Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 82 (24.10.1887)
- Date
- 1887-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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146« Der Luther von 1543 ist aber nicht der Luther von 1523, und wenn man von Luther spricht, so geht eS nicht an, zn ignoriren, waS er in der Heldenperiode seines Lebens gethan und nur gellen zu lasten, was er in feinen alten Tagen, in der Verbitterung seines tief bekümmerten Herzens geschrieben hat. Wird also in der Judenfrage auch Luther citirt, so ist eS nothwendig, an seine Auslastungen in der 1523 erschienenen Schrift, daß der Stifter der christlichen Religion ein geborener Jude sei, zu erinnern. Mit welcher Entrüstung erfüllt ihn hier nicht die Leidensgeschichte der Juden: „Sie haben die Juden behandelt, als wären eS Hunde und nicht Menschen, haben nichts weiter thun können, als sie schelten und ihnen ihr Gut nehmen-. „Ich hoffe-, fährt er weiter fort, „daß, wenn man die Juden freundlich behandelt und sie auS der heiligen Schrift säuberlich unterweist, ihrer viele rechte (Christen werden und wieder zu ihrer Väter, der Propheten und Patriarchen, Glauben treten sollten, wovon sie nur weiter zurückgeschreckt werden, wenn man ihre Sache verwirft und so gar nichts gelten lasten will und wenn man nur mit Hochmuth und Verachtung gegen sie handelt. Hätten die Apostel, die auch Juden waren, mit uns Heiden so gehandelt, wie wir Heiden mit den Judeu, so wäre kein Heide ein Christ geworden. Haben sie denn mit uns Heide» so brüderlich gehandelt, so sollen wir wiederum mit den Juden brüderlich handeln.- Er schließt sein Büchlein mit folgenden Bemerkungen: „Darum wäre meine Bitte und mein Rath, daß man säuberlich mit ihnen umginge und sie aus der Schrift unterrichtete, so möchten sich ihrer etliche herbeilasten. Ader nun treiben wir sie nur mit Gewalt, gehen mit Lügenmärlein um, beschuldigen sie. sie muffen Ehristenblut haben . . . und weiß nicht, was für Narrenwerk mehr ist, daß man sie den Hunden gleich hält. Was sollten wir da Gute« an ihnen schaffen? Ferner, daß man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, zu hantieren, und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, womit man sie zum Wuchern treibt: wie sollte sie das bessern? Will man ihnen helfen, so muß man . . . da? Gesetz christlicher Liebe an ihnen üben, sie freundlich, ausnchmen, mitwerben und arbeiten lasten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei und um uns zu sein, unsere christliche Lehre und Leben zu hören und zu sehen. Und ob auch etliche halsstarrig sind, was liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen.- Aber was soll der Antisemitismus mit solchen Aussprüchen ansangen? Da klingen die „Erzdiebe-, und „LandräuberauS Lulher'S späterer Zeit schon anders, man kann sich auch auf seine „giftigen Basiliskenberufen, und daß» wer einem Inden begegnet» ein Kreuz schlagen soll und denken: „da geht ein leibhaftiger Teufel.- Alles Böse kommt natürlich vom Teufel her» da jeder richtige Antisemit die Juden einmal sLc leibhaftige Teufel hält, so darf man sich dann auch nicht wundern, daß alles Ungemach» welches die Welt erfüllt, belästigt und peiuigt. von den Antisemiten auf die Juden zurückgefuhrt wird. Ja einem kleinen Schriftchen, welches den Titel führt: „Wählet keinen Juden-, macht der Verfasser die Juden sogar dafür verantwortlich, daß das Deficit im Staatshaushalte bei uns nicht beseitigt ist; die Juden sind ^eS, welche den Frieden zwischen dem christlichen Volk und seinen Priestern stören, durch die Juden ist der Nationalitätcnhader kn Oesterreich bis zur Unerträglichkeit gesteigert worden, und damit auch die Denuuciation politischen Hochverraths nicht fehle, ist der Patriotismus der Juden und ihre Liebe zu Kaiser und Reich, welche bisher noch Niemand anzuzweifeln wagte, diesem antisemitischen Zeugen zufolge „in leeres Phrascnblcudwerk" auSgeartet. Und mit solchem Blödsinn, mit solcher nackten Bosheit und Verlogenheit wagt mau sich am Hellen Tage auf Markt und Gassen! So also sehen die Kampfmittel einer Partei aus, welche ein Privilegium zu besitzen glaubt auf die „Errettung der Gesellschaft aus der rapid überhandnchmcnden Versumpfung der Moral-, und welche, während sie selbst in Corruptiou das Aeußerste leistet, ja die verkörperte Eorruption ist, fich am liebsten mit dem Heiligenschein einer moderne» Gralsritterschaft umgeben möchte. GregoroviuS bezeichnet die Geschicke der zwar nicht mehr, wie zur Zeit deS Claudius den wilden Thiere», aber dem mißhandelnden Christenvorurthril vorgeworfenen Juden Roms als einen „dunklen Anblick und ein schmutziges Blatt in der Geschichte der christl. Menschheit.- DaS gilt aber nicht nur von den Juden RomS, und der Antisemitismus schreibt an diesem schmutzigen Blatte rüstig weiter. Spätere Geschlechter werden an demselben einst mit Grauen ersehen» wie ihre Vorfahren im Namen des Stifters der chrifllichen Religion und zu feiner Ehre dem Volke mrtgespiclt haben, dessen Srammesgenosse er war; Wie man die Juden haßte, verdächtigte, verfolgte» unt Füßen trat; wie. man sie von den meisten Zwekgra deS bürgerlichen Erwerbes grundsätzlich ausschloß, sie an der Betreibung des Ackerbaues hinderte uud zur Handwerkslchre nicht zulieb nnd wie man ihnen Trägheit und Arbeitsscheu vorwarf: weil sie dca Boden nicht bebauten und kein Handwerk betrieb: wie mau sie durch Gesetze zwang, Geld auf Zn» I i