Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 85 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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gemächlich sitzen, nnd uns von unserem Oberhaupte bedienen lassen?" — „Ich weiß, versetzte der Angcrcdcle, einen größeren Mann, der seine Gäste bediente. — Bediente nicht der Patriarch Abraham seine Gäste, die er nicht für Engel, sondern für. arabische Wanderer dielt?" — „Wie lange noch, begann nun Zadok, befaßt ihr euch mit der Ehre der Menschen und vergcffcr der Herrlichkeit des höchsten Wesens? Bedient nicht Gott selbst den Menschen? Läßt Gott nicht Winde wehen und Wolken ziehen? Sendet er nicht Regen, um die Erde zu befruchten, damit sic Pflanzen aller Art hcrvorbringe? Deckt er also nicht jedem einzelnen Menschen den Tisch?" (Kidduschin 32.) Die Verletzung der Gastfreundschaft vcrnrtheil» ten die Talmud-Lehrer in dem Maße, daß sie diese Sünde als Grund der Zerstörung Jerusalems hinstellen. Eine hierauf bezügliche Erzählung lautet wie folgt: Durch die Aehnlichkeit in den Namen zweier Männer wurde Jerusalem zerstört. Eia Bürger dieser Stadl gab eine Mahlzeit, zu der er viele Gäste cinlud. Unter Anderem trug er seinem Diener auf. seinen Freund Kamza zur Mahlzeit zu laden. Ter Diener hörte den Auftrag seines Herrn nicht genau an, und lud einen andern Mann, Namens Bar-Üamza, der zufällig in größter Feindschaft mit dem Gastgeber stand. Bar-Kamza. welcher die Einladung als ein versöhnliches Entgegenkommen von Seite feines bisherigen Feindes betrachtete. erschien zur Mahlzeit und setzte sich an den Tisch. Kaum bemerkte ihn der Gastgeber, als er ihn barsch anfuhr und ihm wcgzngchen befahl. Vergebens machte der Gekränkte das Anerbieten, feinen Thcll zu bezahlen; er fand kein Gehör; er wollte die halben, zuletzt sogar die ganzen Kosten der Mahlzeit tragen, um nur nicht öffentlich beschämt zu werden. Der unversöhnliche Hanswirth faßte ihn bei der Hand und wicS ihm die Thüre. Bar-Kamza, von Scham und Entrüstung erfüllt, und besonders darüber aufgebracht, daß die anwesenden Gclehrt.n nicht einmal sich seiner annahmcn, beschloß, die ganze jüdische Nation zu verleumden. Er reiste nach Rom und berichtete dem Kaiser, daß die Juden mit Empörungspläncn umgingen. — „Zum Beweise für meine Angabe, sprach er zmn Kaiser, mache folgende Probe: schicke ihnen ein Opftrthicr für ihren Tempel und du wirst sehen, ob sie es onnchmcn?- Der Kaiser ließ ihm zu diesem Zwecke rin frtlcS Kalb übergeben. Der Verleumder machte auf der Rückreise dem Thiere einen Lcibesfchler, so daß cS gesetzlich nicht geopfert werden durfte. Tie jüdischen Lchriftgelchncn wollten eS dennoch. ht Rücksicht auf dke Umstände, opfern kaffe«. Em Eiferer, Namens Sccharja, widersetzte sich jedoch dieser Absicht. — „Wie, rief er, würde man nicht sagen, jedes krüppelhafte Vieh darf ans den Altar Gottes gebracht werden?" — Es wurde der Vorschlag gemacht, den Ucbcrbriuger des Opfers zu tobten; aber auch dieses gab der strenge, dabei rechtliche Sccharja nicht zu. Das Opfer wurde abgclehnt. Ein Gelehrter späterer Zeit Nagt: Der Eigensinn des Sccharja zerstörte unsere Häuser, verbrannte unfern Tempel und jagte uns als Verbannte von dcnl heimathlichen Boden. Es ist selbstverständlich, daß die eigentliche Ursache der Zerstörung Jerusalems nichr in der Verletzung der Gastfreundschaft gegen Bar-Kamza lag. Die politischen Gründe sind ja allgemein bekannt. Tie. Hab-, Herrsch- und Bedrückungssucht der Römer einer-, und der unbeugsame, wenngleich mißverstandene Patriotismus der sogenannten jüd. Zeloten anderseits machten die Situation unhaltbar und drängten mit ungestümer Gewalt einer blutigen Losung entgegen. —— Der Fall von Bar-Kamza bildete nur eine äußere Veranlassung zuui Auflodern des vermchtendcu Brandes. Daraus jedoch, daß der Talmud diesen einen Anlaß aus vielen andern besonders hcrvorhcbt. lernen wir, wie groß und wichtig die heilige Pflicht der Gastfreundschaft ist. Wir sollen Gastfreundschaft üben, nicht nur gegenüber dein Freunde, dem Verwandten, demStammesgcnossen, sondern auch gegenüber dem ganz Fremden, wie Abraham cs gethan, ja, auch gegenüber dem persönlichen Feinde, wie aus der Erzählung von Bar-Kamza sich ergibt. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Mainz, 1. Nov. Heber die Juden in Algerien enthält die Revue „Unsere Zeit" von Mara Eop Marlet „Skizzen aus Algerien" die folgende Schilderung: In den Straßen Algiers und Tunis* sicht man die Juden in ihrer alten uralcrischen Tracht, wie sie bei uns auf dem Schauplatz des Mittelalters erschienen, unverändert am Sadbatabcud aus dem dunklen Rahmen der Hausrhüren tteteu. Die Frauen schleppen ihr glattes scidcues Goldbrokatkleid leicht und würdevoll nach. Born mit der rechten Hand erbeben sie cs ein wenig, so daß man einen weißen Spitzenrock und weiße Atlasschühe darunter hervorschimmern sieht. Eia weißseideoer