Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 86 (7.11.1887)
- Date
- 1887-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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die folgenden Satze als charakteristisch für die religiösen Zustände in der Hauptstadt des deutschen Reichewicvergcbcn: *G3 dürfte. bekannt fein, daß gerade der Osten unserer Stadt die am wenigsten begüterten Mitbürger zählt und ist cs auch wohl diesem Umstand znzuschrcibcn, daß wir selbst bei der Errichtung von religiösen Institutionen erst in letzter Linie berücksichtigt werden. Das geradezu heidnische Auswachsen unserer Jugend und da§ sogenannte Kneipenbctcn au unseren heiligsten Festtagen hat in einigen Bewohnern de§ Ostens das Interesse wach gerufen, für ihre religiösen Bedürfnisse selbst Sorge zu trage» und ist auf diese Weise und., um einem schreienden Bedürfnisse abznhclfen, durch einiges und festes Zufammcnwnckcn gelungen, ohne jede Mittel einen Verein ins Leben zu rufen, der bis heute seine heiligen Pflichten treu und gewissenhaft, wenn auch unter Aufbringung nicht geringer Opfer, erfüllt hat. Es dürfte für unsere geehrten Glaubensgenossen zu erfahren von Interesse sein, daß bei Errichtung unserer Religionssckule, die Bedürfnisssrage von dem hiesigen Kgl. Pylizci-Präsidio bestätigt worden, und daß wir in ->bca ersten Semestern Zöglinge i m Alter von 15—16 Jahren aufzunchmcn hatten, die von ihrer Religion auch nicht eine Ahnung gehabt. Von dem Resultat unserer Anstalt angespornt und von dem Gedanken getrieben, daß kein anderer Unterrichts-Gegenstand so den ganzen inneren Menschen nach allen Richtungen hin bilde, wie gerade die wahrhafte Ncligionslchrc, welche das Gefühl und den Willen dc§ Menschen belebt, kräftigt und richtet, welche Liebe erweckt gegen Gott und unsere Ncbcnmcnschen, haben wir selbst solchen Zöglingen, welche nicht in der Lage sind, Schulgeld zu zahlen, unsere Anstalt bereitwilligst geöffnet. Nachdem nun unser Verein zunächst seinen Eultus m einem zu diesem Zwecke bcrgrrichtctcn Saale abgchalten, hat er sich durch das Wachsen der Zahl seiner Mitglieder berufen gefühlt, ein Gotteshaus bauen zu lasten und dasselbe ans 5 Jahre zu micthcn. Tank dem steten Wachsthum unserer Mitglieder hat sich das Gotteshaus als zu klein hcrausgcstellt, so daß wir zur Errichtung einer größeren Synagoge schreiten mußten. Es bedarf wohl keiner werteren Erwägung, daß cs bei unserer politischen Zeit sehr schwer gehalten, Räume zu diesem Zwecke zu sinden; cs ist uns aber bei angestrengter Thärigkcit dennoch gelungen, einen Hanscigcmhümer zu finden, der sich geneigt zeigt, uns ein würdiges Gotteshaus ZU bauen, und ist der Grundstein hierzu auch bereits vor mehreren Wochen gelegt und geht der Rohbau seiner Vollendung entgegen. Mit der Vollendung dieses Baues aber beginnen unsere Sorgen von Neuem, da wir nun eine der Würde beS Hauses entsprechende innere Einrichtung schaffen müssen. Wir sind deshalb gezwungen an dareligiöse Mitgefühl und den WohlthätkgkeitSsinn unserer geehrten Glaubensgenossen zu appcllirea und vertrauen wir hierauf umsomehr, alS eS sich stets bewiesen, daß ein wahrhaft religiöser Jude nur an seinen guten Werken zu erkennen ifL* Am meisten dürfte unsere geehrten „GlauberiSgen off«" die Mittheilung interessiren, daß bei Errichtung der Rcligionsschule die Bedürfuißfrage von dem hies. Königl.Polizei-Präsidio bestätigt worden ist, eine Mittheilung, aus der für alle diejenigen, die zwischen den Zeilen zu lesen verstehen, die Dhatsache hervorgeht, daß der Vorstand der Hauptgemeinde die Dedürfnißfrage, wahrscheinlich hinsichtlich einer Unterstützung, Anfangverneinen zu müssen geglaubt hatte. Eine überaus lehrreiche Mitthcilung! Der Aufruf empfiehlt sich von selbst, Beiträge nimmt der Vorsitzende der Vereinigung, Herr M. Löwin sohn, Grüner Weg 32, entgegen. Berlin. In der Wählerversammlung hatte ein freisinniger Stadtverordneter dem Antisemitismus das Recht einer politischen Partei abgesprochen und ihn mit einem Ausdruck bezeichnet, den auch der Kronprinz einst gebraucht hat. In Folge dieser Aenßcrung schickten ihm kurz nach einander zwei seiner antisemitischen Kollegen ihre Kartcllträger. Der Geforderte erklärte diesen zunächst, Personen habe er nicht beleidigen wollen, sondern nur cm Prinzip bekämpft. Im Ucbrigen sei er Bürger und unterwerfe sich den Gesetzen. Wenn die Herren sich beleidigt glaubten, so wüßten sie, welche gesetzliche Wege ihnen zu ihrer Genugthuung offen ständen. — Hoffentlich bleibt der Geforderte bei dieser Erklärung; denn es wäre sehr eigenthünilich, wenn in unserer städtischen Verwaltung die auftanchcnden Gegensätze durch Pulver und Blei zum Austrag gebracht würden. Frankfurt a. M., 4. Stob. Da? neue Schul- Hans der israelitischen Rcligionsschule wurde diese Woche seinem Gebrauche übergeben. Dasselbe ist rin sehr hübsches Gebäude, das schon äußerlich durch die einfache, schlichte, aber durchaus gefällige Bauart anspricht. Wahrhaft prachtvoll aber sind die Räume im Inneren. In den drei Etagen deS Hanfes, dem Parterre, dem ersten und zweiten Stock, befinden sich außer dem Bcersaal iLöb-Reiß- Synagogc) im ganzen zehn Schulsäle, große, lustige, mit allem Comfort ansgestattere und nach allen