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Der Israelit · 1887-10-24 · Heft 82 (24.10.1887) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 82 (24.10.1887)
Date
1887-10-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Antisemitismus. & feine Studie» von Tr. Theodor Hause, evangelischer Superintendent do» Schlesien und ReichSralhs-Abgeordneter. (Schluß.) IV. Antisemitische Kampsmittel. Eines der beliebtesten Mittel, welches der Antisemitismus sowohl zu seiner Berthcidigung, wenn er angegriffen wird, als auch zur Propagirung feiner Ideen in den besseren blassen der Gesellschaft,, welche aus Selbstachtung Anstand nehmen, sich unter seine Fahne zu stellen, anwendet, ist das Eitae. Die Anführung von Kraftstcllen, kn welchen sich hervorragende Schriftsteller älterer und neuerer Zeit abfällig über die Zndcn äußern, soll als Beweis dafür diene», daß die größten Geister, mindestens der deutschen Nation, Antisemiten gewesen sind: Waren aber Kant, Herder, Fichte, Goethe, Schiller Antisemiten, so braucht sich doch wohl in unseren Tagen rill Volksschullchrer, ein Gymnasialprofeffor, ei» Advokat auch nicht zu schämen. Arm in Arm um den Antisemiten „das Jahrhundert in die Schrankenzu fordern. Nufere großen Männer würden sich zwar im Grabe umdrehen, wenn sie von der Gemeinschaft wüßten, die ihnen angesouue» wird. Ter in ihren Schriften verkörperte Geist proiqiiri mächtig gegen die ihnen zugcmuthcte Anwaltschaft für das Gemeine, und der erzürnte Genius Goethe» und Schiller» ballt drohend seine Rechte gegen den cynischcn Realismus, der die Ideale der Menschheit verachtet und mit Füßen tritt. Aber auf diejenigen, welche den Geistcsadcl der deutschen Aalion in feinem Wesen erfaßt haben, ist cS auch gar nicht abgesehen, und die oberflächliche Kenntnis cstl Paar Lchillcr'fcher Balladen oder Gocthe'schcr Tramen gewährt selbstverständlich keinen ausreichenden Schutz vor der völligen Verkennung ihrer Dichter. Natürlich werden die betreffenden Eilate sorgfältig und mit kluger Berechnung der beabsichtigten Atf.^AAHl£l«f 4 AIM «u*ut tu»;wujuji|UUil Ul einer früheren Periode seines Lebens sich abfällig über die Juden geäußert und später von großen llcbcrzcugungen geleitet, sich entschlossen, gegen die ^cdrückung und Verfolgung derselben ein entschiedenes Won zu sprechen, wie beispielsweise Mommscn, w wird selbstredend nur aus der ersten Periode tturcs Lebens cimt und die spätere Richtung höchlrcns flüchtig angcdeutet. Hat umgekehrt ein hervorragender Mann in einer früheren Zeit für und m einer späteren gegen die Inden geschrieben, wie venprclsweise Luther, so greift man selbstredend zu seinen späteren Aenßerungen. ES ist merkwürdig, wie hoch die antisemitische Autorität gerade LotherS respecrirt wird. Nicht nur, daß seine derben AuS< spräche über die Inden in den „Brennenden fragen" und anderen antisemitischen Zeitungen mit besonderer Vorliebe abgedruckt werden, man hat sich der Mühe nicht verdrießen lassen, ganze Sammlungen solcher Kraftstellen zu veranstalte» und in besonderen Heften zu veröffentlichen. Personen, welche es dem Kaiser Karl V. nicht verzeihen können, daß er dem Rathe Alba's nicht folgen und die Gebeine des„großen Ketzers" nicht vom Henker auf den Scheiterhaufen schleppen lassen wollte, Leute, welche dreimal das Kreuz schlagen, wenn sie der Kämpfe des Wittenberger Augustiners mit Leo X. gedenken, und welche den Schöpfer und Bahnbrecher der neuhochdeutschen Schriftsprache am liebsten im Lethe ertränken möchten, wenn nur auch der Reformator der Vergessenheit anheim gegeben werden könnte, schwören als Antisemiten nicht höher, als auf Luther. Freilich aber nur auf den altgewordcncn und über die Inden verbitterten Luther und nicht auf den Helden von Worms. Luther hatte während, der ersten Jahre seiner reformatorischen Thätigkcit gehofft, die Juden würden ihm schaarcnwcisc zulaufen, und sich zum Evangelium bekehren. Diese Hoffnung blieb nicht nur unerfüllt, sondern er mußte auch persönlich herbe Erfahrungen machen, welche bei der leichten Erregbarkeit feines Temperaments nur zu sehr geeignet waren, ihn gegen die Juden zu verstimmen. Heber die Juden Schamarja und Jakob, mit welchen er über das Ehristenthum disputirt und welchen er Gcleitsbriefc gegeben hatte, wurde ihm hinterbracht, daß sic das Ehnstenthnm nachträglich geschmäht hätten, worüber er in hcftigem Zorn entbrannte und „er will mit keinem Juden mehr zu thun haben." In seinen späteren Lebensjahren regte ihn die Leforgniß auf, daß nicht nur ihm, sondern den Ehristcu überhaupt von den Juden ernste Gefahren drohten. In solcher Gemüthsstimmung faßte er 1543, also drei Jahre vor icinciu Ableben den Entschluß, bit beiden ungemein heftigen Sendschreiben erscheinen zu lassen: „Von den Juden und ihren Lügen" und „vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht rc.". Diese beiden Schriften namentlich werden von den Anttfcmitcu fortwährend citirt, ein Hochgenuß für die „edlen" Leser, wenn dieselben unter Anrufung einer solchen Autorität zum Beispiel erfahren, daß ein Jude „fo voller Abgötterei und Trügcrci steckt, als zehn Kühe Haare haben", und daß Luther nahe daran ist, auch an die Vergiftung der Brunnen und das Schlachten der Ehrisienkinder zu glauben.

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