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Der Israelit · 1887-10-02 · Heft 76-77 (2.10.1887) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 76-77 (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1388 Hierauf Aaron, nach einigem Besinnen: »Die Nature »DaS ist richtig; aber die Wunder der Natur werden uns dadurch, daß wir sie tagtäglich vor Augen haben und sehen, in der Regel etwas fo Gewohntes und darum Gewöhnliches, daß die größte Zahl der Menschen gleichgillig gegen dieselben wird und sie unbeachtet läßt, von denselben daher nur bei ganz außerordentlichen Naturereignissen an Gott erinnert wird. Tie vielen Zerstreuungen des LebenS tragen dazu auch das ihrige bei. ES gibt aber doch wohl noch etwas, was auch äußerlich die Gedanken zu Gott lenkt und das Denken an Gott täglich zu erneuern und zu kräftigen im Stande ist?" Aaron dachte ein wenig nach, stutzte dann plötzlich und rief: »Ah, das Gebet!" „Ja wohl," sagte Therese, „jetzt hast Du daS Nichtige getroffen! DaS Gebet, namentlich daS an bestimmte Tagesstunden und äußere Veranlassungen gebundene Gebet; cs muß zwar aus dem Innern, dem Herzen, hcrvorgchen, ist aber dadurch, daß cs an bestimmte Stunden, Ereignisse und Deranlassuugcn geknüpft ist, doch auch zugleich etwas AcußcrcS und geeignet, den Gedanken an Gott in uns rege zu erhalten. Und wenn wir durch daS Gebet so täglich veranlaßt werden, an Gott zu denken, was wird dadurch immer mehr in uns gestärkt und gefördert werden?" „Die Liebe zu Gott!" „Wenn wir Gott recht lieben, was werden wir unS da zu thnn bestreben?" „Das, was Gott wohlgcfällt und Er von uns fordert?" »Was fordert denn Gott von unS?" »Wir sollen brav und gut, das heißt fromm fein und Seine Gebote befolgen." »Wodurch werden wir also eigentlich erst recht brav und gut, und können es bleiben?" »Durch das Gebet." »Hat Gott also das Gebet nöthig?" »Nein, wir haben es nöthig." »Jetzt weißt Tu, weshalb wir beten müssen. Das ist übrigens nur ein Grund; es gibt deren noch mehrere, die wir in der nächsten Ncligionsstunde besprechen wollen." Meier Rüben und seine Frau waren bei dieser Unterredung anwesend und waren derselben mit großer Aufmerksamkeit und großem Vergnügen gefolgt. Auch die übrigen Kinder Rubeu'S, die ebenfalls anwesend waren, hatten aufmerksam zugedört. Als Therese sich auf einige Augenblicke entfernt hatte, sagte Meier Rüben zu seiner Frau: »Das heißt mir auch ein Unterricht! Da lernen vir Alte» noch mit! Das Mädchen ist nicht mjt Geld zu be- ) zahlen!" j IX. \ »Da lernen wir Alte noch mit!" hatte Meier f Rüben zu seiner Frau in Bezug auf de» Unterricht l Theresen'S gesagt. Und so war eS iu der That! | Es war im Ruben'fchen Haufe feit dem Eintritte f Thercfen's in dasselbe nach und nach ei» anderer - Umgangston herrschend geworden. Zwar war die Einwirkung derselben nicht im Stande gewesen, im Eharakter ihres Oheims eine vollständige Umwandlung herbeizuführcn; aber feine frühere Schroffheit und Härte, die nicht, wie diese» zuweilen auch der Fall ist, etwa nur die täuschende Hülle einer im Innern wohnenden wohlwollenden Gesinnung war, sondern aus wirklicher innerer Lieblosigkeit entstand» -f hatte doch einige Milderung erfahren. Es war, f wie wenn ein warmer Frühlingsodcm über eine | dicke Eisdecke hinweggcht und diese zwar nicht! völlig zu schmelzen vermag, aber doch einen Thei! | ihrer Oberfläche zum Zerrinnen bringt. Meier | Rüben war leutseliger geworden im gewöhnlichen l Umgänge sowohl, als auch im geschäftlichen Lcrf kehre. Er hatte manche frühere Härte seines Wef sens abgelegt. Ter Wellenschlag seines Herzen?, r da» früher nur selten von einer Wohlthätigkcitsr regung bewegt wurde, zeigte sich der Wirkung einer | solchen nicht mehr fo unzugänglich. Hatte ja die x erste wirklich großmnthrge Wohlrhätigkcitshandlung I feines Lebens, die freiwillige Ucbernahme der stan- | desgemäßen Unterhaltung seiner verwaisten Nichte sich so nutzbringend für sein Haus und so wonncbercitcud für sein Herz erwiesen! Das ist der Segen einer guten That, daß sie den Herzcnsbodea zu neuen Gutthatcn befruchtet. Therese war nach Vollendung ihrer Semiuarstudien nun bereits zwei Jahre als Lehrerin und Erzieherin der Kinder im Hause ihres Oheims. Ihre Stellung in demselben gab ihr so wenig Ursache zur Unzufriedenheit, daß sie nicht den Wunsch nach Veränderung ihrer Lage hegte. Sie fühlte sich vielmehr durch die ihr zu Thcil gewordene Behandlung und durch den freien Spielraum, der ihrem Wirken überlassen wurde, fcyr beglückt und war von innigstem Dankgesühle gegen ihren Oheim und seine Frau erfüllt. Sie hatte schon vor längerer Zeit ihre Tante gebeten, ihr zu erlauben, sich in ihren freien Stunden an den Haushaltungsarbeiten, namentlich in der Küche, bctheiligen zu dürfen, da' mit sie diesem eigentlichen und darum wichtigsten Arbcitsselde deS weiblichen Geschlechtes nicht allzu-

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