Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 87 (10.11.1887)
- Date
- 1887-11-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1552 wußte, und die ein glänzendes Zeugnis für den Edelmuth der Geberin, wie für ihr richtiges Verständnis für den heutigen Charakter der Menschheit ablegt. Bor einigen Jahren langte, vom Auslande heimkehrend, ein junger Arzt in Köln an, den eine Keine literarische Sünde aus der Heimath vertrieben hatte. Tr. S. war in Amerika, England und zuletzt in Frankreich gewesen, nirgends aber hatte er das gesuchte Glück gefunden. Inzwischen waren seine Eltern in der Heimath gestorben, und das kleine Erbe, was diese ihm hinterlassen, war langst verbraucht, ja zuletzt war ihm nicht einmal so viel geblieben, daß er sich zur Rückreise in die Heimath der Eisenbahn bedienen konnte. Er hatte sich deshalb zu Fuß auf den Weg gemacht und war nach langer» mühseliger Wanderung endlich, mit desolater Garderobe, bodenlosen Stieseln und zerrütteter, Gesundheit dis nach Möht gekommen. Hier' könnte er nicht mehr weiter. Seine Lage war verzweifelt. Schon mehrere Tage ohne Nahrung und Nachtlager, Halle er nicht einmal die erforderlichen Mittel, sich in der elendesten Herberge ein Bett und damit die für seinen Zustand unentbehrliche Erholung zu schaffen. Rath- und hilflos steht er eines Nachmittags am Rhein. Noch einmal wendet er den Blick zurück auf die Vergangenheit» noch einmal weilt er in der Erinnerung, noch einmal steigen all die lieblichen Bilder seiner .Kindheit vor ihm auf, in der er unter den treuen Augen seiner Eltern, in Gesellschaft munterer Gespiele» seine Tage verbrachte, — und jetzt? — „Leb wohl, Welt!* und schon macht er sich zum Sprunge in die Flurhen des Rheins bereit, die allem Leid ein Ende bereiten sollen, da hört er plötzlich hinter sich einen Schrei. Erschreckt wendet er sich um und erblickt in unmincldarcr Nähe zwei Tarne», eine ältere und eine jüngere. Tie jüngere, offenbar die Gesellschafterin der älteren, hält diese, welche in kurzen Intervallen Schmerzenslaute hervorstößt und den einen Fuß hastig bewegt, mit Mühe aufrecht. Schnell kehren dem 3. die alte» Lebensgeister zurück, hier bietet sich ihm seit langer Zeit wieder Gelegenheit, sich in seinem Beruf einem Rebemnenfchen nützlich zu machen. AU' seine Noch und seinen traurigen Entschluß vergessend, nähert er sich bescheiden den beiden Damen: „ft cum ich Ihnen vielleicht in irgend einer Weise dienen, gnädige Frau?* spricht S. die ältere Dame an. Tiefe, den Fremden erstaunt anschauend, erwiedert etwas zögernd: „Nun ja, Cie haben vielleicht die Güte, mir einen Wagen zu holen; ich glaube, ich habe nur den Fuß vertreten, ich stolperte über einen Stein, habe jetzt große Schmerzen und kan» nicht laufen." „Mit Vergnügen, gnädige Frau", rcplizirt S., „aber wenn Sie sich den Fuß verrenkt, oder vertreten haben, wie Sie es nennen, so würde cs zweckmäßig sein, sofort den Schuh von dem leidenden Fuß zu entfernen und den Versuch zu machen, den Fuß wieder in Ordnung zu bringen, bevor noch Anschwellung oder eine Entzündung daran hindert, ich bin sehr gem erbötig." „Ja — verstehen Sie denn davon etwas, dazu bedarf es doch ärztlicher Kenntnisse; doch meinetwegen, versuchen Sie Ihr Heil, oder lösen Sie mir, wenn Sic wollen, wenigstens den Schuh!" S., der sich schleunigst niedergebeugt, hat mit geschicktem Griff den Schuh vom kranken Fuß beseitigt und nach kurzer Bemühung auch den letzteren wieder in Ordnung gebracht. „So, gnädige Frau, wenn Sie nun noch den Fuß eiyige Tage schonen und vielleicht mitdtrnica wasche» wollen, so werden Sie wieder hergeslellt sein. Doch jetzt gestatten Sie niir. Ihnen einen Wagen zu rufen." Damit eilt er davon. „Ja, wer ist denn dieser junge Mann,, dessen Benehmen, dessen Bildung mit seiner äußeren Erscheinung so im Widerspruch steht, haben Sie Ihn noch nie gesehen, Elsa?" und «och ehe eine. Antwort erfolgt, fährt die Dame son: „und wahrhaftig, der Schmerz im Fuß. den ich schon wieder bewegen kann, ist säst verschwunden."'— „Vielleicht war er einmal Lazarerhgchilfe", wendet die junge Dame ein. Zu langen Erwägungen war indeß nicht Zeit» denn schon kani der ungerufene Helfer mir dem Wagen wieder an: „Hier ist der Wagen, gnädige Frau: Ruhe wird Ihnen gut thun. vielleicht^ hat Ihr Arzt auch noch Anordnungen zu treffen." „Ich danke Ihnen recht sehr, junger Mann, bitte, nehmen Sie dies für Ihre Bemühungen. Sie waren gewiß früher LazarethgehUfe, nicht wahr?" „Doch nicht, gnädige Frau, ich bin Arzt, aber leider, wie ich wohl nicht erst besonders zn versichern brauche," entgcgnete S. erröthend, „jetzt ohne Praxis, doch bitte, gnädige Frau, der Wagen —" „Nun, dann wäre cs ja sehr undankbar von mir," sagt die Dame, „wenn ich. nachdem Sie mir in so liebenswürdiger und erfolgreicher Weife die erste Hilfe geleistet haben, mich eines anderen Arztes bedienen wollte; ich bitte Sie also, mich fernerhin in Behandlung zu behalten und mich noch heut zu besuchen, Herr Doktor. Mein Name ist Oppenheim. ich wohne Domkloster 2." „Aber, gnädige Frau." erwidert S. mit einem vielsagenden Blick auf seine Garderobe. „Ich erwarte Sie unter ollen Umständen," hört er noch, dann rollt das Gefährt mit den beiden Damen von dannen.! I k »wurf«« wrwflff