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Der Israelit · 1887-10-02 · Heft 76-77 (2.10.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 76-77 (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1389 :: l sehr entfremdet werde. Frau Rüben bewilligte ihr diesen verständigen Wunsch sehr gern. Und so sehen wir sie fast jeden Tag emsig im Hause wirth- Masten und schaffen in Stube und Küche, im Keller und auf den Böden. Das bot ihr außer der Besähigkeitserwerbung für den Haushalt auch noch eine wohlthätige Abwechselung der Beschäftigung und bewahrte sie vor Einseitigkeit. Frau Rüben freute sich dieser Thätigkeit Theresen'S bald um so mehr, als diese ihr nach kurzer Zeit schon auch nach dieser Richtung eine, bei der Schwächlichkeit ihres körperlichen Zustandes, sehr willkommene Erleichterung gewährte. Ihr körperliches Leiden war Ln der That in sehr bedaueruSwerther Zunahme begriffen, so daß die sonst so überaus fleißige Frau sich nach Verlauf einiger Jahre aller Thätigkeit enthalten mußte und endlich ganz bettlägerig wurde. Therese brachte es durch verständige Eintheilung fenig, die freiwillig übernommene Ueberwachung und Leitung des Haushaltes nebst der Pflege der Kranke» mit den Pflichten gegen ihre Zöglinge in Einklang zu bnngen, so daß beiden Obliegenheiten rollständig Genüge geschah. Sie leistete dadurch rin reichliches Entgelt für die Wohlthaten, welche ihr Oheim und seine Frau ihr hatten zu Theil werden lauen, erntete dafür aber auch verdoppelte Werthschäpung nnd Liebe seitens derselben. Ter Krankhcitszustand der Frau Rüben nahm einen schlimmen Verlauf, so daß es nach einiger Zrit einem Jeden ihrer Umgebung klar wurde, daß ne ihrer Auflösung eutgegcngehe. Die Kranke selbst erkannte das nicht minder. Ter Mensch ist aber mit lausend Fäden der Liebe und der Gewohnheit an dieses Erdendafcin gcfcffclt, so daß der Gedanke des nahe bevorstehenden SchcidenmüfsenS auS demselben keine menschliche Seele ohne Schrecken und ohne Bangigkeit läßt, auch die des in den elendesten Verhältnissen. lebenden Menschen nicht! Und nun erst eine Gattin und Mutter, die, ln glücklichen LcbenSverhältniffcn und in fast noch jugendlichem Lebensalter, die Gewißheit empfindet, daß ihr mir noch wenige Tage oder Stunde» hienieden gegönnt sein werden! Bei aller scheinbaren Ruhe und Fassung, mit welcher Frau Rübe» ihrem Ende entgegensah, füllten sich doch ihre Augen mit Thräncn, sso oft ihr Gatte oder eines ihrer Kinder in das Krankenzimmer kam; ein sichtbarer Freudenftrahl blitzte aber in ihren Augen auf, wenn Therese an ihr Bett trat. Sie faßte dann deren Hand und drückte sie mit liebevollem Aufblicke zu ihr. Sie hielt die Hand des Mädchens immer lange fest und wollte Therese nicht von ihrer Seite lassen, obgleich sie wußte, daß dieselbe im Hause und in der Kinderstube Pflichten zu erfüllen hatte. ES kostete stet- Mühe, bis Therese wieder loskam. Es zeigte sich dann jedesmal, wenn Therese sich zum Gehen wenden wollte, in den Mienen und Blickeu der Frau Rübe» eine so auffallende Unruhe und Aengstlichkeit, die Theresen ganz räthselhast, well unerklärlich, erschien und ihr Bangigkeit verursachte. DSs Räthselhaste sollte indessen bald seine Lösung finden! Wieder war Therese in daS Krankenzimmer und an daS Lager der Kranken getreten. Wieder blitzte eS in deren Augen freudig auf. Sie faßte die Hand Theresens und drückte einen Kuß auf dieselbe. Therese wollte darauf ihre Hand saust zurückziehen, was ihr aber nicht gelang. Da machte sich wieder Unruhe und eine ängstliche Unschlüssigkeit tu de» Blicken und den Mienen der Kranken bemerklich, wenn sie zu Therese aufsah. Dieser wurde es unheimlich zu Muthe und sie machte einen erneute» Versuch, ihre Hand zu befreien, aber vergeblich. Tie Kranke hielt dieselbe fest und sagte mit zitternder Stimme: „Bleibe, liebe Therese! Ich habe Dir etwas zu sagen. Sind wir allein?" „Ja, liebe Tante! wir sind allein. WaS willst Du nur sagen?" antwortete Therese. „Ich habe nicht mehr lange zu leben", sagte die Kranke seufzend. „Zunächst danke ich Dir für das, was Du au mir und an meinen Kindern gethan hast, liebe Therese! Ich kann Dir nur noch mit Worten danken; aber ich hoffe, mein Mann wird sich Dir erkenntlich zeigen; denn er schätzt Dich hoch. Auch Gott wird Dir'S nicht unbelohnt lassen." ,Zch thue ja nur meine Schuldigkeit, antwortete Therese weinend. „Du wirst mit Gotte- Hilfe auch wieder gesund werden, liebe Tante!" Frau Rüben schüttelte mit dem Kopfe. „Nein", sagte sie. „Ich habe nur noch kurze Zeit zu leben, ich fühle das. Ich habe eine Bitte an Dich, liebe Therese! Versprich mir, sie zu erfüllen, dann kann ich ruhig sterben; Willst Du das thuu?" ,Lch weiß ja nicht, um was eS sich handelt, liebe Tante! Ich bin Dir doch bis jetzt immer folgsam gewesen. Sage mir, was Tu von mir wünschest!" ,.Ia, Du warst immer gut und brav, und darum eben wünsche ich das. Meine Kinder hänge» so sehr an Dir und sind bei Dir in so guten Händen! Auch mein Mann ist Dir sehr gut und hält, große Stücke auf Dich. Er ist ein braver Mann, wir haben sehr glücttich zusammen gelebt, daS weißt Du ja auch. Ich weiß, er wird nach meinem Tode wieder heirathen; eS geht gar nicht anders! Er hat ein großes Geschäft, hat immer viele Leute im Ge-

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