Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 83 (27.10.1887)
- Date
- 1887-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MBflBBasas«6iraaBBSEaKiB»fi»iBi8M«B^ aaruiwcM^.K» 1481 Anregenden und Interessanten emereiche Fülle bot, will ich cS mir nicht versagen, nach dem Gedächtnisse eine gedrängte Skizze der Rede für Ihre Leser zu geben. ES ist, so etwa begann der Redner, eine traurige Erfahrung, daß das Stiefkind der modernen Pädagogik die Religion ist. Während die Eltern in allen andern Fächern, in Schreiben und Lesen, in Zeichnen und in der Musik sorgsam die Fortschritte ihrer Kinder verfolge» und durch sonstigen Unterricht noch fördern, glauben sie. daß in der Religion mit den zwei Schulstunden genug des Guten gcthan sei. Diese stiesmütterlichc Behandlung trifft in erster Reihe das alte Testament, ja sind doch in letzter Zeit Fachstimnicn mit der Forderung laut geworden, aus der Erzichungslehre die Bibel ganz zu streichen, weil sic angeblich unser modernes Empfinden fremd berühre. Welche bedauerliche Verblendung! Gewiß werden wir dem Kinde nicht alle Stellen der Bibel in die Hand geben,*) ebenso wenig wie wir. einen jungen Mann, den wir mir den Verhältnissen der Gegenwart bekannt machen sollen, auch in die Schwnrgerichtösäle führen oder einem nach klassischer Weisheit dürstenden Jünglinge sämnitliche griechischen und rönrischen Schriftsteller vorlegen würden. Aber streicht man selbst für den Jugcnduntcrricht alle irgendwie ungeeigneten Stellen, so bleibt gleichwohl so viel des Herrlichen, des Wunderbaren und Göttlichen in jener heiligen Urkunde dc-s Menschengeschlechtes übrig, daß cs fürwahr noch heute feinen trefflicheren Führer durch das Menschenleben geben kann, als die Erzählungen des alten Testaments. Die Bibel beginnt in ergreifender, klassischer Weise; es scheint unmöglich, daß man ei» Kind etwas anderes sollte lehren können, als die Schöpfungsgeschichte des alten Testaments. Wollen die Bibelfeinde ihre Erziehung etwa mit Kant und Spinoza beginnen? Mögen sie cS versuchen! Gott läßt die Sonne ausgchcn und die Blumen blühen, er lustwandelt im Paradiese und spricht mit der Schlange, das Opscrgeschenk des ihn liebenden Abel ist ihm willkommen und die von der Furcht Kains dargebrachtcn Gaben verschmähte er. Auf Adam und Noa folgen die Patriarchen, und gicbt es eine herrlichere geistige Nahrung für das Kind als die Lebensgeschichre eines Abraham, Isak und Jakob? Dort an des Jordans rauschenden Fluchen, wo die Erzväter im Hirtengewande umherzo- *) Smn. der Red.: Sir mache» darauf aufmerksam, daß »1 eia »ichtjüdischer Geiftlichrr in. der das sagl. Israel. Kinder dürfe» im zarlrfien Älter alle Trelleu der heil. Lchrift lese, und Sbafefem. gen als die Priester des höchsten Gottes, dort find die ersten E^iehungSlehren für alle Zukunft geoffcnbart worden. Abraham erkannte zuerst den Schöpfer des Himmels und der Erde und während die anderen Völker ihre Kinder zu Ehren ihrer Götzen hinschlachteten, gebot die göttliche Stimme dem Patriarchen: „Rühre den 5knaben nicht an!* Der frommt Glaube erwacht in dem 5linde und seine tagtäglichcn Vorstellungen werden sich wunderbar bestätigen, wcnn eS von der Gastfreundschaft des Abraham, von der Bosheit Labans, von der Milde Josephs und dem Neide feiner Brüder hört, und der Eindruck dieser Vorstellungen wird sich klären und läutern, wenn das Kind von der Gerechtigkeit des Himmels vernimmt, von der Strafe, welche die Sodomitcr traf, und von dem Gotteslöhne, welcher für die Frommen bewahrt wurde, deren G-nffl sein sollten zahlreich wie der Sand am Meere. Bald muß das Kind die trauten, süßen Enuncrnngcn der Kindestage abschüttcln und in die Schule wandern. Jetzt beginnt der Frohndicnst in Egypten, jetzt heißt es arbeite», Ziegel brenne», vielleicht auch „leeres Stroh dreschen,* und nur hin und wieder lockt ein heißes Sehnen zurück zu dein fröhlichen Treiben vergangener Tage. Schließlich aber bleiben Jakobs Söhne im Lande Gosen, in schwerer Mühe müssen sic Städte , bauen imb die Nicscngräber der .Könige errichten. ' Doch jetzt, in dieser Arbeit, kommen sie in den Conflict mit Pharao. Und welchem Jüngling, der nur einen Blick in das Leben geworfen und nur einmal aus dem Borue des Wissens geschöpft, wird dieser Kampf erspart bleiben? Der alte fromme, beglückende Glaube lebt noch in de Kindes Brust, und iu diese Brust und in diesen Glauben senkt sich der nagende Zweifel: der Gewinn aller religiösen Erziehung scheint verloren. Wohl den Eltern, die ihr Kind an jenen gefahrvollen .Klippen unversehrt vorbcigeleiten können, wohl dem Kinde, wenn es einen Moses findet! Tie Gestalt des Moses bedeutet die herrlichste Vermählung des Glaubens mit der Wissenschaft. Am Hofe des von den weisen Astrologen umgebenen Egyptcrkönigs hat er die die Gottheit höhnenden und den Glauben verneinenden Theorien kennen gelernt und am brennenden Dornbusch har er die göttliche Weihe des Himme.s empfange». Moses allein kann das verzweifelte Volk aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus dem bange» Dunkel zum gotrcrleuchtcten Sinai führen. Und hier hört das Volk die göttlichen Worte: „Du sollst- und „Du sollst nicht!- Woher kommen denn jene saftlosen und marklosen Gestalten, die wankenden Kniee, die uns so oft im Leben begegnen, woher