Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 64 (18.8.1887)
- Date
- 1887-08-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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116« Judengesetze Ihatsächlich gehandhabt rverden. Bisher ist dies nicht geschehen, aber die Juden leben heute in vollkommener Abhängigkeit von der Gnade oder Laune der Gcwaltiuhabcr, und müssen jeden Augenblick einer rücksichtslosen Ausübung der bestehenden Gesetze und damit ihres Ruins gewärtig sein.* Wir haben cs herrlich weit gebracht an der Neige deS neunzehnten Jahrhunderts. P a l ä ft i n a. Palästina. In Wien sind soeben die erste» Scheidemünzen eingerroffen, welche die neu gegründeten jüdischen Kolonien in Palästina als „Perach Tilwah", „Mikwah Israel". „Rösch Pinah", „Rischon Lezion" u. s. w. unter Garantie der Alliance Israelit in Paris heransgcben werden. Diese Scheidemünzen sind aus Bronze angescrligt und haben den Werth von einem ganzen, einem halben und einem Diertcl-Piastcr. Ans der Rückseite befindet sich der Slawe der betreffenden Kolonie mit hebräischen Buchstaben, während die Vorderseite die Buchstaben „?(. I. H." (Alliance Jsraclitc Universelle) und den Werth der Münze in Ziffern aufzuwcisen hat. Feuilleton. Anter spanischen Juden in Salonichi. Ginc intereffante Skizze über die vielgenannte Hafenstadt Salonichi am Meerbusen gleichen Namens, nach Konsrantinopcl die größte Handelsstadt der Türkei, veröffentlicht A. Strauß im „Pcster Lloyd", der wir Nachstehendes entnehmen: Salonichi ist eine jüdische Stadt; der überwiegende Thcil der Bevölkerung besteht ans Inden. Doch zeigen diese einen ganz andern (Charakter, und sie haben ganz andere Sitten und Lcbcnsgcwohnhciten, als die in Guropa allgemein bekannten Inden. Tic llrsachen, weshalb die spanischen Inden in Salonichi und in der Umgebung dieser Stadl sich so maffcnhaft niedcrgclasien, weshalb sie da eine dichte Kolonie gebildet haben, diese llrsachen werden sich erst ergründen lasten, wenn die Dokumente durchforscht sein werden, welche die gelehrten spanischen Inden jener Zeit himcrlancn haben. Unter den hiesigen Inden gibt es — dies last: sich sofort scstirellen — nicht einen einzigen, der Deutsch verstünde. Sie haben eine ganz außerordentliche Neigung, fremde Sprachen zu erlernen. Gin spanischer Jude spricht mindestens drei Sprachen. Doch gibt es unter ihnen Taufende, die 5 bii 6 Sprachen verstehen. Wenn sie unter sich sind, in ihren kirchlichen Gebräuchen, im Handel, iu alle» Beziehungen des Familienlebens gebrauchen sic die spanische Sprache. Außerdem sprechen sie Türkisch, Italienisch, Griechisch. Bulgarisch, Französisch. Tic Lastträger im Hasen sprechen überdies auch Guglifch. Titjknigcn. die dem großen Verein „Schulchan Hazibur" angchören, verstehen und sprechen außerdem noch Hebräisch. Tie Letzteren sind ans der Straße an ihren bunten Turbans von gepreßtem Frlzstoffe zu erkennen. Tie spanischen Juden in Salonichi gehören zu den schönsten Männer» des GrdbaUS. Gs sind kräftige, hochgewachfcne, starkknochige, schöne Gestalten 'mit einem vornehmen Aussehen, die besonders auffallen, wenn sie an Festtagen — Sommer und Winter gleichmäßig — in ihren langen VelzkauanS spazieren gehen, mit ihren prächtigen langen Bärten. rrichgeschurückttn Turbans und türkischen Pluderhosen. In allen jenen Balkanlündcrn, wo die Türkcrrherrschast ein Gndc genommen, wo alle an diese Herrschaft gemahnenden charakteristischen Züge abgestrcist wurden, wo die Frauen die türkischen Beinkleider durch moderne Roben von französischem Zuschnitt ersetzt und die Männer Fez und Turban gegen Hüte und Mützen verrauscht habe», wo mau kaum mehr Ginzclne findet, die noch Türkisch verstehen, ist der spanische Jude dcrjcrnge, der sich noch an die alte Lebensweise klammcrr und gut Türkisch spricht; ihre Frauen haben vollends die frühere Tracht bcibehaltcn, als ob nichts geschehe» wäre, als ob das alte Türkcnrcgime noch immer aufrecht stüride. Tiefes starre Festhalten aa den allhcrgcrvobnren Gebräuchen erklärt sich ans den konservative» 9kcigungcn der Juden. Nur so ist cs degrcistich, daß diese Mensche» noch heute, nachdem sie feit Jahrhunderten die Hennath verlassen. Spanisch reden, obgleich Spanien sie vertrieben, vaterlands- -los gemacht har. Wen» sie auf der Straße crnherwandcln. glaubt man die patriarchalischen Gestalten der Bibel zu sehen. Sic haben ein vornehmes, würdevolles Auftreten. selbst wenn sie sonst die schwersten Taglöbner-Arbcrtcn verriLreu. Gs ist eine bekannte Tbarfache, daß in Salonichi die schweren Arbeite» fast ausnahmslos von Inden verrichtet wcrden. Die besten Taglöbner, die meisten Laftttäger. Schmiede, Klempner sind Juden, kurz: Juden sind cs, welche die schwierigste» Arbeite» verrichte».