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Der Israelit · 1887-08-18 · Heft 64 (18.8.1887) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 64 (18.8.1887)
Date
1887-08-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1167 j l l l "i;; t ) Niemals Verde ich das Bild vergessen, welches Salonichi bor, als ich dort wcillc. Tie Juden hatten eben ihr Lanbhültcnfcst. Schon 2—Tage vor Eintritt des Festes schleppten die allen Jude» aus dem Röhrickl der Umgegend die schweren Bündel Schilf, das sic zur Gindachung ihrer Hütten benutzten. Sie machen oft mehrere Wegstunden, nm da» erforderliche Schilf zu sammeln. Es ist ein Anblick, würdig eines Mcistcrpinscls, wcun 5—6 solche Schilsschobcr über die Srras;c wandeln; aus der Ferne glaubte ich. cs wären Wagenladungen, mindestens von zwei Büffeln gezogen; in der Nähe aber sah ich, das; ein alter Jude unter der Last eines solchen Schobers seufzt, während oben 2—3 minder — seine Knaben oder (ynfcl — allerlei Kurzweil treiben. Sie spielen vergnügt und sorglos, während der Alte mit langsamen. gemessenen Schritten dahin trippelt. Am Laubhütttnscst nehmen die Straßen eine seltsame Gestalt an, besonders in jenen Staditheilen, die in der Nähe des Hafens liegen und sich einerseits bis zu dem berüchligten Blutthurm, andererseits bis zu den ansehnlichen Waaren-Äagazinen hiuzichen. Diese Straßen sind zumeist von Inden bewohnt. Gleich Schwalbennestern kleben die schlanken Hütten an Thülen irud Fenstern der ersten, zweiten und dritten Stockwerke. Ans jedem fünften sea.sten Fenster steckten sie ein paar Bretter hinaus, welche sic zu einem kleinen Häuschen ancinar.dcrrcihtcn; obenauf legten sie Binsen, hängtcn inwendig Leinwand und Scitcndeckcn auf, und das Zelt ist fertig. Auf Hausdächcrn, in der Nähe von Schornsteinen, bei' den Treppenhäusern, über den Thoren, überall iah man Zelle. Man bewunderte nur die Kühnheit, mir welcher sich die Juden in dieses leichte Machwerk zu fetzen wagten, denn einem Europäer nn:st die r'rt und Weise, in welcher sic ein solches Zelt zusammenstclltc», als stanncnswcrihcr Leichtsinn erscheinen. Eine Gänscyanl übcrlies uns, als wir in einem aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes hinausgesteckren schwachen Zelte eine ganze Familie sahen, welche dorr as; und heilige Lieder sang. Die Zelte harren auch senstcrarrige Oessnnngen nach außen, ans welchen schöne spaniolische Mädchen und junge Frauen hcraussadcn. Ich ging in das „Hotel Golombo", um meinen photographischen Appara: zu holen, um wenigstens dieses Unikum zu verewigen. Ich kann lein schöneres Andenken von hier mitnehme::, als indem ich einige originelle Zelte phorographire. Mau kann sich leinen Begr-ff davorr uracheu, welches Aussehen mein Apparat in den Gassen der spaniolischcn Juden erregte. Ich sah rjn, daß ich auf der Straße zu nichts komme: Alles, was ich erreichen konnte, waren zwei Bilder, welche ich mit großer Mühe verfertigen konnte. Ich nahm mir vor, in eia großes Indcnhans zu gehen nnd dort zum mindesten den Hof zu photographircn; so trat ich denn auch in der Nähe eines jüdischen Tempels — es gibt deren in Salonichi mindestens 150 — In den Hof eines großen Hauses ein. Welch' malerisches Bild entrollte sich da vor meinen Augen: In diesem einen Hause gab es an scchszig Zelte, cs mochten also etwa scchszig Familien in demselben wohnen. In einem und dem anderen Zelte saß man noch bei Tische und hielt nach dem Mittagessen Siesta; die alten Herren mit ihren schneeweißen Bärten hatten Bibeln oder alte spanisch-jüdische Bücher in den Händen, die jungen Leute aber lachten und unterhielten sich. Die Frauen hatten sich mit außerordentlichem Luxus geschmückt: was sie an wcnhvollcn Gegenständen, Schätzen, Juwelen, Geldstücken besaßen — Alles prangte an ihren Kleidern, Köpfen und Armen. Ich stellte plötzlich meinen Apparat auf und empfand eine unsägliche Freude in der Meinung, daß ich dieses einzig schöne und besonders interessante Tableau mit nach Hanse nchmcn kann. Das sollte mir aber nicht so leicht werden. .Kaum hatte ich meinen Apparat ausgestellt — ich hatte ihn noch nicht einmal in die gehörige Lage eingerichtet —, umgaben mich, auch schon die kleinen Heiligen der spaniolischcn Inden wie die Hcnschrcckcnschwärme. Woher sie kamen, wieso sic auf einmal in so großer Zahl dort cmporschoffcn. weiß ich noch heute nicht. Im Grunde wäre cs auch gut gewesen, wenn ich sie hätte photographircn können , allein jedes von ihnen wollte in meinen unglücklichen Apparat gucken, um welchen sic so dicht hcrmnstanden, daß ich jeden Augenblick befürchten mußte, sie werden mir denselben im Gedränge Umstürzen und zerbrechen. Nach mancherlei Mühen und Ausclnandcrsetzun» gen gelang es dem Bcrfasicr der Skizze, eine photographische Ausnahme zu machen, auch gelang cs ihm, den großen Iudcnsriedhos zu photographircn. Dieser Indcnsricdhof erstreckt sich über eine große Fläche am östlichen Ende der Stadt. Gr zieht sich im Umfange von mehreren Duadrat-K ilometcrn den Berg hinan m:d unterscheidet sich von den neben ihm gelegenen Friedhöfen der Türken und Griechen dadurch, daß die Grabsteine sämmtlrch flach und der Länge nach auf der Erde liegen. Es' ist eia gespenstischer Anblick, besonders zur Zeit der Dammerung nnd gegen Mittag, wenn die Sonne die weißen Sterne und Marmorplatten voll befcheint.

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