Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 67 (29.8.1887)
- Date
- 1887-08-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449697-2449764--27086-2516946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1222 Stunden dort erscheint, ja vielfach sogar auch nicht riinnsl :js Jahre sich in^ Gotteshause sehen läßt? Tie „geläuterte' Anschauung de« modernen Jude» weist ja die Auffassung, als ob Gott auf da- Gebet höre, als eine Entwürdigung der reinen GotteSidec von sich. Warum man aber doch einen Eultus, eine Synagoge, einen Prediger und Eantor hat? Tie Antwort liegt sehr nahe. Nicht weil man sic braucht, sondern weil man den Schein wahren will, weil man nun trotz der Aufklärung des 19. Jahrhunderts in einer Welt lebt, die noch zu Gott betet und Gottesdienst übt. Wenn man doch den modernen Eultus nur zum Scheine und um keine Ausnahme zu machen beibchält, so kann doch darin nicht die Andacht, nicht der Gottesdienst bestehen. Was versieht denn heute überhaupt das moderne Geschlecht unter jüdischer Religion? Tas jüdische Rcligionsgesetz erkennt man nicht au. Eine klare, ehrliche Definition wäre uns von jener Seite sehr erwünscht. Glaubt man baut wirklich, ohne Nclkgionsgcsctz, ohne religiöse Verpflichtungen könne man von einer Religion redend Wir sehen cs doch ander? bei allen Völkern der Erde. Und der moderne Jude will eine Ausnahme machen und glaubt sich hcrabzuscven. glaubt an Achtung, an Werth zu verlieren, wenn er nach den Gesetzen und Sitten. und. Bräuchen feiner Religion lebt? O, der falschen Scham, des traurigen Scheines und der grenzenlosen Verwirrung.'.'.' Und doch immer die Anmaßung von einem geläuterten Bewusstsein, von einem geläuterten Gottesdienst zu reden und eine» erbitterten Kampf gegen die Vertreter des Gottcsgcsctzcs und gegen dieses Gottcsgcsctz selbst zu führen und sich selbst als die wahren Vertreter des Indcnthmns hinzusicllcn! Tas find die Folgen der Ucbertrctung icncr Warnung: Füge nichts hinzu, nimm auch nichts davon. Warum aber, so höre ich fragen, warum haben die Rabbiner hinzugesügt, haben diese Warnung nicht beachtet und viele Vorschriften ausgestellt, dem göttlichen Gesetze gleichgestellt? Wer nur irgend welche Kcnnlnkß unseres Gesetzes besitzt, für den bedarf cs keiner weiteren Aufklärung. Es gibt aber Viele, die auf solch eine grundlose Behauptung hin sich stützen und die Berechtigung daraus folgern: Well unsere Gcscyescrklärcr aus Grund cingctrctencr. veränderter Verhältnisse, Zusätze und Erweiterungen sich erlaubten, also daS iron „Ihr soll! nichts hinzusügen,' übcrtreten hätten, oder diese Hinzusügung als berechtigt und nothwendig erklärten; so wäre damit der Beweis geliefert, daß dieser AuSspruch auch für unS heute nicht mehr bindend sei. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Corrcspondenzen. Deutschland. Bischweiler, Elsaß, 8. August. „Herr Pfarrer Grimm veröffentlicht im hiesigen Wochenblatt, dag ihm die Familie des am 11. Juli beim Baden im Rhein verunglückten Fabrikanten Ulrich Ernst, in Ausführung der eigenhändigen Aufzeichnungen des Verewigten vom 5. November 1882 3100 M. übersendet, wovon bestimmt sind: 1000 M. für die protestantischen Armen, 500 M. für den hiesigen Versorgungsvcrein, 500 M. für die kath. Armen und loooM. fürdie israclitischenArmen." Ter humane Mann war Protestant, Schweizer von Geburt und 62 Jahre alt. Als geübter Schwimmer pflegte er nur im offcueu Rheine zu baden, wo ein Hcrzscklag sein Leben endete. Italien. Rom. In den jüdischen Gemeinden Italiens hat der Tod dcS verstorbenen Minister-Präsidenten Angustino Tcpretis aufrichtige Trauer hcrvorgerufcn: denn der Verstorbene war cm aufrichtiger Freund der Juden. Teprcris liebte das jüdische Talent und hat cs aus alle erdenkliche Weise bevorzugt. Dreimal wählte er zu sciucn Privat Sekretären Israeliten, und wenn es nach ihm gegangen wäre, so wäre unser Glanbcnsgenoffe Lnzatti längst Minister gewesen. Tcpretis war ein heftiger Gegner der antisemitischen Hetzereien, und als die von ihm unterstützte „Gazctta dcl Populo' — einmal einen Artikel gegen die Juden brachte, bestand er darauf, daß der betreffende Redakteur aus der Zeitung entfernt wurde. Der hochwürdige Herr Samuele Alatri zählte z» seinen intimsten Freunden. Tcpretis war es auch, der für die Schöpfung des israelitischen Asylhanscs bedeutende Beiträge spendete. Kurz, er hat nicht gekargt, wo es sich darum handelte, den Juden gegenüber sein Wohlwollen zu bcthätigcn. Lehr oft wohnte er den jüdischen Feierlichkeiten im Tempel bei. Mit Recht rief sein Tahinschekden bei den Israeliten allgemeine Trauer hervor. Was nun seinen Nachfolger Erispi anbclangt, so tbeilt er in dieser Beziehung feine Gesinnung. Erispi liebt die Juden ebenfalls. Das erhellt zur Genüge daraus, daß sein Blatt»