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Der Israelit · 1887-10-24 · Heft 82 (24.10.1887) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 82 (24.10.1887)
Date
1887-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sinne ist auch der Ausspruch unsrerWcisen zu erkläre« (Bereschith Rabbah (>.29): *$rci Funde hat der Hei. lige, gelobt sei Er, gefunden. Abraham, wie es heißt: Und Tu hast gefunden sein Herz treu vor Dir; David, wie cS heißt: Ich habe gefunden David, meinen 5t necht- Israel, wie cs heißt: Wie Trauben in der Wüste habe Ich Israel gesunden." — Tie Erklärer des Midrasch fragen, wieso der Ausdruck „finden" auf Gott anwendbar sei. Finden heißt et» was erlangen, was entweder verloren war oder was man bisher nicht besessen hat. Beides ist ans Gott nicht anwendbar. Wenn wir jedoch bedenken, daß Gott dein Menschen die Freiheit gegeben, von der ewigen Wahrheit abzuwcichcn, so werden wir erkennen, daß die von der Wahrheit abgewichencn Menschen verloren sind, und daher diejenigen, welche voll und ganz sich der Wahrheit widmen, von Gott gleichsam gefunden werden können. AIS die Menschen sich wiederum vermehrt hatten auf Erden, fielen sie der Luge zu, dem Wahne, dem Götzendienste. Ta stand Abraham auf, zertrümmerte die Götzenbilder, lehrte die wahrhafte Gotteserkeuntniß und suchte das ganze Menschengeschlecht zu dem allmächtigen, einzigen Gotte zuruckzuführcn. Tie von ihm ausgestreute Saat ging aber nur ganz und voll in einem feiner Söhne und in einem feiner Enkel auf; dieser Enkel aber ward der Begründer eines Volkes, welches die Einheit des allmächtigen Gottes zum Pn'uzipe seines Gebens macht; und in diesem Prinzipe erstand der königliche Sänger, der für die Wahrheit kämpfte und litt, wie selten ein Mensch gekämpft und gelitten hat. Wir haben oben gesagt: das Höchste ist die Wahrheit; Andere behaupten, das Höchste sei die Liebe. Tic Liebe ist nichts, wenn ihr nicht die Wahrheit zu Grunde liegt; wenn sie dem Irrthum huldigt, so gereicht sie zum Verderben und nicht zum Heile. Wieder Andere behaupten, das Höchste sei die Sittenreinheit und die Rechtschaffenheit; auch diese Eigenschaften lassen sich nicht sesthalten, wenn sie nickt in den Dienst der Wahrheit gestellt sind. Sehr belehrend ist in dieser Beziehung eine auf den ersten Blick räthsclhaft erscheinende Erzählung unserer Weisen (Bechoroth Sb): Als einst die Weisen von Athen dem Rabbi Iosua bcn Ehananjah allerlei verfängliche Fragen vorlcgten, sprachen sie auch zn ihm: Sage uns Worte der Lüge. Und er sprach: Einst warf ein Manlthier ein Junges, das hatte einen Schuldschein im Betrage von hunderttausend Gulden auf meines Barers Haus um. den Hals hängen. — 5tann denn ein Maulthier gebäre»- fragten die Weisen von Athen. — Das eben sind die Worte der Lüge, antwortete Rabbi Iosua. . Daß diese Erzählung sebr schwerverstäadlich ist, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Wozu wollten die Weisen von Athen von Rabbi Iosua Worte der Lüge vernehmen? Und warum gab er ihnen eine solche Lüge zum Besten? Und weßhalb fragen sie verwundert: Kann denn ein Maulthier gebären? Sie selbst hatten doch Worte der Lüge verlangt. Endlich, warum fragen sie nicht nach der Möglichkeit, daß ein neugeborenes Thier eure» Schuldschein mit zur Welt bringe? Ter Sinn ist der folgende: Ein gelehrter Mann, ein Vertreter des jüdischen Glaubens, ein Bekenner der jüdischen Wahrheit, steht hier den Weifen von Athen» den griechischen Philosophen gegenüber, welche durch eigene Forschung die Wahrheit, das Recht und die Tugend zu erkennen suchen. Alle Philosophen stimmen daria überein, daß He Lüge, insoweit sie der menschlichen Gesellschaft schadet, verabscheuungswürdig sei, daß aber eine unschuldige Lüge, eine irrige Meinung, die dem Anscheine nach Niemandem Schaden bringt, sehr verzeihlich sei. Diese Ansicht wollten die Weisen von Athen von Rabbi Iosua bestätigt haben, als sie von ihm Worte der Lüge verlangten. Er aber erklärte, daß beide Arten von Lügen, die schädlichen und anscheinend unschädlichen, Verabscheuung«- würdig seien. Deßhalb erzählt er ihnen, daß ein Maulthier ein Junges geworfen habe. Da» ist eine anscheinend unschuldige Lüge, da ja alle Welt weiß, daß ein Maulthier nicht gebären kann. Aber die Geschichte mit dem Schuldschein, die ist nicht so unschuldig: da handelt es sich um Mein und Dein, und in Geldsachen hört bekanntlich die Gemüthlichkeit auf. Daher ließen sie die Weisen von Athen als eine zu vermeidende Unwahrheit gelten. Ta« gegen protcstirlen sie gegen die Schädlichkeit der Be» banptung, daß ein Maulthier ein Junges geworfen. Das zu glauben kann ja Niemandem schaden. Rabbi Iosua dagegen hebt mit Nachdruck hervor, daß auch eine solche Luge zu vermeiden sei. Jede Lüge ist verwersilich; denn aus dem Irrthum entsteht die Sünde. Gepriesen sei unser Gott, der uns gesondert hat von den Irrenden und uns gegeben, hat die Lehre der Wahrheit und in uns gepflanzt hat ewiges Leben! —

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