Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 76-77 (2.10.1887)
- Date
- 1887-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1387 »Za, das gehört ja zur göttlichen Allwissenheit und wird darunter mitverstanden." »Tann kennt Er aber doch auch alle unsere Bedürfnisse und alle unsere Wünsche schon im Voraus, ehe wir sie selbst noch kennen." »Auch das ist richtig!" sagte Therese. »Aber, was willst Tu damit?" »Wozu braucht da Gott unsere Gebete?" antwortete Aaron. »Er weist ja im Voraus, was wir wünsche» und was wir bedürfen! Wir brauche» daher gar nicht zu beten!"' Therese sah den kleinen Grübler eine kleine Weile Letrossen au, dann sagte sie mit feinem Lächeln: »Was.sagtest Tu doch unlängst noch zuletzt zu Deinem Freunde Ludwig, als er, weil er in die polytechnische Schule iu F. eintrctcn sollte, zu Dir gekommen war, um Abschied von Dir zu nehmen?" »Ich sagte zu ihm, er solle mir zuweilen schreiben!* »Das meine ich nicht. Du sagtest dann noch etwas zu ihm." »Ich setzte noch hinzu, er solle oft an mich denken, ich werde auch oft an ihn denken." »Aus welchem Grunde sagtest Tu ihm das?" »Weil wir Freunde sind. Wir haben einander lieb." »Ich finde das gar nicht für nörhig, wenn man sich einander lieb hat. Was hast Tu davon, wenn er oft an Dich, und was hat er davon, wenn Du oft an ihn denkst?" ,.O ja, das ist sehr nörhig, sonst verliert sich ja die Liebe nach und nach, bis endlich gar nichts mehr von derselben übrig bleibt." „Hm, Tu kannst doch recht haben," sagte Therese lächelnd. „Wir wollen diesen Gedanken einmal fcühaltcn!" »FLodurch kann es kommen und kommt cs oft," fuhr Therese fort, „dast man an Jemand, den man wirklich lieb hat, gar nicht mehr denkt und dadurch endlich aufhört, ihn recht lieb zu haben?" „Wenn mau ihn nicht mehr sicht und dann zuviel an andere Dinge und Personen denkt." „Mau kann das auch anders ausdrücken, wenn man sagt, die vielen Ereignisse und Beziehungen des Lebens, welche unsere Gedanken auf sich ziehen und in Beschlag nehmen, geben den Gedanken eine andere Richtung, die Gedanken werden nach verschiedenen. Seiten hin zerstreut. Man nennt das öie Zerstreuungen des Lebens. Nun laß uns einmal weiter gehen! Wenn Tu an Teinen Freund denkst, ist damit eine gewisse Vorstellung verbunden, welche Dir das Denken an ihn erleichtert und dasselbe festhält?" „Ja, ich stelle mir seine Person vor, wie er aussicht." „Wenn Du aber Jemand liebtest, den Du nicht persönlich kennst, den Du noch nie gesehen hast?" »Tann müßte ich mir, um lebhaft an ihn denken zu können, seine Person unter einer beliebigen Gestalt vorstcllen." »Tas heißt. Tu müßtest Dir ein Phantasiebild von ihm machen. Wenn Dir aber auch das nicht möglich wäre?" Aaron dachte ein wenig nach, dann sagte er: »Tann würde ich höchstens noch an ihn denken, wenn mich gerade etwas Acußcres an ihn erinnert, außer diesem, glaube ich gar nicht." »Run noch Eins : Wenn wir wirklich Jemand lieben, was bestreben wir uns da, zu thun?" »Wir bestreben uns dann, Alles das zu thun, wovon wir wissen, daß cs ihm Freude macht, daß er cs so wünscht und will und wir thun das gern, wenn cs in unseren Kräften steht, es thun zu können." „So, jetzt wollen wir nun an die Beantwortung Deiner Frage gehen. Sollen wir denn Gott auch lieben?" „Ja wohl. Er sorgt ja für uns. und Alle?, was wir sind und haben, ist ja von Ihm/" „Wenn wir Gott also stets lieben wollen, was müssen wir da auch oft thun, um das zu können?" „Wir müpen oft an Gott denken, sonst vertiert stch nach und nach die Liebe zu Ihm." »Was sagtest Tu vorhin, welche Vorstellung das Tcnkcn an Jemand hcrvorruft oder doch leichter möglich macht?"" »Wenn wir uns Jemanden persönlich vorstellen." »»rönnen und dürfen wir uns von Gott eine persönliche Vorstellung macken?" »Rein; Gott ist das höchste und vollkommenste geistige Wesen, das mit sinnlichen Augen nicht wahrgeuonlnien werden kann; wir dürfen uns von Ihm keine persönliche Vorstellung machen. Ihn uns unter keinem Phantasicbildc denken." »Was sagtest Tu vorhin ferner, was in solchem Falle nörhig und geeignet wäre, uns doch zum Tcnkcn an Jemand zu veranlassen?" »Es müßte uns etwas Aeußeres zum Denken au Gott veranlassen." »Was könnte wohl das Acußcre sein, daS uns zum Tcnkcn an Gott zu veranlassen im Stande wäre?"