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Der Israelit · 1887-09-08 · Heft 70 (8.9.1887) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 70 (8.9.1887)
Date
1887-09-08
Page
– (sequence 22)
Language
German
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7- 7 1292 r . i Hauser jcuer Zeit sahen anders aus. Icue halten nicht das Aussehen wie Paläste, waren im Inner» nicht kostbar mit Gold dekorirt wie unsere heutigen Synagogen, die Kchrhäuser befriedigte« nicht alle Anforderungen der Hygiene, und doch wurde in den Synagogen mehr gebetet, in den tkchrliänscrn mehr gelernt als heute. Tie hebräische Sprache blieb dem Kinde kein (Geheimnis;, der Gottesdienst war ihm nicht fremd. Wenn es den Vater am Versühnuugstage sich an die Brust klopfen und weinend das Lttttdenbekenntttin beten sah, so erschien ihm dies nicht lächerlich, sondern die Thräne, die von des Vaters gefurchter Wange floss, traf das Herz des Kindes und ihm dämmerte eine Ahnung von dem, was wir Menschen im Vergleiche zum Allvater sind. Tas Streben nach dem Edlen, der Abscheu vor allem Gemeinen und Niedrigen zeigte sich schon in frühester Jugend, und wie das Kind angclciter wurde, die religiösen Pflichten treu und gewissenhaft zu erfüllen, religiös und Gottergeben zu leben, so wurde jede edle Regung in ihm gefördert, jeder unedle Trieb von vornherein unterdrückt. Israel musste sich auSzeichnen: Neid, Hass, Missgunst, Bosheit waren seltene ('Jäftc bei unseren Vätern, unbekannte Tinge bei deren Binder». Ta kam die neue Zeit mit ihren mcnschcnbeglückcnden Ideen und Tendenzen. Ta wurden die Brenschenrechtc proflvuuirt und Toleranzcdikte erlassen. Auch dem Juden sollte sein Recht werden, auch er sollte Mensch sein, sich seines Gebens und seiner Freiheit erfreuen. Wie athmctc der geknechtete Jude ans! 21>ie schüchtern genoss er die Vonheile, die Rechte, welche das Zeitalter der Aufklärung ihm bol! Tie Schranken, die ihn seither von der übrigen Welt abgeschlossen hielten, tvarcn plötzlich gefallen und das ^icht der Freiheit strahlte blendend in die noch an die Tämmcrung der Abgeschlossenheit gewöhnten Augni. Verwundert blickte er um sich, es gab noch eine Welt ausser der feinigen, eine Welt, die er noch gar nicht kannte, eine Welt, die keine Entsagung kannte, kur; — eine Welt der Freiheit: Aber ach, wo viel Freiheit, da viel Irrthum — sicher ist der schmale Weg der Psticht. Und mit der Freiheit schlich sich der Irrrhum an allen Enden und Ecken ein und mir dein Irrrhum kamen die Zwelsel und mir den Zweifeln das Unrecht. Wo ist die Hingebung für das Edle in unserenl Bolle gebliebenV Von dem grossen grossen Volke ist sic geflohen. bei wenig Erwählten ist sie noch zu finden. Der Egoismus, der Materialismus, der Neid, die Verschwendung und Anmassnng haben ihren Einzug in das Herz unserer Generation gehalten und alle jene Laster, die sich den Mauern des Ghettos nicht zu nahen wagten, treten ungehindert in die geöffneten Pforten der Häuser. Tr ist kein Wächter, der sie zurückweist, kein Warucr, der seine Stimme erschallen lässt. Tas Schöne, Edle und Gute lässt sich verdrängen durch das Hässliche, Böse, Gemeine. Man erzieht die Kinder nicht mehr in und für Gott, sondern in der Welt und für dieselbe. Synagoge, Gebet- und ^chrhaus sind keine Trost und keine Zuflucht mehr, sondern es sind Orte, die man von Zeit zu Zeit besuchen muss, obschon man sich, da man den Gottesdienst nicht kennt, die herrlichen Gebete nicht versteht, daselbst langweilt. Ter Vater schlägt sich am Versöhnungstage nicht weinend an die Brust, seine Sünden bekennend — das erscheint ihm lächerlich und anstatt von Gott Vergebung zu erflehen, unterhält er sich lieber mit seinen Nachbarn über gleichgültige, profane Tinge. Tic Synagoge ist dem Kinde fremd, da cs dieselbe selten besucht, die Gebetsordnung fremd, das Gebet unverständlich. So wächst das Kind der Jetztzeit heran, kein höheres Ziel kennend, als das. sich mit Kenntnissen auszurüsten, die es cinstmal für die Berufsarbeit uölhig hat. Tie Hingebung für das Edle ist ein Resultat, welches unsere jetzige Erziehung des Hanfes nicht eher erreichen kann, als bis man zur Einsicht kommt, dass einseitige Ausbildung des Intellekts ebenso fehlerhaft ist als einseitige Ausbildung des GernüthS. Während auf der einen Seite Verstandesmenschen erzogen werden, denen alles Ideale, nicht der Wirklichkeit entsprechende als Unsinn erscheint, erziehet man bei der einseitigen Ausbildung des Gemüths Phantasie», Schwärmer, unpraktische Menschen. Nach jüdische» Grundsätzen ist beides falsch -pi c;: rrv-r T^n rz' pjt ist der die jüdische Erziehung leitende Grundsatz. Das Erlernen der Thora schliesst die Hingebung an alles Edle in sich, denn was gibt cs Edleres als das göttliche Gesetz. Wer sich ihm hingibr» der hat ein Herz für alles Edle. Darm» ist cs Pflicht der Eltern, was in ihrer Kraft steht zn thnn, dass ihre Kinder in der Gottcslchrc unterrichtet, im Gotteshaus heimisch und mit dem Gottes dicnste bekannt werden. Tas ist, was wir vor» Hanse verlangen. Mit den paar Stunden hebräischen Unterricht hat der Jude seine Pflicht seinen Kindern gegenüber nicht gerhaii; das Haus und die Synagoge, sie sind die Facroren» welche dem Kinde die Hingebung für das Edle, Wahre und Gute «inpflanzen. Wenn das Kind Friede, Eilitracht, Men schcnticbe und Gefälligkeit. Gottesfurcht und frsmmen Sinn im Haufe kennen lernt, wenn es sieh!, wie das Gemeine und Niedrige verabscheut, das Edle und Erhabene hock gehalten wird, so muss jene Hingebung für das Edle, die unser Volk stets

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