Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-10-13 · Heft 78-79 (13.10.1887) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 78-79 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449773--27291-2517160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1403 Lebenswandel die Welt vor dem hcreinbrcchcndcn Verderben hätte schützen können; cs gibr demnach der in Rede stehende Vers den Grund fiir den vorhergehenden an, und wir müßten die beiden Verse folgendermaßen übersetzen und erklären: „Und cs verschied alles Fleisch, das sich regte aus Erden, an Vögeln und au Bich und an ollen Ztricchrhicrcn, die aus der Erde kriechen und alle Menschen: denn alle diejenigen, in denen die Seele dcS lebendigen Geistes waltete, das heißt, die durch Frömmigkeit und Tugend sich auSzcichncrcn, waren schon gestorben, so dasi die noch Lebenden durch die Verdienste Jener von dem Verderben nicht errettet tverden konnten.* — Es beruht diese Erklärung aus dem grammatischen Grundsätze, das; in der hebräischen Sprache das Impcrfcctum auch an Stelle des Plusauamperfcctums gebraucht wird. Taß diese Erklärung des Sohar eine sehr schöne und ansprechende ist, bcdars nicht erst der Erwähnung. Nichtsdestoweniger wollen wir' versuchen, die Frage des Rabbi Ichndah meiner Werke zu beantworten, welche dein Wortlaute der heiligen Schrift mehr entspricht. Als der allmächtige Gort die Welt und alle die darin bcsindlichen Tinge, die größten und die kleinsten, werden liest, har Er sie alle in ihrer Vollendung und Vollkommenheit erschauen. Tie großen Himmelskörper, die Tdicre, die Pflanzen, die Mineralien sind heute noch so, wie sie zur Zeit der Schöpfung waren. Der den Thicrcn kommen wohl im Lause der Geschlechter Tegencrarionen vor; allein die Einzelwesen finden sich imrner wieder mit den Arten zusammen. .deinem Wesen ist cö gegeben, sich selbst zu vervollkommne». Tic große, schöne, herrliche Sonne kann nicht zunchmen an Licht und Wärme; sie leuchtet und wärmt, wie sie vor Jahrtausenden geleuchtet und gewärmt har und wird in demselben Znstunde verharren, solange diese Welt besteht. Tic organischen Wesen wechseln wohl; aber die Geschlechter folgen einander und bleiben sich stets gleich. Ter Löwe gehl auf Rand ans in derselben Weise, wie cs seine Ahnen von jeher gcthan, und die Schwalbe baut ihr Rest noch genau so wie ihre Voreltern cs in uralten Zerren gebaut haben. Nur der Mensch macht eine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel: ihm hat Gott die unsterbliche Seele cingekancht. nicht etwa damit ne ihm als ei» Hauch, als ein gleichsam an der Oberfläche Stehendes verbleibe, __ sondern damit er sie in sich ansncbme, sie gleichsam verarbeite, sie vervollkommne. Tcshalb hat Gorr auch den Trieb znnk Löst» irr der Menscher: Herz gelegt, damit im ewigen Ztampfe gegen das Böse die menschliche 1 Seele durch immerwährende Arbeit sich kräftige und erstarke. Wer eS unterläßt, den Slampf gegen dar Löse anszimchmcn, wer den bösen Trieb, ohne ihn zu bekämpfen, überhandnehmeu läßt» wer den göttlichen Funken der ihm ckngchauchtcn Seele nicht zur wärmenden und leuchtenden Flamme anfacht, wem die Seele lediglich rsxs, etwas nur Oberflächliches bkeibt, der bat den Zweck feines Lebens verfehlt, der verdient nicht zu leben. So sagt auch der Prophet Icsaias (E. 2, V. 22): jo csy vm xvi zcr.i rca v rxa nsrj "rx ctxti. »Sondert euch ab von dem Menschen, dem die Seele in seiner Nase ist, denn er ist ja für nichts geachtet." Ta ist er deutlich ausgesprochen, dast der» welchem die Seele ctwaSObcrflächlicher geblieben, keinen Anspruch ans Achtung zu machen har, daß er nichts ist und nichts gilt. — In diesem Sinne können wir auch den Vers erklären, der sich auf all die Menschen bezieht, welche durch die Sündflurh hinweggeraffr wurden. Gort Kalte ihnen verliehen L vi r?ri rcrs die Seele des lebendigen Geistes, aber sie war Jedem von ihnen rssc, gleichsam nur in der Nase geblieben; sie Hanen sie nicht in ihr Inneres ausgenommen, nicht verarbeitet, nicht im Kampfe gegen den bösen Trieb geübt, nicht vervollkommnet, und dcsthalb mußten sie sterben, weil sie den Zweck ihres Lebens verfehlt Hanen.. '' Nachdem wir dieses erörtert, werden wir auch den Ausspruch unsrer Weisen im Jeruschalmi verstehen. nrr:2 x:£ vr.y^ *cx nrrsa nr: rerrni C23 vm -rvm .wrvi In dieser Welt haben wir die Aufgabe, die uns ein gehauchte Seele in uns anfznnchme», sie im Ztampfe gegen das Löse zu kräftigen, zu stärken und so zu vervollkommnen. Wenn aber die Zeit hcrankommen wird, da der allgünge Gott die Todten wicderbelebt, da heißt es (Icchcskcl E. 37. V. 13—14). „Und ihr sollt erkennen, daß Ich der Ewige bin, da ich öffne eure Gräber, und da Ich hcrauffübre euch ans euren Gräbern. Mein Volk. Und Ich werde geben Meinen Geist in euch, und ihr werdet leben, das heißt ewig leben." — Von jenem Zeitpunkte an wird cS einen Trieb zum Bösen nicht mehr geben und die Seele der Vervollkommnung nicht mehr bedürfen. Tann werden wir sei» wie die Engel, kn denen der Geist Gottes waltet, und die Seele wird nicht mehr eine blos uns eingehauchte, sondern eine uaS vollständig gegebene fein. Tahcr soll daS höchste Streben des Menschen darin bestehen, die ihm von Gott eingehauchte Seele zu seinem vollständigen Eigcnthnme zu gestalten»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.