfüllen. Tas sahen die Binder, und in dem für jedes Gute empfängliche Kindcrherzcn prägten sich alle diese Tinge in unanslöschbarcn Zügen ein. Tic Eltern hielten ihre Kinder selbst dazu an, woblthätig zn sein. Am Freitag Abend und am Ladbar sa'steu müde Wanderer ans dem Ehrenplätze am festlich geschmückten Tisch und erhielten, wenn sie nach dem Ausgange des Sabbats Abschied nahmen, eine, den Verhältnissen des Gebers entsprechende, mehr oder minder reichliche Gabe mir aus den Weg. Tas Kind. das artigste, durfte die Gabe überreichen und genoß schon in frühester Jugend die edelste Freude des Wohlthuns. Galt cs, einen vom Unglück verfolgten Bruder zu unterstützen, so waren hierzu in den wenigste» Fällen Vereine da, die sich der Sache annahmcn; cm Bruder lernte die Roth des Anderen kennen und fühlte Mitleid mit demselben und spendete seinen Kräften entsprechende Hilfe. Tie Kinder sahen, mit welcher Liebe die Eltern die Pflichten der rps erfüllten, mit welcher i'iebe jeder Unglückliche, der an die Pforte des Hauses Einlast begehrend und Hilfe suchend pockite, empfangen wurde, sie sahen mit welcher Achtung man dein Unglücklichen cntgcgcnkam und cmvfandcn fremdes Leid wie das eigene, suchten also fremdes Leid zu stillen, wie unsere heilige Religion es verlangt. Schon in frühester Jugend wurden die Kinder au den Ernst, den heiligen Ernst des Lebens gewöhnt, so dast die Furcht, welche oft im Kruderherzeu wohnt, die Furcht vor dcm Unglück und dem Unglücklichen, nicht festen Fust sauen konnte. Tas eigene Unglück wurde vergessen beim Anblick des unglücklichen Bruders und die herzliche Thcilnahmc, die der Reichste dcm Aermsten culgegenbrachle, zeigte die Wahrheit des allen Wortes: Alle Israeliten sind Brüder. So war cs sonst. — Und jetzt? Heute? Ach wie ganz anders ist cs geworden! Ist die „Wohlrhärigleit", diese Eardinalrugend unseres Volkes daraus entschwunden? Nein, davor dehnte uns Gott, dast dieses jemals geschehe. Tie Erfahrung wurde uns Lögen strafen, wenn wir dieses behaupte» wollten. Wo es gilt, Unglück zn lindern, Thräncu zu trocknen, Hilfe zu spenden, da finden wir auch Israel am Platze. Tie Listen der edlen Geber, die bei großen Unglückssällcu in den Zeitungen veröffentlicht werden, weisen alle eine stattliche Anzahl jüdischer Namen ans und wenn man dem Juden - auch den Staatsdienst in den meiste» deutschen Staaten fast ganz verschloffcn har, so ninttnr man doch bei solchem Anlast gerne sein Geld, welches auch von: echten jüdischen Herzen gerne gegeben wird. Das jüdische errsn kennt feinen Unterschied; ihm ist der Unglückliche ein Unglücklicher, ob er Etzrift oder Jude ist. Und diese Art woblznthnrr ist die jetzt am meisten beliebte. Man will nicht zugcstchen, dast solches Wchlthua seinen Ursprung nicht im Herzen, sondern in der Eitelkeit hat. Man darf aber mit dem Wohlthun nicht prahlen, das Herz mrlst wohlthnu, nicht der Geldbeutel. Aengstlich hütet unsere heurige Generation ihre Kinder vor dem Anblick der Nord und des Elends. Es gibt Kinder, welche dicArmuth nur aus den Erzählungen der Gouvernante kennen, welche sich nicht denken können, dast cs Menschen gibt, die aus der kalten Erde schlafen müffen, und denen trockenes Brod ein Leckerbissen ist. Aengstlich werden die Kinder unserer Zeit gehürer. dast sic Kranke und arme Kranke besuchen. Wie kann das Mitleid bei solchen Kindern Eingang in das kindliche Her; finden'? Darf cs uns wundern, wenn der Egoismus auch bei unserem Volke Wurzel sastt und das Mitleid und die Wohltüätkgkeir verdrängt werden'? Tcm armen Bruder, der beim Reichen Hilfe sucht, starrt an dessen Thüre ein Schild entgegen „Armen-Verein." „Mitglied des Vereins gegen Betteln" 2c.; dieses Schild sagt ihm — „hier wird die Wohlthätkgkeir in ein System gebracht; — bleibe draußen, man har schon wohlgcchau — man ist ein Mitglied eines wotzllhäligcn Vereins". Tnrch die Vereine wird jetzt die np-s ansgeübr; aus dem Hause und ans dcm Herzen wird sie verdrängt. Vereine speisen die Crd)im in besonderen Lokalitäten, Vereine besorgen den Krankenbesuch, die Bestattung der Tvdtcn; das alles wird jetzt so still und ruhig abgemacht, dast kein Kirrd etwas davon merkt. Wie können wir von dem Kinde Wohlthun, Mitleid, herzliche Thcilnahmc au fremdem Leid erwarten, wenn es nichts derartiges vor sich sieht! Wie selten sind jene isr. Fam.licn geworden, in denen die Aruruth Hilfe und das Unglück Trost findet! Wie zittern die Eltern für ihre Kinder, dafür sorgend. dast ein Almosen dcm Bedürftigen schon vor der Thüre gereicht wird! Wie unbekannt find unsere

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