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Der Israelit · 1887-09-08 · Heft 70 (8.9.1887) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 70 (8.9.1887)
Date
1887-09-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1277 der Bergstadt M. sollte sich ein so plötzlicher Glückesnurz, eine so unerwartete Störung eines schönen Familienlebens jetzt zum zweitemnale und zwar bis zur Vernichtung vollziehen! GS war ein naßkalter Wintertag. Nach mehrwöchentlicher Kälte war plötzlich Thauwctter eingctrcten. Die bleifarbene Wolkendecke, welche den Himmel einhullte, hatte sich in einen feinen Sprühregc» aufgelöst. Tie ganze Atmosphäre schien in Nebel eingchüllt zu fein. Von den tief niedcrhängendcn Aesten der Bäume fielen die schwer auf ihnen lastenden Schnccmasfen bald hier, bald dort stoßweise herunter, so daß die Acste sich wie tiefaufarhmend langsam wieder in die Höhe zu richten vermochten. Von den Dächern wälzten sich kleine Schncelawinen herab und sielen mit dumpfem Geräusche zu Boden. Tic an den Tachrändcrn hängenden Gisnadcln folgten ihnen eine nach der andern nach und beendigten ihr glitzerndes Dasein in dem kalten Grabe de? in der Austösung begriffenen LchneeS. Die auf der Straße wandelnden Menschen hüllten sich fester in ihre Mäntel; denn der kalte Winterodem schien ihnen durch die Kleider bis auf den Leib zu dringen und erfüllte sie mit einem empfindlichen Kälteschauer. Wen nicht der Beruf oder ein unaufschiebbarer, geschäftlicher Gang auf die Straße trieb, der blieb zu Hanse und suchte die Nähe deerwärmenden Lferrs auf. Gs war einer von den Tagen, die nran zu den unfreundlichsten des ganzen Winters zu rechnen pflegt. Dr. Rüben hatte in einem, zwei Stunden weit entfernten Dorfe eine Trauung vorzunchmcn und war des Morgens um neun Uhr wcggcfabren. Therese war des Nachmittags über sehr unruhig. Sie stand!n (Erwartung der Rückkunft ihres Vaters stundenlang am Fenster. Endlich, als der Abend bereits zu dämmern begann, kant der Wagen. Sic eilte freudig hinaus, um den Vater zu begrüßen. Der Kutscher sprang vom Bocke und öffnete die Wagcmhüre. Therese lief eilig herbei, um beim Ausstrigcn behilflich zu fein. Himmel, wer beschreibt ihre« Schrecken, bei dem Anblicke, der fich ihr darbot! Sie schrie laut und jämmerlich auf. Tr. Rüben war vom Wagcnfitze heruntergefallen und lag bewußtlos im Wagen. Auf ihr Jammergeschrei eilten die Nachbarn herbei, welche, als Dr. Rüben troy ihres Rufen- und Schüttelnkein Lebenszeichen .von sich gab, denselben mit Hilfe deebenfalls züm Tode erschrockenen Kutschers ans dem Wagen hoben und in sein bereits geheiztes Schlafzimmer trugen, wo sie idn auf's Bett legren, Eurer der Nachbarn lief eilends zum Ar^le. welcher auch al-bald erschien. Als derselbe den regungslos auf dem Bette Liegenden untersucht hatte, machte er ein bedenkliches Gesicht und erklärte, daß ein Schlaganfall vorlicge. die Rückkehr zum Bewußtsein zwar möglich sei,' Rettung aber schwerlich. Gr schrieb ein Reccpt, welches alsbald in die Apotheke getragen wurde. Gr nahm einstweilen Einreibungen vor, welche ohne Erfolg blieben. Als die Arznei gebracht wurde, schüttete er dem Patienten einen Löffel voll ein. Nach einer kleinen Weile schlug derselbe die Augen auf. Sein Blick irrte suchend im Zimmer umher. Man merkte, daß er seine Tochter suche. Man hatte dieselbe gleich, als der Arzt kam, aus dem Zimmer entfernen wollen; sie hatte sich diesem aber energisch widersctzt, so daß mau davon adstchen mußte. Jetzt lag sie vor einem Stuhle hingekauert, den Kopf auf dem Stuhle und in Thränen aufgelöst. Man führte sie vor den Vater an's Bett. Die Nachricht von dem schrecklichen Vorfälle hatte, trotz später Abendstunde, schnell die ganze Stadt durcheilt, und mehrere Freunde und Verehrer des Dr. Rüben waren herdeigceilt und standen jetzt todtenbleich mit verstörten Gesichtern unfern des Krankenbettes ihres geliebten Freundes und Lehrers. Als der suchende Blick des Kranken jetzt aus seine Tochter fiel, zog ein freudiges Aufleuchten durch seine Augen. Gr streckte seinen Arm aus und legte feine Hand auf Theresens Kopf. Seine Lippen bewegten sich kaum merklich. Er lispelte Segcnsworte. Tann ließ er seine Hand von ihrem Kopse an ihrem Arme heruntergleiten und faßte ihre Hand, die er festhielt. Gr versuchte zu sprechen, doch vergeblich. Der Arzt schüttete ihm noch einige Löffelchcn Arzcnei ein. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihm endlich, sich, wenn auch nur schwer und mit vielen Pausen, verständlich zu machen. >Jch sterbe, liebes Kind!- sagte er, „bleibe brav und fromm! Dort die Kiste,- fuhr er fort, indem er mit der Hand nach einer, seinem Bette gegenüber stehenden» mit prachtvoller Schnitzarbeit versehenen Kiste zeigte, „dort die Kiste ist ein Familienstück aus der Familie Deiner, lieben, g'tten Mutter, die muß Dir heilig sein und bleiben. Tic Kiste und was sic an Büchern und Kleidungsstücken enthält, darf nie verkauft werden! Wo Du bist, muß auch die Kiste mit ihrem Inhalte sein. Sie enthält die Bücher, die Deine gute Mutter gewöhnlich benutzt hat. sowie ihren Schmuck und ihr Brautkleid. Dann muß ich Dir noch sagen, daß- . . . Hier verließ ihn die Sprache wieder. Seine Hand, welche bidahin die Hand der Tochter fcstgehalten hatte, ließ dieselbe los; er hüstelte ei» wenig, die anwesenden Israeliten traten näher hinzu und sagten, wie üblich, in hebräischer Sprache

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