Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 80 (17.10.1887)
- Date
- 1887-10-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1432 böse den ganzen Tag.- Nachdem die Sündfluth vorüber, heißt es (!. B. M., G. 8, 2«. 21.): „Unb der (viotßc sprach zu Seinem .Herzen: Ich. werde nicht fonsahren zu verfluchen fernerdas Erdreich um des Menschen willen, denn der Trieb des Herzens des Mcnschcv ist böse von seiner Äugend an, und Ich werde nicht fonsahren ferner zu schlagen alle? Lebendige, wie Ich gechan habe.- Ton Iizchak Adarbancl, der große Sraatsmann und Brdelcrklärcr, wirft hier die schwerwiegende Frage auf, wie so für zwei entgegengesetzte Tinge ein und derselbe Grund angegeben werden kann. Galt hat die Sündfluth herbeigcsührt, weil der Trieb de? menschlichen HcrzcnS böse, und Gott verspricht, die Sündfiuth nicht wieder zu bringen, weil böse der Trieb de? menschlichen. Herzens.' War dieser Grund hinreichend zur Herbeiführung der Sündfluth, wie kann da derselbe Grund ansreichcn, daß nie wieder eine Sündfluth kommen soll? Wohl ist es einleuchtend, daß Gort daS Menschengeschlecht vernichtete wegen der steten Hinneigung desselben zum Bösen: wenn dieser Grund genügte, einmal die Sundfluid hcrbeizuführen, so hätte er auch stets wieder, bei gleicher Bosheit und Schlechriakcir des Menschengeschlechts, die Leruichtnug desselben veranlassen sollen. Wie aber kann derselbe Grund für das gerade Gcgcntheil angegeben werden, wie ist es zu verstehen, dast Gott drstwegrn nicht wieder das gesammtc .Menschengeschlecht vertilgen will, weil böse der Trieb des menschlichen Herzen ist? So schwerwiegend die Frage des großen Gelehrten ist, so wenig befriedigend erscheint die von ihm crthrittc Antwort, welche darlegcn will, dast durch das Gebet und das Lpfcr Noachs ein solcher Umschwung in den Beschlüssen des Allweisen her» vorgcbrachr worden sei. Wir wollen daher versuchen, die Sache in anderer Weise zu erklären. „Und Gott sprach zu Noach: dos Ende alles Fleisches ist gcfonnncu vor Mich, beim voll ist die Erde von Gcwaltthat vor ihnen, und siche. Ich will sie vertilgen nutsammt der Erde <1. B. M., (5. 7, B. 13) psn rx err-rs »ara. Tie Worte pxn nx bcdcnlen nach den Targumim und nach derzweiten ErklärungRaschi's „milsarnntt der Erde." Auch der Humus, die eigentlich fruchtbare Ldcrfiäche des Erdbodens, wurde durch die Fluth verdorben und verringert. Unsere Weilen erklären diese Thatsache (in Midrasch Rabbah zur Stelle) durch ein Glerchniß: Wenn ein Säugling unwohl wird, so must die Amme Dirdicamenle zu sich nehmen; denn das Unwohlsein des Säuglings entspringt aus der schlechten Eonstirution der Amme, deren Milch, die vielleicht zu scharf, za kräftig oder zu fett ist, der Säugling nicht vertragen kann. Letzhalb wurde die Erde verdorben, weil sie die Derdcrbniß ihrer Bewohner durch allzngute und allzurcickliche Nahrung milverschuldet hatte. Sa lehre» auch unsere Weisen (Sanhedrin 103»), dast die Sittenverderbniß jenes Zeitalters meistens die Folge eine» übergroßen, niegetrübten GlücksznstandeS gewesen. Tie damals lebenden Menschen kannte» weder Krankheit noch Schwäche, erreichten ein außerordentlich hohe? Alter, und die Iugendkraft blieb ihnen erhalten bis an das Ende ihrer Tage. Sie erschauten Kinder, Enkel und Urenkel, die in gleicher Schöne heranrouchscn. Sie wohnten in Friede und Sicherheit, und kein Strafgericht Gottes kam über sie. Immer zahlreicher wurden ihre Heerde», und der Erdboden brachte ihnen die köstlichsten Früchte in großer Menge. Cie erfreuten sich mit Tanz und Spiel bei Pauken-, Harfen- und Flötenklang. Sie verbrachten in freudvoller Heiterkeit ihr langes Leben, und wenn nach Jahrhunderten der Tod. ihnen nähere, da fuhren sie schmerzlos in. die" Grube. So verbrachten die Geschlechter vor der Fluch ein freudvolles, glückerfülltcs Leben ohne Schmerz, ohne Krankheit, ohne Ärmnth. Niemand starb in jungen Jahren, seine Waisen hilflos znrücklaffcnd, Nicnrand crlchte den Kummer, eines feiner Kinder dahinsterbcn zu sehen. Allein dieser ungetrübte Giüelsznstand wurde dem Geschlecht, das später durch die Sündfluth hinweggcrafst werden mußte, zum Verderben. „Sie sprächen zu Gon: Weiche von uns, und die Erkeuntnist Deiner Wege verlangen wir nicht. Wer ist Gottt, dast wir ihm dienen, und was nützt es uns, wenn wir ihn anderen?* (Ijob E. 21, V. 13 und 14). Tie Fülle ihrer Kraft und ihres Wohlbefindens erfüllte sie mit Ilebcrmuthe und in ihrem Ilebcrmuthe verübten sie die größten Schandthatcn, verfielen in widernatürliche Laster und rhatcn das Böse nm des Böse» willen. 9ttcht allein, daß der Trieb rum Böse», der um der Freihett willen in die Herzen der Menschen gelegt ist worden, sie zur Sünde verleitete, auch die ungemeine Fruchtbarkeit der Erde, deren Ertrag ihnen unzerstörbare Kraft und nicht zn vernichtende Gesundheit verlieh, erfüllte sie mtt einem Ilebcrmuthe, dem nichts mehr heilig war. Da reihte sich Verbrechen an Verbrechen, und voll ward die Erde von Gcwaltthat. Eine Besserung diese- Geschlechtes war nicht zu erwarten, da die Beschagenheit der Erde die Hanptursache der Derderbmtz war. Gott beschloß deshalb, das Menschengeschlecht zn vernichten, ade.' auch zugleich die Haupturfache da Verderbnist, die zn große Fruchtbarkeit de- Erdbodens zu verringern. r i