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Der Israelit · 1887-10-02 · Heft 76-77 (2.10.1887) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 76-77 (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1385 (Vorstand mib Rabbiner schreiben Chol Nidre) ab ge sch afft. Statt dessen wurde ein deutsches Lied abgesungen, das nicht im Entferntesten mit dem Kol Nidre im Zusammenhänge steht, dagegen sich durch holperige Verse und komische Ausdrucksweise auszeichnet. Die Andacht wird sicherlich nicht gehoben, wen» der Vorsänger anhebt zu singen: »Herr Gott, fiefj" . oder wenn der Chor fingt: (Gott) »naht sich auszusöhnen!!!" Wenn der Borbeter singt: »Horch, wer weint? cs weinen gekränkte Freunde;" so ist das ein ganz falsches Bild. Selbst, wenn die gekränkten Freunde weinen würden (um mit dem Dichter des Struwwelpeter zu reden) »daß ihre Thronen fließen, wic'S Bächlein auf der Wiesen," so würde man das wohl sehen, aber nicht erhorchen können. Außerdem wurden noch drei deutsche Lieder abgcsungen und um die Mittagszeit eine längere Pause beliebt, wahrscheinlich aus weiser Fürsorge, damit diejenigen Herren und Damen, welche zu Mittag effcn wollen, kein Stückchen Piut versäumen. Tic Geschichte der jüugslycrfloffcncn Jahrzehnte bat gelehrt, daß derartige Reformen nur den Anfang zu bilden pflegen. Der deutsche Gesang heischt bald die Einführung der Orgel, damit diese mit ihren mächtigen Tönen den Mißlaut und die Disharnwnie verdecke. Aber auch dieses Instrument verliert bald den 3iciz der Neuheit, und man muß auf andere Mittel sinnen, um die Andächtigen hcrbeizuziehcn und zu — unterhalten. So wird uns berichtet, daß in einer Reformsynagogc. die wir nicht näher bezeichnen' wollen ]. am verflossenen Ncujahrsscste die Schöpfung von Haydn „aufgcsührt" wurde; in andern Ncformsynagogcn werden Lpernsängcrinncn oder andere Damen veranlaßt, in Ballwilettc vor die heilige Lade zu treten und die Soli zu singen. DaS andächtige Publikum benimmt sich dabei wie im Conccrtsaale oder wie im Opernhause. Tie Herren begeben sich in die Fraueusynagoge, um den verehrten Damen Blumensträuße zu überreichen. x-nrcM c^s 'tt rrrn „Ist das ein Fasttag, wie er Mir wohlgefällig sein wird?" Tie 10« Bamberger Gcmeindemitgliedcr, welche gegen die oben erwähnten sogenannten Reformen protcstirt haben, dürfen es bei dem Proteste nicht bewenden lassen; sie müsse» vielmehr mit allem Eifer sich bemühen, sich und ihren Kindern das echte, unverfälschte und unverkürzte Judenthuur zu erhalten. Voraussichtlich sieben ihnen große Kämpfe bevor, namentlich bei der Nabbincrwahl, die wohl nächstens statthabcu wird. Wir rufen ihnen zu: *ph« *i *3prrsso 'säum hw ucrn bursac pn •PT ,pj? ^rrsn irn „Seid stark und fest, fürchtet euch nicht und zaget nicht vor ihnen; denn der Ewige, dem Gott, Er ist es, der mit dir geht. Er wird dich nicht schwach werden lassen und dich nicht verlassen!- (5. B. M., C, 3t, B. S). Es ist auffallend, daß im Anfänge des VerseS zur Mehrzahl gesprochen wird, während der Schluß des Verses sich au de« Einzelnen wendet. Wohlbedacht sind diese Formen so gewählt. Die große Menge beginnt schon bei dem geringsten Mißerfolge den Muth z« verlieren, zu fürchten und zu verzagen. Da bedürfen die Führer der besonderen Kräftigung und Unterstützung, damit sie nicht Nachlassen und sich nicht vereinsamt fühlen. Deßhalb ruft Gott der großen Menge zu: Seid stark und fest, fürchtet und zaget nicht. Jedem der Führer aber gibt Gott die Versicherung, daß Er ihn nicht schwach werden lassen und nicht verlassen wird. Auch in Bamberg gibt cs echtjüdische Männer. Sie mögen an die Spitze der Gesinnungsgenossen treten, für die gute Sache kämpfen und fest auf Gott vertrauen, der sie zum Siege führen wird. München, 28. Scpt. Bei dem Schöffengericht kam heute der Fall vor, daß einer der Vorgcladencn, ein Israelit, die Ableistung des EidcS verweigerte im Hinblick auf den heutigen großen Festtag der Israeliten. Das Gericht erkannte die Weigerung für berechtigt an und vertagte die betrefsende Verhandlung. Rumänien. Bukarest. Am 4. September wurde dahier von der Alliance Anti-Jsraelite ein outisemitischcr Congreß abgehalten. Die Versammlung fand in der Halle des rumänischen Athenäums statt, welche der Alliance von der Negierung zur Verfügung gestellt worden war. Ter Cougrcß tagte iu geheimen Sitzungen, nur Mitglieder hatten Zulaß. Ein rumänisches Blatt berichtete jedoch, daß beschlossen worden, an die Negierung eine Petition zu richten, nach welcher den Juden die Führung eines Handels- oder industriellen Geschäftes, die Pachtung von StaatSodcr privaten Domänen verboten werden und eS denselben nicht erlaubt sein solle, vor dem 25. Jahre zu heiratheu. - « Daß die Negierung diesem autisemitischeu Cougrrfiv ihrmoralische Unterstützung gewährt hat, erhellt schon auS dem Umstande, daß die Sitzung« desselben in einem dem Staate angchörigen Gebäude abgchaltcn wurden. Nach Beendigung der ersten Sitzung wurden mehrere Juden in eurem öffentlichen Gatten ernstlich mißhandelt.

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